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[Gastbeitrag] Die Buchpiraten & das liebe Geld – ein Ausblick auf 2014

15 Okt 2013 spiegelbest 9 Kommentare

Ein Thema war in den Frankfurter Messehallen merkwürdig abwesend: E-Book-Piraterie. Dabei zeigte sich die Warez-Szene im Vorfeld der Buchmesse hochaktiv – neben forcierter Pressearbeit kündigte die Download-Plattform TorBoox an, ab Oktober einen Nutzungsbeitrag zu erheben. Das macht sie absurderweise zum einzigen echten Flatrate-Angebot für E-Books, denn viele große Verlage bremsen bisher ein legales “Spotify für Bücher” aus. Zu den Betreibern von TorBoox gehörte bis vor kurzem “Spiegelbest”, der im folgenden Gastbeitrag einen Ausblick auf 2014 wagt. (Muss das sein? Ich denke, ja. Da Piraterie sehr viel mit fehlgeschlagener Marken- bzw. Kundenkommunikation zu tun hat, sollte man gerade denjenigen zuhören, die aus Protest eine eigene Marke gründen, in welcher Form auch immer.)

“TorBoox ist kundenorientiert”

Aus der Sicht eines (ehemaligen) Buchpiraten will ich einen Ausblick auf das nächste Jahr wagen. Da ein Ausblick auch immer ein Rückblick ist, drehe ich zunächst mal kurz um: Dieses 2013 hat für die Buchpiraten große Veränderungen gebracht, deren Tragweite noch nicht ansatzweise erfasst wurde. Diese Veränderungen wurden zurecht an einem Angebot wie TorBoox festgemacht. Ich zähl also mal auf, was TorBoox ausmacht:

  • TorBoox ist uneinnehmbar – Abuse-Meldungen (= Anzeigen wegen Copyrightverletzung) sind wirkungslos
  • TorBoox ist kundenorientiert – sichere Downloads, Navigation für Netzungeborene, keine Werbung
  • TorBoox finanziert sich über einen Nutzungsbeitrag – die erzielten Einnahmen sind vermutlich hoch

TorBoox wird das Jahr 2014 entscheidend prägen. TorBoox hat nicht nur die Downloader der Szene angezogen, sondern vor allem die digital lesende Kundschaft des Buchhandels. Darin besteht die eigentliche Gefahr, die von TorBoox ausgeht. Ende 2013 verfügt TorBoox über erhebliche finanzielle Mittel. Besonders auf letzteren Punkt will ich eingehen, da er alle Spielregeln ändert: Bisher war es so, dass kaum Geld bei den Uploadern verblieb. Das Geld, das durch Werbeeinnahmen und den Verkauf von Premiumaccounts generiert wurde, floss an die Betreiber der großen Boards, an die One-Klick-Hoster und an Anbieter wie Firstload. Der Uploader selbst konnte mit seinen ‘Einnahmen’ kaum den nächsten Titel finanzieren. Ihm blieben nur Kleckerbeträge.

“Bisherige Wertschöpfungskette am Ende”

2013 aber läutet das Ende der bisherigen Wertschöpfungskette und der Spielregeln ein. Nicht umsonst ist TorBoox noch heftiger als vom Börsenverein von der eigenen Szene angegriffen worden. Dort wurde sofort erkannt, dass TorBoox für einen Umbruch steht. Ich stelle mir mal vor, die Buchbranche hätte den Stein der Weisen gefunden, wie im Internet mit E-Books Geld zu verdienen ist. Die Buchpiraten haben ihn gefunden – und es ist keine Meldung wert! Dabei ist die Summe, um die es geht, und damit Tragweite so schwer nicht einzuschätzen: Nehmen wir eine realistische Zahl von Nutzern an. Es wird ein Nutzungsbeitrag erhoben: € 3,33 pro Monat für 150 Downloads am Tag. Wie viele Nutzer werden dieses Angebot (zugegeben: mit geklauter Ware) annehmen? Keiner, wenige oder alle? Das mag sich jeder für sich selbst beantworten.

Man stelle sich nun eine Straße vor: Schicke Geschäfte, motiviertes Personal, Beiprogramm, ein hochpreisiges Angebot. Am Ende der Straße ist eine Freifläche: Flohmarktflair, ein paar windschiefe Zelte, wortkarg fremdländische Anbieter. Gegen einen geringen Eintritt aber wird das hochpreisige Angebot aus der Ladenstraße hier verschenkt! Frage: Wo wird es die Kunden hinziehen? Das ist das Jahr 2013: Die Buchpiraten haben sich am Ende der Einkaufszone eine überschaubare Freifläche gesichert, ihre Zelte aufgebaut und legen ihr Angebot aus. Die Kunden sind aufmerksam geworden.

“Wie einem Anbieter begegnen, der Waren verschenkt?”

