Habemus fertig? 9,5 Hammer-Thesen für die Weltbild-Reform

Erst ein schneller Aufstieg, Nummer zwei im Online-Handel, medienwirksame Gründung der Gran Tolino-Koalition. Dann beschleunigter Strukturwandel im stationären Bereich, beides mit päpstlichem Segen. So kann man in zwei Sätzen die ungewöhnliche Geschichte des katholischen Weltbild-Konzerns beschreiben. Statt Pleite oder Verkauf war eigentlich die Radikalsanierung anvisiert. Die heilige Kuh namens Filialnetz sollte dabei ohnehin geschlachtet werden, schon im letzten Jahr war als Downgrading-Ziel plötzlich die Zahl von 100 (statt bisher 300) Buchhandlungen zu hören. Was durchaus Sinn macht – der Online-Anteil von Weltbild näherte sich zuletzt der 50-Prozent-Marke, weit über dem Durchschnitt der deutschen Buchbranche.

Nach dem Insolvenzantrag könnte nun alles deutlich schneller gehen, selbst wenn formal nur die Verlagssparte betroffen ist. Banken und Barsortimenter fürchten Kollateralschäden, die Bischöfe wohl auch Kollateranschäden. Alleine schon, weil zu Weltbilds wichtigsten Gläubigern katholische Finanzinstitute gehören: Liquiditätslücken in dreistelliger Millionenhöhe sind selbst für den Papst kein Pappenstiel. Doch ist wirklich schon Matthäi am letzten für Weltbild.de & das Filialnetz? Wenn man so weiter macht wie bisher, lediglich noch bestsellerorientierter, noch billiger, dann hat Weltbild wohl tatsächlich keine Chance. Letztlich gilt der von Sascha Lobo beim Tolino-Start angemeldete Generalzweifel für das gesamte Geschäftsmodell: „Meinen Sie nicht, Amazon kann das besser!?“ Deswegen hier nun 9,5 Thesen zur Weltbild-Reform…

These Nr. 1: Bestseller sind eine Todsünde

Eigentlich könnte die Überschrift zu These Nr. Eins auch lauten: „It’s the Backlist, Stupid“. Um Bestseller zu verkaufen, ob gedruckt oder als E-Book, muss man kein Buchhändler sein. Bestseller-Rankings, Bestseller-Tische, Bestseller-Regale – die gibt’s überall, auch im Supermarkt. Wer die Leser langfristig binden möchte, sollte ihnen ermöglichen, neue Themen, neue Autoren zu entdecken, die sie anderswo nicht finden. Stellt die Bestseller bitte endlich wieder zurück ins Regal, egal ob aus Holz oder virtuell! Bestseller sind für den Buchhandel ein genauso tödliches Gift wie Non-Books.

These Nr. 2: Buchsupermärkte bringen’s nicht

Eng verbunden mit dem Bestseller-Syndrom ist die Expansion der Buchsupermärkte: je mehr Fläche, desto mehr Umsatz ist nötig. Und was verkauft sich am besten? Ach ja, na klar, Bestseller. Am besten auch gleich überall im identischen Ambiente, wie beim Discounter oder der Systemgastronomie. Braucht man dazu wirklich eine Buchhandlung? Oder doch nur einen Buch-Automaten, oder eine automatisch auf Bestseller-Rankings aufgebaute Website? Weltbild beschäftigt in jeder Filiale Buchhändler. Gebt ihnen endlich den Entscheidungsspielraum, professionell mit Büchern zu handeln.

These Nr. 3: Ein E-Store braucht Moderation

Ja, Weltbild.de ist ein prima E-Store für Bücher und andere Haushaltsgeräte – wenn man darunter ein Warenwirtschaftssystem mit leckerem Frontend für den Endkunden versteht. Aber kann Thalia das nicht genauso gut? Und Amazon sogar besser? Überfrachtete Thumbnail-Wüsten plus Blinki-Blinki-Banner sind eine Todsünde. Dabei ist doch klar: drei Millionen lieferbare Bücher passen sowieso nicht auf eine Website, die von Menschen genutzt werden soll. Warum kann man nicht gleich auf der Startseite interessante Neuerscheinungen in Magazin-Form anmoderieren, Literatur zur Story machen, Inhalte journalistisch/blogospherisch aufbereiten? Warum wird immer nur Geld investiert, um alles genauso falsch zu machen wie die anderen?

These Nr. 4: Self-Publishing als strategische Chance

Eigentlich unglaublich: ausgerechnet Weltbild, nach Amazon die verkaufsstärkste Online-Plattform in Sachen Bücher, hat den Self-Publishing-Trend komplett verschlafen. Und sich sogar öffentlich dazu bekannt, dies auch weiterhin tun zu wollen. Liegt’s einfach nur daran, dass Weltbild eben eine „Verlagsgruppe“ ist, und mental diesen Schritt in Richtung Indie-Szene einfach nicht schafft? Eigentlich sollte es doch gerade umgekehrt sein – Weltbild könnte eine KDP-ähnliche Plattform perfekt zum Talentscouten für die bereits bestehende Verlagssparte nutzen.

These Nr. 5: Print-On-Demand & Filialnetz kombinieren

Weltbild besitzt sogar einen weiteren strategischen Vorteil gegenüber Amazon: Print-On-Demand-Versionen von selbst rekrutierten Self-Publishing-Autoren könnten exklusiv über die eigenen Filialen verkauft werden. Eine weitere große Chance: man könnte in den Filialen selbst Digitaldruckmaschinen aufstellen, um Indie-Titel, aber auch klassische Backlist-Titel von Verlagen vor Ort herzustellen. Solch einen Service kann bisher kein Konkurrent bieten.

