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Hacktivismus in den Zeiten der Krise: Cory Doctorow, Homeland

15 Feb 2013 Ansgar Warner 0 Kommentare

Marcus Yallow alias “w1n5t0n” ist wieder da – doch nicht nur für den Autor, auch für den Helden aus Cory Doctorows Roman “Little Brother” sind einige Jahre vergangen. Spielte die Handlung des ersten Teils dieser Polit-Hacker-Story noch in der von George W. Bush geprägten Post-9/11-Ära, so geht es in “Homeland” um das Amerika von Wirtschaftskrise & Occupy Wallstreet. Wie der Titel schon verrät, hat sich am grundlegenden Konflikt zwischen (Netz-)Bürgern und dem Sicherheitswahn der Behörden nichts geändert: ähnlich wie in der TV-Serie “Homeland” ist auch im Roman “Homeland” die “Heimatschutzbehörde” das Synonym für staatliche Paranoia. Verfassungsgrundsätze werden ausgehebelt, Bürger ausspioniert, zugleich haben die Mächtigen viel zu verheimlichen. Doctorows “Little Brother”-Sequel beginnt auf dem “Burning Man”-Festival in der Wüste von Nevada: Als dem College-Dropout Marcus ein Speicher-Stick mit brisantem Material zugespielt wird, geht die Jagd von neuem los. Schafft es Marcus, die Verbrechen der Regierung an die Öffentlichkeit zu “leaken”? Zum Glück hat sich der heldenhafte Nerd im Makerspace mit den neuesten Technik-Trends vertraut gemacht, vom Quadcopter bis zum 3D-Drucker.

“This stuff is real”: Nachwort von Aaron Swartz

Wie schon “Little Brother” ist auch “Homeland” kein normaler (Jugend-)Roman, sondern eher eine Mischung aus technophilem Hacktivismus-Traktat und Thriller-Rahmenhandlung: wer etwa wissen möchte, wie man einen Lügendetektor austrickst, findet eine ausführliche Beschreibung (siehe auch Preview). Für den BoingBoing-Blogger und DigitalRights-Aktivist Cory Doctorow war Literatur eben immer schon die Fortsetzung der Netzpolitik mit anderen Mitteln. Nicht ganz zufällig stammt eines der beiden Nachworte aus der Feder des prominenten Hacktivisten Aaron Swartz: “I can tell you something you wouldn’t believe if it came out of the mouth of any of those fictional characters: This stuff is real”, betont Swartz, und macht zugleich Mut: “It’s up to you to change the system” (siehe Preview). Swartz selbst ist dem System inzwischen selbst zum Opfer gefallen – nach einer abtrusen Anklage wegen Copyright-Verletzungen in 4,8 Millionen Fällen beging der erst 27jährige im Januar Selbstmord.

Homeland ohne DRM veröffentlicht

Ein trauriger Beweis dafür, wie recht Cory Doctorow hat: der Kampf für mehr Bürgerrechte und besseren Datenschutz ist vom Kampf gegen Digital Rights Management nicht zu trennen. Was wohl ein Grund dafür ist, dass die E-Book-Version bei Tor Books erschienen ist – der renommierte Sci-Fi-Verlag verzichtet nämlich seit 2012 komplett auf Kopierschutz. Bisher stellte Doctorow die elektronischen Versionen seiner Romane sogar unter eine weitgehende Creative Commons-Lizenz – von “Little Brother” existiert deswegen nicht nur eine kostenlose englische Version, sondern auch eine cc-lizensierte deutsche Übersetzung. Für die wenige Tage nach dem Start der Verlagsausgabe ins Netz gestellte cc-Version von Homeland gilt dagegen: “No Derivatives”. Die kostenlose Weitergabe bleibt also erwünscht, eine Abwandlung ist jedoch nur in Absprache mit dem Autor möglich.

Abb.: Tor Books (c)

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