Google Books oder: Putsch gegen die Gutenberg-Galaxis

„Wir bei Google lieben Bücher“, heißt es auf der Startseite der Google Buchsuche. Und die Liebe ist groß: mehr als sieben Millionen Bücher hat das Unternehmen in us-amerikanischen Bibliotheken bisher schon eingescannt, um die Inhalte via Internet zugänglich zu machen. Schließlich hat man sich zum Ziel gesetzt, die „Informationen dieser Welt zu organisieren und allgemein nutzbar und zugänglich zu machen“. Wäre da nur nicht das Copyright: denn nur eine Million Bücher aus dem Scan-Projekt sind „gemeinfrei“, zumeist, weil die Autorinnen oder Autoren schon lange tot sind. Die lebenden Autoren, Verlage und Rechteinhaber fanden die Idee mit Google Books gar nicht so toll:

„In der Geschichte des Urheberrechts sind noch nie sieben Millionen Bücher ohne Genehmigung von einem kommerziellen Unternehmen zur eigenen Nutzung vervielfältigt worden“

, echauffierte sich stellvertretend für den Börsenverein des deutschen Buchhandels Hauptgeschäftsführer Alexander Skipis. Er sprach sogar von einer „kalten Enteignung“, was fast so klingt wie „kalter Putsch“.

Google betreibt die „kalte Enteignung“ mit Erlaubnis der Gerichte

Die Putschisten putschen zwar gegen die Gepflogenheiten der Gutenberg-Galaxis, doch mit gerichtlichem Segen: solange es eine ansatzweise Vergütung für die Urheber gibt, darf Google nach einem Vergleich vor us-amerikanischen Gerichten vorerst weiterscannen. Kein Wunder, dass nun auch die Bibliothekare langsam so richtig neidisch werden:

„Wenn man sich die Folgen vergegenwärtigt, ist man sprachlos“

, schreibt etwa Robert Darnton, Leiter der Uni-Bibliothek von Harvard, in der deutschen Ausgabe von Le Monde Diplomatique. Googles Aktion könnte nämlich „zur größten Bibliothekt der Welt führen.“ Zwar eine digitale, aber immerhin:

„sie wird die Library of Congress und alle Nationalbibliotheken Europas schnell in den Schatten stellen.“

Neidisch werden dürfte Darnton zufolge im übrigen bald auch das Unternehmen Amazon:

„Google könnte sich überdies in Windeseile zum weltgrößten Buchhändler entwickeln — keine Ladenkette, sondern ein elektronischer Lieferdienst, der selbst Amazon überflügelt.“

Universitäts-Bibliotheken erhalten Google Book-Lizenzen nur gegen Cash

Um an die elektronischen Bücher heranzukommen, werden die großen Uni-Bibliotheken kräftig in die Tasche greifen müssen. Denn Google vergibt in Zukunft „institutionelle Lizenzen“ nur gegen Cash. Das könnte, so Darnton, absurde Folgen haben: schon jetzt würde man viel Geld für teuere Zeitschriften-Abos ausgeben, für Bücher blieben schon heute oft nur noch weniger als 25 Prozent der Etats. In Zukunft also noch weniger? Tatsächlich kann man sich fragen: wie lange wird es dauern, bis der Bücher-Monopolist Google, ähnlich wie Gasprom, an der Preisschraube dreht? Darnton wagt einen Blick zurück nicht ohne Zorn: Hätte man doch die Digitalisierung in den Neunziger Jahren selbst in die Hand genommen:

„Wir hätten eine digitale Nationalbibliothek schaffen können – ein dem 21. Jahrhundert entsprechendes Gegenstück zur Bibliothek von Alexandria.“

Diese Chance hätten die öffentlichen Institutionen leider verschlafen. Rückgängig machen kann man die Sache im Moment wohl nicht: da müsste Google schon ähnlich pleite sein wie General Motors. Doch der Daten-Riese strotzt vor Liquidität, eine Verstaatlichung des gigantischen Bücherstapels wird es nicht geben. Doch es bleiben kleine Lichtblicke für die Allgemeinheit, wenn es auch nur Krümel vom Tisch des Herrn sein mögen: jede us-amerikanische öffentliche Bibliothek darf kostenlos einen (!) Terminal aufstellen, um auf die Google Book-Bibliothek zuzugreifen. Times they are-a-changing: Vor zehn, fünfzehn Jahren spotteten kulturkritische Bibliothekare gerne, das Internet sei wie eine Bibliothek, in der jemand alle Bücher durcheinandergeworfen und dann das Licht abgedreht hätte. Jetzt müssen sie plötzlich feststellen: die Bücher stehen alle noch in Reih und Glied, aber eine Internet-Firma namens Google kontrolliert den Lichtschalter.

Veröffentlicht von

Ansgar Warner

Ansgar Warner arbeitet als freier Autor im Medienbüro Mitte (Berlin). Neben diversen Brotarbeiten für Presse & Rundfunk bloggt er hier rund um's Thema Elektronisches Lesen. Die spannende (Vor-)Geschichte der elektronischen Bücher erzählt Ansgar in "Vom Buch zum Byte". Praktische Infos für Autoren, Verleger & alle E-Reading-Interessierten vermittelt das "e-book & e-reader abc".