Und das ist das Jahr 2014: Wenn es dem Buchhandel nicht gelingt, den Kunden ein preislich attraktives Angebot zu machen, dann wird sich die Einkaufsstraße entvölkern. Soweit vorhersehbar und weitläufig erörtert. Was aber wir noch passieren? Kehren wir zu den Buchpiraten von TorBoox zurück: Sie haben Geld eingenommen, viel Geld, viel zu viel Geld. Es wird Buchpiraten geben, die aus Gründen der Anständigkeit (oder Vorsicht) das Geld ihrer Kunden verbrauchen und damit zurückgeben werden. Es wird aber auch Buchpiraten geben, die dieses Geld abfließen lassen. Das Jahr 2014 wird einen großen Streit innerhalb der Raubkopierszene sehen: auf der einen Seite die ‘idealistischen’ Buchpiraten, auf der anderen Seite eine Szene, in der nach einer kurzen Phase der Überraschung und des Staunens alle Hemmungen fallen.

Auch für den deutschen Buchhandel wird 2014 ein Jahr des Streits: Es muss eine Entscheidung fallen! Wie begegnen wir einem Anbieter, der unsere Waren verschenkt? Wie stellen wir uns auf, wenn alle rechtlichen Gegenmaßnahmen versagen? Wieviele Kunden dürfen wir abschreiben, ohne selbst abgeschrieben zu werden? Wie gehen wir mit den Verlagen um, die nicht auf die Digitalisierung setzen? Denn wenn es dem Buchhandel nicht gelingt, seine Gestaltungshoheit zurückzugewinnen, dann hat er nicht nur internationale Online-Händler wie Amazon, sondern auch die internationale Raubkopierszene am Hals! Es ist nicht unverborgen geblieben, dass sich mit einem zusammengeklauten Angebot innerhalb von Monaten ein Haus finanzieren lässt. Und der Börsenverein des Deutschen Buchhandels sollte sich nichts vormachen: Ein ukrainischer Informatikstudent hat für deutsche Klageschriften nur ein müdes Lächeln übrig…

Hinweis: Seit dem Abschied von TorBoox bloggt “Spiegelbest” auf spiegelbest.me über Autoren, Verlage, Buchpiraten und Free Downloader.

Abb.: Flickr/ryanrocketship (cc)

9 Kommentare »

  • Patrick schrieb:

    Man mag wohl 150 Bücher am Tag herunterladen können – aber wer außer vlt Studierenden/Arbeitslosen/Pensionären kann diese Bücherflut dann auch bewältigen?

    Da es immer noch genügend kostenlose Quellen gibt vermute ich eher, dass TorBoox mit der Paywall Gefahr läuft, in der Bedeutungslosigkeit zu versinken, zumal es ja genügend ‘Wiederverteiler’ gibt die die Bücher zeitnah auf diversen Szeneseiten verteilen.

    My 2 cents. ;)

  • Alex schrieb:

    @Patrick: Die 150er-Grenze ist doch nebensächlich. Interessant an solch einem Angebot ist, dass für einen geringen Betrag der ganze Bestand dauerhaft vorrätig ist und ohne größeren Aufwand genutzt werden kann. Das ist in meinen Augen ein enormer Vorteil gegenüber dem szeneüblichen OCH-Gedöns, das zeitfressend und unsicher bzgl. der Verfügbarkeit ist.

  • RedBugBooks schrieb:

    Hallo torboox: Hm, wieso wird denn immer vom Buchhandel geredet? Ihr nehmt euch doch auch eBücher von Selfpublishern und kleinen Verlagen und wollt da mitverdienen. Ihr tut so, als ob der Kontent irgendwann mal durch irgendein Buy-Out verkauft wurde. Ist aber nicht so. Der Autor kommt bei euch einfach nicht mehr vor. Und damit drückt ihr euch um die eigentliche Frage: Wer bezahlt am Ende für eurer schönes Verkaufsmodell? Die Autoren. Und das Gerede vom bösen Buchhandel oder den teueren Verlagen oder was auch immer, weicht der Gier. Da wärt ihr nicht die ersten. Stellt euch einfach hinter dem Buchhandel und den Verlagen an.

  • Prinz Bernhard schrieb:

    Gerne würde ich für e-book bei einer angemessen Flatrate (z.B 10 – 20 EUR/Monat) Bücher lesen (eine Art Leihbücherei)

    Was habe ich von einem Buch, dass nur 10% billiger ist als die Papierfassung und ich dieses Buch dann lebenslang bei Amazon herunter laden kann (auch wenn ich es längst gelesen habe).
    Warum kann ich ein E-Book weder verkaufen noch verschenken.
    Solange die Verlage so einen Unsinn machen,
    wird es ein Markt für TorBoxx geben.

  • Blue Lady schrieb:

    Der Vergleich mit dem Basar hinkt doch gewaltig. Dabei wurde ein nicht eben irrelevantes Woertchen vergessen. naemlich: GEKLAUT.

    Der Text muesste also heissen:

    Zitat: Gegen einen geringen Eintritt aber wird das hochpreisige GEKLAUTE Angebot aus der Ladenstraße hier verschenkt! Zitat Ende

  • Patrick schrieb:

    “Interessant an solch einem Angebot ist, dass für einen geringen Betrag der ganze Bestand dauerhaft vorrätig ist und ohne größeren Aufwand genutzt werden kann.”

