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Großer Bruder liest mit: „Wer E-Reader nutzt, muss auf Privatsphäre verzichten“

13 Dez 2012 Ansgar Warner 2 Kommentare

E-Reader haben in Sachen Privatsphäre einen entscheidenden Vorteil – mangels Covereinband kann der Sitznachbar in der U-Bahn nicht sehen, was man gerade liest. Vielleicht ja „50 Shades of Grey“? Es gibt aber auch einen Haken: Amazon, Google & Co. wissen auf jeden Fall bescheid, selbst wenn man nur in den eigenen vier Wänden schmökert. Denn in Zeiten von WiFi-Lesegeräten, Cloud-Bibliotheken und drahtlosem Shopping via E-Store fallen eine Menge Daten an: „In fast allen Fällen muss man bei der Lektüre von E-Books auf weit mehr Privatsphäre verzichten, als wenn man in einer Buchhandlung oder Bibliothek die Regale durchforstet oder zu Hause ein Buch aus Papier aufschlägt“, stellt die Electronic Frontier Foundation (EFF) fest. Für ihren aktuellen „E-Book Buyer’s Guide to Privacy“ sichteten die digitalen Bürgerrechtler die AGB’s und Datenschutz-Richtlinien großer E-Book-Anbieter wie Amazon, Google, Kobo oder Barnes&Noble.

“E-Book-Buyer’s Guide to Privacy”

Dabei ging es um Kriterien wie der Nachverfolgung von Suchanfragen und der Speicherung von Transaktionsdaten bis hin zur detaillierten Auswertung des Leseverhaltens und der Datenweitergabe an Dritte. Wie schon bei früheren Versionen des „E-Book Buyer’s Guide“ kam dabei heraus: so wirklich trauen kann man eigentlich keinem der großen Anbieter (siehe Infografik). Denn sensible Daten wie etwa der Lesefortschritt, Anmerkungen und Markierungen werden generell auf den Servern der Unternehmen gespeichert und auch weitergeben, zumindest an Nachrichtendienste, Strafverfolgungsbehörden wie auch an private Prozessparteien. Der Zugang zu den gespeicherten Daten für den Kunden selbst dagegen ist stark eingeschränkt – lediglich Kobo erlaubt jederzeit das Anzeigen und Ändern der aufgelaufenen Nutzerinformationen.

Data-Mining als Goldgrube für Buchhandel & Verlage

Während kritische Konsumenten sich die Haare raufen, bedeutet die Datenflut für den Online-Buchhandel eine wahre Goldgrube. So weiß man bei Kobo etwa, dass die Leser im Durchschnitt den dritten Band der Hunger-Games-Trilogie in nur 7 Stunden verschlungen haben. Barnes&Noble wiederum hat über die Nook-Nutzer herausbekommen, was sie unmittelbar nach der Lektüre des ersten Bandes der Trilogie machen: sie laden den zweiten Band herunter. In den USA werden solche Informationen bereits mit den Verlagen geteilt – schließlich können die Buchmacher das Feedback gut für die Ausgestaltung des eigenen Angebotsspektrums nutzen. Zu den besonders innovativen Akteuren auf diesem Gebiet gehört Hiptype. Das US-Startup bietet ein Plugin an, mit dem Verleger dem Durchschnitts-Leser quasi über die Schulter schauen können, immer auf der Suche nach der perfekten E-Book-DNA.

Was passiert eigentlich in Deutschland?

In welchem Maß auch das Lektüreverhalten deutscher Leser überwacht wird, und wo die Daten im Zweifelsfall überall landen, ist dagegen kaum bekannt. „Wir wissen nur, dass es gemacht wird. Und wir wissen auch, was für ein Potential darin steckt“, so der prominente Datenschutzexperte Thilo Weichert gegenüber der Deutschen Welle. „Sicher ist, dass die US-amerikanischen Dienste so etwas machen, weil dort datenschutzrechtliche Regeln dem nicht entgegen stehen.“ Wer also zwischen Aachen und Zittau auf dem vernetzten E-Reader die falschen Bücher liest (etwa zum Thema Psychologische Kriegsführung, Uranverhüttung oder Silent Killing), könnte also am Ende mit einem Einreiseverbot in die USA konfrontiert werden. Schon alleine durch den Austausch sicherheitsrelevanter Informationen zwischen „befreundeten“ Staaten landen bestimmte Daten am Ende wohl auch bei deutschen Behörden. Die Zahl der potentiell Betroffenen ist groß: immerhin liest rein statistisch schon jeder vierte Bundesbürger elektronisch.

Privatsphäre nur noch ohne Komfort der Cloud

Die gemütlichen Tage der Gutenberg-Galaxis sind wohl unwiderruflich Vergangenheit: „Jahrhundertelang war das Lesen ein privater und einsamer Akt, ein intimer Gedankenaustausch zwischen dem Leser und den Worten auf der Seite“, schrieb vor kurzem das Wall Street Journal. „Doch der Aufstieg elektronischer Bücher hat zu einem tiefgreifenden Wandel unseres Leseverhaltens geführt – und die Lektüre sowohl messbar wie auch quasi-öffentlich gemacht.“ Wer dem literarischen Verhaltens-Tracking so weit wie möglich entgehen will, muss auf den Komfort der Cloud verzichten – ein Mindestmaß an Privatsphäre gibt’s nur noch auf unvernetzten E-Readern, die via USB mit Lesestoff versorgt werden. Bequemes In-App-Shopping via Smartphone oder Tablet fällt ebenso weg. Als Alternative empfehlen sich dagegen unabhängige E-Reading-Apps wie Bluefire oder Aldiko.

Abb.: Mike Licht/Flickr

2 Kommentare »

  • Joerg schrieb:

    Was passiert bei E-Books, die nicht bei Amazon gekauft wurden, sondern per USB auf den Reader geladen werden? Werden diese E-Books auch mit der Cloud synchronisiert?

  • Nihilius schrieb:

    Wer sich unbedingt ein Gerät anschaffen will bei dem dergleichen nicht verhinderbar ist muss eben damit leben, genauso wie wer facebook-mitglied ist mit den AGB von Fuckerbergs Schundfirma leben muss. Es gibt genug reader und genug quellen für ebooks bei denen dergleichen mist nicht stattfindet; ich kann nur dazu aufrufen einfach dergleichen Geräte und Dienste nicht mit Geld zu versorgen, dann löst sich das Problem hoffentlich bald in Insolvenzen auf.