Google und die Zeitungskrise: Wird Suchmaschinen-Riese bald zum digitalen Kiosk?

Google und die Gutenberg-Galaxis, nächste Runde. Neben Bibliothekaren und Verlegern hegen auch die Zeitungs-Macher Groll gegen den Suchmaschinen-Riesen. Ermöglicht nicht ein Dienst wie Google-News, dass sich User eine eigene Online-Zeitung zusammenstellen? Manche höhnten schon, bald würde Google die New York Times für einen Dollar aufkaufen. Tatsächlich ist in letzter Zeit einiges in Bewegung geraten. Im E-Book-Geschäft etwa startet der Branchenriese demnächst den Direkt-Verkauf mit einer eigenen Internet-Plattform. Wird Google in Zukunft etwa auch zum digitalen Zeitungskiosk?

„Online-Zeitungen verdienen mit Hilfe von Google Milliarden Dollars“

In einem Interview mit Le Monde teilte Vizechef David C. Drummond am letzten Wochenende erstmal kräftig aus in Richtung Papier-Medien: „Das Internet existiert seit 15 Jahren, aber die Presse hat bisher kein überzeugendes Online-Modell angeboten!“ Drummond zeigte sich frustriert darüber, dass man ausgerechnet dem Unternehmen aus Mountainview/Kalifornien die Schuld für die weltweite Zeitungskrise in die Schuhe schiebt. Und machte seine eigene Rechnung auf. Die Presse würde eher von Google profitieren: „Online-Zeitungen verdienen mit unserer Hilfe Milliarden Dollar. Wir schicken ihnen Milliarden Klicks gratis. Wenn die Leute mit Google oder Google News nach einer Information suchen, landen sie am Ende bei einem Zeitungsartikel. Diese Milliarden Klicks haben für die Zeitungen einen Wert von jährlich etwa 6 Milliarden Dollar, Google selbst macht bisher weitaus weniger Profit damit.“ Drummond beteuerte allerdings, man wolle auch in Zukunft nur Informationen „vermitteln“, und keinesfalls selbst Content produzieren.

Wenn Google E-Books verkaufen kann, warum nicht auch E-Newspaper?

Das pikante ist jedoch: auch Zeitungs- und Buchverlage produzieren letztlich keinen Content. Das machen die Autorinnen und Autoren. Brauchen Journalisten und Schriftsteller in Zukunft noch Verlage, oder nur noch Google? Vertrieb und Marketing kann Google offenbar schon jetzt. Erst vor wenigen Wochen meldete die New York Times, in Zukunft soll ein Direkt-Verkauf von digitalen Büchern stattfinden: “Google’s Anwendung wird den Benutzern ermöglichen, E-Books auf jedem Gerät zu lesen, das einen Internetzugang hat, inklusive Handys”, wurde Google-Manager Tom Turvey zitiert. In diesem Fall tritt Google freilich noch als „Vermittler“ zwischen Verlagen und Buchkäufern auf. Allerdings ein Vermittler mit deutlichem Machtpotential: zumindest in den USA will Google nämlich selbst den Endpreis der Ware festlegen. Die große Frage ist also, ob Google in Zukunft auf dem Zeitungsmarkt weiterhin Milliardenbeträge verschenken wird oder selbst aktiv wird.

Google News ist schon jetzt der Prototyp eines E-Papers Marke Eigenbau

Google News stellt schon jetzt ein frei konfigurierbares E-Paper aus online verfügbaren Artikeln zusammen. Nutzer können Standardrubriken auswählen (Internationales, Wirtschaft, Kultur), aber auch eigene Rubriken mit selbstgewählten Keywords erstellen (z.B. E-Books plus iPod). Auch die Sprache ist frei wählbar. Um den ganzen Artikel zu lesen, muss man bis jetzt noch die Web-Präsenz der jeweiligen Zeitung ansteuern. Bis jetzt. Viele Online-Zeitungen, deren aktuelle Ausgabe frei verfügbar ist, verkaufen aber schon jetzt einzelne Artikel aus ihrem Archiv. Was spricht gegen den Verkauf einer „Compilation“ aktueller Rubriken verschiedener Zeitungen, vermittelt und abgerechnet via Google News? Das Feuilleton der Volkskrant, die Kommentare vom Guardian, den Wirtschaftsteil der Süddeutschen, und die „Wahrheit“ von der taz: Wie wärs? Im Bereich der RSS-Feeds gibt es die Zeitung „Marke Eigenbau“ jetzt schon. Viele Blätter bieten einzelne Rubriken als RSS-Feed an, oft im Probebetrieb auch für Nicht-Abonnenten. Über eine Aggregator-Software wie Calibre lassen sich verschiedene solcher Nachrichten-Feeds zu einem Dokument zusammenfassen, das dann mit einem E-Book-Reader oder iPhone/iPod Touch gelesen werden kann. Alles, was eigentlich noch fehlt, ist ein anderes Kaliber: die Zeitung Marke Eigenbau müsste als massentauglicher Web-Service angeboten werden. Google, übernehmen Sie…

Veröffentlicht von

Ansgar Warner

Ansgar Warner arbeitet als freier Autor im Medienbüro Mitte (Berlin). Neben diversen Brotarbeiten für Presse & Rundfunk bloggt er hier rund um's Thema Elektronisches Lesen. Die spannende (Vor-)Geschichte der elektronischen Bücher erzählt Ansgar in "Vom Buch zum Byte". Praktische Infos für Autoren, Verleger & alle E-Reading-Interessierten vermittelt das "e-book & e-reader abc".