    Das ist ein natürlich ein valides Argument. Dann wäre es aber interessant mehr über das demographische Profil der Nutzerschaft in Erfahrung zu bringen (was vermutlich schwierig ist) – in der breiten Bevölkerung ist die Hemmschwelle so ein (ja auch offenkundig illegales) Angebot zu nutzen ev. doch noch etwas höher als bei den Saugern und Sammlern, die sich ihr Zeug in diversen Börsen zusammensuchen.

    (Allerdings muss man sagen, dass die einschlägigen Seiten in der Regel ihren Gesamtbestand ja auch recht erfolgreich dauerhaft vorrätig halten, nach Kategorien sortiert und leicht auffindbar.)

  • artur.litter schrieb:

    Es ist verführerisch, all die verschnarchten Thalias usw abgeräumt zu sehen – denn die wären ja selber nur zu gerne Amazonier.
    (Alles angeblich so wettbewerbsorientierte und markt-regulierte Business träumt vom Monopol – insofern ist auch das ganze Amerikanertum in dem flat-rate Gedanken Lüge. Da werden nur wieder die schlechten Genre- und Vampyr- und Schmonzetten-Geschmäcker belohnt. Wie bei der GEMA: Das Geld kriegen die Mainstream-Heinis und der neue Middle-Man, den man auszuschalten versprach. Immer auf den größten Haufen … )

    Aber vor allem stimmt natürlich, was hier schon gesagt wurde: Wer überhaupt nicht befragt wird (auch nicht durch den hofierten, dabei nur blinden und selber allzu oft korrumpierten Kunden), ist der Urheber.

    Von daher ist Torboox schlicht diktatorisch (oder eben selber: totalitär).
    Ist auch noch anti-aufklärerisch, indem er eine aufoktroyierte Fairness von seinen Gnaden suggeriert.
    Ist blutsaugerisch, indem er mit falschen Bestseller-Beispielen jedermann seine mickrige Chance einredet, die er bei nur genug neuerdings demütigem Verhalten hätte.

    Und nur weil er auf die Klick-und-meins-Kundschaft setzt, ist er keineswegs fortschrittlich, sondern nur ein weiterer „Chinese“ (kopier’, was anderswo erfolgreich war). Me too. Er ist auf einem genug unwürdigen Markt zwischen Piraterie und total buy-out durch Zeitungen und Verleger schlicht kein würdiger Mitspieler.

  • DocAvalanche schrieb:

    Wo Gesetze keine Gültigkeit haben, kann nur noch Moral etwas bewirken. Doch die Moral fehlt bei den sog. Rechteinhabern genau so wie bei den Buchpiraten. Letztere stehlen das fertige Buch, erstere (fast ganz) das Manuskript. Die Leser, vor die Wahl zwischen zwei Hehlern gestellt, entscheiden sich für das kundenfreundlichere Angebot.

  • LG schrieb:

    @Prinz Bernhard: Aber das gibt es doch schon, eine Online-Leihbücherei. Dazu muss man nur Mitglied einer Stadtbücherei sein, welche die Online-Leihbücherei unterstützt. Die Preise habe ich jetzt nicht im Kopf, aber ich glaube nicht, dass es so teuer sein kann.

    Die Alternative zu “ist mir zu teuer, kann ich nicht weiterverkaufen” kann niemals eine illegale sein. DRM und die hohen eBook-Preise sind etwas, dass sich die Verlage abgewöhnen müssen, aber wie kann man hier am besten als Kunde signalisieren, dass man diese Politik nicht unterstützt? Indem man eben nicht kauft und auch nicht liest, sondern auf Alternativen zurückgreift. Indie-Autoren bieten günstige eBooks an, viele auch DRM-frei. Dank Leseproben muss auch niemand die Ka. im Sack kaufen (damit ist kein Tier gemeint).

    -
    Es wird immer von “Wissen muss frei verfügbar sein” und so geredet, was ich nicht verstehen kann, da es doch frei verfügbar ist! Wikipedia ist völlig frei verfügbar, jeder kann Mitglied in einer Bibliothek werden. Ich kenne mich da jetzt nicht so aus, ob da schon was umgesetzt wurde, aber ich finde, Geringverdiener und HartzIV-Empfänger sollten ohnehin kostenlose Mitgliedschaft bekommen. Und auch in Sachen Unterhaltung gibt es eine Menge Möglichkeiten.

    Ansonsten kann ich nur unterstreichen, was artur.litter geschrieben hat.

    Wenn alles nämlich darauf hinausläuft, dass man sich günstig mit Bestseller-Mainstream versorgen kann, dann ist all das Robin-Hood-Getue nämlich nur Selbstbetrug, des Gewissens wegen. Wer raubkopiert, soll doch bitte auch dazu stehen und das Kind beim Namen nennen.