These Nr. 6: E-Reading braucht keinen Eurofighter

Einen wohlfeiler Tipp zum Geld sparen: verabschiedet euch von teuren Experimenten mit vermeintlichen Kindle-Killern wie Tolino Shine oder Tolino Tab. Am Ende kommt doch nur der Euro-Fighter des E-Readings dabei heraus – mit hohen Entwicklungskosten und technisch nur im Mittelfeld, auf jeden Fall in einer Position, in der man nicht mehr so gut auffällt. Erinnert euch lieber an den ersten Satz des Johannesevangeliums: Am Anfang war der Logos. Kann das ein Zufall sein? Schickt Carel Halff zur Kick-Off-Konferenz von Log.Os, und arbeitet mit an der Genesis einer wirklich offenen Buchandelsplattform. Glowlightreader könnt ihr trotzdem verkaufen, denn es gibt zum Glück unabhängig entwickelte Alternativen wie den Pocketbook Touch Lux. Und siehe, es ward Licht!

These Nr. 7: Kirche ist Crowd – die Fundraising-Lösung

Das Geld ist knapp. Und die Badewannen der Bischöfe müssen auch bezahlt werden. Aber hey, die katholische Kirche ist doch die am besten organisierte Crowd der Welt. In Deutschland alleine mit 20 Millionen offiziellen Mitgliedern. Da sollte doch was gehen. Wenn jedes Mitglied 10 Euro spendet, ist Weltbild gerettet. Damit das funktioniert, setzt auf den Klingelbeutel 2.0: Fundraising im Internet, am besten bei Startnext. Formuliert ein Spendenziel (z.B. 200 Mio. Euro), definiert Incentives, vom Online-Segen über Rabattgutscheine für den Einkauf bei Weltbild bis zum Candle-Light-Dinner mit dem Kardinalskollegium. Und jetzt mal ganz ketzerisch gedacht: warum wandelt ihr den ganzen Laden (Weltbild meine ich jetzt) bei der Gelegenheit nicht in eine Genossenschaft um?

These Nr. 8: New Deal zwischen Kirche & Staat

Da hierzulande Kirche, Staat und Wirtschaft ohnehin unauflösbar miteinander vernetzt sind, wäre vielleicht auch eine Reform von ganz oben angesagt: die Aushandlung eines neuen Konkordats zwischen der Bundesrepublik Deutschland und dem Heiligen Stuhl. Abgesehen von einigen Nebenabreden zum Thema Subventionen böte sich als zentraler Punkt an: Abschaffung oder deutliche Absenkung der Kirchensteuer für Katholiken, dafür verbleibt die beim Einkauf in Weltbild-Filialen oder Weltbild.de anfallende Mehrwertsteuer bei Weltbild. So macht man die Gläubigen zu Prosumern – wer die Kirche unterstützen will, kauft bei Weltbild, wer nicht dran glaubt, woanders. Beteiligt man an diesem Deal auch die evangelischen Kirchen (bei ebenfalls knapp 20 Mio. Mitgliedern wäre wohl 50/50 angesagt), wäre rein rechnerisch jeder zweite Bundesbürger auch beim Durchqueren der Letternwüsten mit im Kirchenschiff.

These 9 bis 9.5: Der Gang nach Seattle

Das klingt alles zu unrealistisch, zu anstrengend, zu teuer? Okay, dann gibt’s natürlich noch die Möglichkeit, Weltbild insgesamt (These 9) oder in Teilen (These 9.5) an Amazon zu verkaufen. Wenn große Buchhandelsketten Pleite gehen, landen deren Marktanteile ja erfahrungsgemäß (siehe Borders in den USA) ohnehin bei der Nummer Eins, der traditionelle Buchhandel kann davon kaum profitieren. Mit dem rechtzeitigen Gang nach Seattle könnten die deutschen Bischöfe zumindest einen Teil der akut gefährdeten Arbeitsplätze erhalten.

Hinweis: Der Autor dieses Artikels ist Premium-Mitglied von Amazon sowie der evangelisch-lutherischen Kirche, glaubt aber im Alltag vor allem an die Deutsche Bank & an Che Guevara.

Veröffentlicht von

Ansgar Warner

Ansgar Warner arbeitet als freier Autor im Medienbüro Mitte (Berlin). Neben diversen Brotarbeiten für Presse & Rundfunk bloggt er hier rund um's Thema Elektronisches Lesen. Die spannende (Vor-)Geschichte der elektronischen Bücher erzählt Ansgar in "Vom Buch zum Byte". Praktische Infos für Autoren, Verleger & alle E-Reading-Interessierten vermittelt das "e-book & e-reader abc".

2 Gedanken zu „Habemus fertig? 9,5 Hammer-Thesen für die Weltbild-Reform“

  1. Zu These Nr. 4: Weltbild hat mit dem Neobook-Imprint doch eine Self-Publishing-Plattform?!

    1. Ja, nominell gehört Neobooks zur Hälfte dem Weltbild-Konzern. Aber als aktives Engagement in Sachen SP würde ich das jetzt nicht bezeichnen – das würde für mich bedeuten, eine stark frequentierte Buchhandelsplattform wie Weltbild.de aktiv, direkt und auch exklusiver mit einer SP-Plattform zu verknüpfen, so ähnlich wie bei Amazon & KDP. So wie es derzeit aussieht, ist es kein Wunder, dass Amazon den Großteil des SP-Marktes abschöpft und Weltbild in die Röhre schaut…

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