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Großes B & drei Sternchen: Boox.to als Voldemort der Buchbranche?

29 Aug 2013 2 Kommentare

Piraten sind immer gut für einen Scoop, gerade am Ausgang des Sommerlochs. Doch Tagesspiegel und ZEIT online wollten es in diesen Tagen wohl wirklich wissen – sie interviewten via E-Mail nicht nur “Spiegelbest”, seines Zeichens E-Book-Pirat & Betreiber von boox.to, der größten illegalen Download-Plattform für elektronische Bücher in Deutschland. Die Gazetten wagten es dann auch noch, das branchenweit gefürchtete Tetragramm des Grauens gedruckt wie auch online voll auszuschreiben: B-O-O-X.

Die Reaktion ließ dann auch nicht lange auf sich warten: “Anders als üblich, wird die Plattform nicht anonymisiert, sondern interessierte Nutzer erfahren in dem Artikel den Klarnamen und somit auch die URL”, kritisierte der Branchenblog B*********, allerdings nicht ohne selbst auf den inkriminierten Artikel zu verlinken. Potentielle Nutzer, so die vor diesem Hintergrund nicht wirklich schlüssige Argumentation, würde man mit dem Bericht inklusive Namensnennung überhaupt erst auf die Plattform aufmerksam machen.

Mindestens ebenso unangenehm dürfte natürlich der Inhalt des Interviews gewesen sein. Schließlich begründet “Spiegelbest” darin das Engagement seines Teams mit den überhöhten E-Book-Preisen: “Es fehlt ein attraktives digitales Angebot der Verlage. Kein Verlag verdient mit E-Books Geld. Warum nicht? Es liegt immer am Anbieter, nie am Kunden”. Sich selbst stilisieren die Piraten dagegen als einen Teil der Lösung: “Die Verlage haben nicht erkannt, dass sie es nicht mit Ladendieben, sondern mit einer neuen Art Verlag zu tun haben. Wir sind ein gefährlicher Konkurrent. Wir verkaufen unser Produkt für null Euro”.

Zumindest auf das Interview reagierte die Branche dann aber ähnlich, wie man es schon von Verstößen gegen die Buchpreisbindung gewohnt ist – die unliebsame Konkurrenz soll mit juristischen Schritten gestoppt werden: B********* zufolge wurde bei der Staatsanwaltschaft Hamburg bzw. Berlin Anzeige gegen die Redaktionen erstattet, da diese “Beihilfe zur Urheberrechtsverletzung” geleistet hätten. Neben der Namensnennung auch dadurch, dass für “die Vorteile des illegalen Angebotes” geworben wurde.

Hoffnung auf Erfolg macht sich der anonyme Anzeigerstatter aber offenbar selbst nicht – es sei eine „Prinzipiensache mit wenig Aussicht auf Erfolg“. Um diese Andeutung voll zu goutieren, muss man natürlich wissen: Das Prinzip, das der Prinzipiensache offensichtlich entgegensteht, heißt Pressefreiheit. Die umfasst nämlich nach geltender Rechtssprechung auch die Nennung von Namen und Verlinkungen, wenn sie “einzelne Angaben des Beitrags belegen oder diese durch zusätzliche Informationen ergänzen sollen”.

Pikanterweise war der Anlass für ein entsprechendes Urteil eine Klage der Musikindustrie gegen Heise Online (danke an Stefan von Phantanews für den Tipp!) – das Portal hatte in einem Artikel auf eine Website verwiesen, die Cracking-Software zur Umgehung von Kopierschutz anbietet. Das zeigt: Nicht nur bei DRM und File-Sharing, sondern auch beim Journalisten-Bashing kopiert die Buchbranche offenbar eins zu eins die erfolglosen Strategien der Musikbranche. (Übrigens zeigt bereits ein Blick auf das Börsenblatt, dass die Namensnennung von Piratenplattformen branchenintern auch bei den Book People durchaus üblich ist.)

Abb.: Flickr/Fu Man Jew (cc)

2 Kommentare »

  • PhantaNews schrieb:

    “Das zeigt: Nicht nur bei DRM und File-Sharing, sondern auch beim Journalisten-Bashing kopiert die Buchbranche offenbar eins zu eins die erfolglosen Strategien der Musikbranche.”

    Sehr schön, der hat mir gut gefallen. :)

    Wenn es nicht so wahr wäre … Die Evolutionsresistenz der Branche ist fast schon erschreckend. Oder die halten die Musikindustrie für so weit unter ihrer Würde, dass sie sich mit deren Beispiel gar nicht abgeben. (/sarkasmus off)

  • ALLESebook.de schrieb:

    Strafanzeigen gegen Zeitungen wegen Beihilfe zur Urheberrechtsverletzung…

    In den letzten Wochen haben wir bereits mehrmals über das illegale Downloadportal b***.to berichtet. Wir waren allerdings nicht die einzigen, auch der Tagesspiegel und die Zeit haben über die schnell wachsende Plattform geschrieben. Dabei haben beide Z…