Grüsse aus dem „Greater Nazi Reich“: Amazon schockt Gäste der New Yorker U-Bahn mit Alternate-History-Szenarium

high-castle-ubahn-newyork„Wenn wir den Krieg gewonnen hätten…“, dichtete Erich Kästner kurz nach 1945, und auch anderswo malte man sich solche Szenarien mit Wogenprall und Sturmgebraus immer mal wieder mit leisem Schaudern aus. Im Jahr 1962 zum Beispiel Sci-Fi-Autor Philipp K. Dick in seinem großartigen Alternate-History-Roman „The Man in the High Castle“ (dtsch.: „Das Orakel vom Berge“) — siehe auch die gleichnamige TV-Serie von David Semel & Ridley Scott, produziert für Amazon.

Alternate History als Werberealität

Das Setting: Die Achsenmächte haben mit Hilfe der Atombombe den Zweiten Weltkrieg gewonnen, die fiktive USA ist in zwei Besatzungszonen aufgeteilt, im Westen japanisch, im Osten deutsch. In New York marschieren SA-Männer in Uniform, die Hakenkreuzfahne weht am Empire State Building.

Um die gerade angelaufene TV-Serie zu promoten, hatte Amazon sich etwas ganz besonderes einfallen lassen: Die Sitze von New Yorker U-Bahn-Waggons wurden mit den fiktiven Flaggen der Besatzungszonen aus „The Man in the High Castle“ bemalt, die Elemente des Sternenbanners, aber auch Insignien des Deutschen Reiches und des Japanischen Kaiserreiches enthalten. Plakate an den U-Bahn-Stationen zeigen u.a. die Freiheitsstatue mit Hitlergruß.

Skandal-Kalkül geht auf

Aufmerksamkeitsökonomisch ist die Guerilla-Werbestrategie voll aufgegangen, akzeptanzpolitisch aber leider überhaupt nicht: die Kampagne führte erst zu einem Aufschrei in den sozialen Medien, dann folgte die Politik – inzwischen hat sogar New Yorks Bürgermeister Bill de Blasio Amazon dazu aufgefordert, die „unverantwortliche und für Weltkriegs- und Holocaustopfer beleidigende“ Werbung zu stoppen.

Mittlerweile hatte das auch Erfolg: zumindest die High-Castle-Waggons wurden von der Metropolitan Transportation Authority (MTA) aus dem Verkehr gezogen, ursprünglich sollten sie bis Anfang Dezember unterwegs sein. Die Plakate dagegen hängen bisher noch. Für den Serienstart der deutschen Synchronfassung von „The Man in the High Castle“ dürfte der Skandal genau rechtzeitig kommen – immerhin hat es das Thema jetzt bis zu Spiegel Online & Co. geschafft.

Veröffentlicht von

Ansgar Warner

Ansgar Warner arbeitet als freier Autor im Medienbüro Mitte (Berlin). Neben diversen Brotarbeiten für Presse & Rundfunk bloggt er hier rund um's Thema Elektronisches Lesen. Die spannende (Vor-)Geschichte der elektronischen Bücher erzählt Ansgar in "Vom Buch zum Byte". Praktische Infos für Autoren, Verleger & alle E-Reading-Interessierten vermittelt das "e-book & e-reader abc".