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Henry Palmer ist kein Killer: Ralph Gerstenberg, Ganzheitlich sterben [Leseprobe]

27 Aug 2015 0 Kommentare

ganzheitlich-sterbenMit Ralph Gerstenbergs „Ganzheitlich sterben“ erscheint nun der zweite Teil der Henry-Palmer-Trilogie bei ebooknews press, dem Verlagslabel von E-Book-News. Ein Berlin-Krimi aus einer Zeit, in der noch mit D-Mark bezahlt wurde und am Friedrichshain Wagenburgler statt Townhäusler residierten. Henry Palmer ist mittendrin: Erst arbeitet er als mobiler Pizza-Lieferant für „Bella Italia“. Dann heuert er bei der Detektei Patricia Courtois an. Doch schon nach der ersten Nacht als Gelegenheitsschnüffler wird Henry von der Kripo verdächtigt, ein Mörder zu sein. War er nur zur falschen Zeit am falschen Ort? Offenbar, denn plötzlich gerät er auch noch ins Fadenkreuz eines Profi-Killers. Die Polizei ist keine Hilfe, wieder einmal muss Henry Palmer den Fall mit seinen eigenen Methoden entwirrren. „Ich wollte keinen Kommissar als Hauptfigur, weil mich die Beschreibung von polizeilicher Ermittlungsarbeit literarisch nicht besonders gereizt hat“, so Ralph Gerstenberg im Interview über Henry Palmer. „Und einen Privatdetektiv fand ich im Berlin der neunziger Jahre nicht besonders realistisch. Dann doch lieber jemand, der durch verschiedene Jobs und seinen Freundeskreis mit Verbrechen konfrontiert wird und wider Willen ermitteln muss“. Unsere Leseprobe führt direkt an den ersten Plotpoint von “Ganzheitlich sterben“ – mehr verrät die Leseprobe im Kindle Store.

Ralph Gerstenberg, Ganzheitlich sterben

Zu viel Aufregung für einen schönen Tag
Als ich das Bella Italia betrat, sah ich sofort die Anspannung in Dmitris Gesicht. Er kniff die Augen zusammen, als würde er plötzlich von der Sonne geblendet, schwang mit erstaunlicher Behändigkeit seinen kompakten Körper um die Tresenecke und kam schnurstracks auf mich zu gelaufen. Stone, mein Wochenendvertreter, der eigentlich Oliver Steinke hieß und Soziologie studierte, saß schon am Personaltisch und baute eine Konstruktion aus Bierdeckeln – die in sich zusammenfiel, als Dmitri, wie von der Tarantel gestochen, daran vorbei fegte. Grußlos schob er mich in die Küche, wo Charlie Pizzateig knetete und Maria Servietten faltete. Als ich herein kam, unterbrachen sie ihre Tätigkeiten und starrten mich an. Ich nickte ihnen zu. Maria erwiderte zaghaft meinen Gruß. Charlie begann wieder, seinen Teig zu bearbeiten, ohne mich jedoch aus den Augen zu lassen. Keiner sagte etwas.
“Was ist los, ihr seht mich an, als hätte ich jemanden umgebracht?” Einer musste ja damit anfangen, das Eis zu brechen.
“Hast du?”, fragte Dmitri ernsthaft.
Ich war der Einzige, der über seine Schlagfertigkeit lachte. “Wie habt ihr das rausbekommen?”
Dmitris Gesicht, auf dem winzige Schweißtropfen glänzten, wurde plötzlich rot, eine Ader, die schräg über seine Stirn lief, trat deutlich hervor. Mühsam beherrscht, sagte er: “Die Polizei war heute Vormittag hier, ein Hauptkommissar Röntsch von der Mordkommission. Er hat nach dir gefragt.”
“Röntsch?” Der Name war mir nicht unbekannt. Als meine Freundin Hannah vor anderthalb Jahren aus ihrem Frankfurter Exil zurückgekehrt war, hatte es einige Schwierigkeiten mit ihrem Gatten gegeben, einem zwielichtigen Advokaten, der von einer abgetakelten Unterweltgröße dazu erpresst worden war, Kinderfilme zu produzieren – solche, die nicht im Nachmittagsprogramm liefen. Die Geschichte fand damals kein sehr appetitliches Ende. Hannahs Angetrauter hatte sein Arbeitsverhältnis und alle anderen Probleme gelöst, indem er seinen Boss erschoss und sich anschließend selbst die Pistole in den Mund steckte. Hannah war dabei gewesen, als er auf den Auslöser drückte – und ich auch. Soweit ich mich erinnern konnte, hatte Röntsch – damals noch Kommissar – mir unbedingt den Mord an einer polnischen Frau anhängen wollen, die in meiner Wohnung getötet worden war. Ich hatte zwar kein Motiv gehabt, aber mein Alibi war äußerst dünn gewesen.
“Also, wen soll ich diesmal umgebracht haben?”, fragte ich in die Runde.
Dmitri starrte mich entgeistert an. Maria konnte ihr Erstaunen ebenfalls nicht verbergen, selbst Charlie, sonst stets Inbegriff buddhistischer Selbstbeherrschung, vergaß wieder für einen Augenblick, seinen Teig zu kneten.
“In der vergangenen Nacht ist ein Mann ermordet worden, in Prenzlauer Berg. Hast du noch keine Nachrichten gehört?” Dmitri sah mich forschend an.
“Nee, ich hab‘ ausgeschlafen und bin gleich hierher gefahren. Dass das Radio im Panda nicht funktioniert, brauche ich dir ja wohl nicht zu sagen.”
“Anstrengende Nacht, was?”
“Was meinst du, wie der Kerl sich gewehrt hat!” Irgendwie wurde ich das Gefühl nicht los, dass mein Humor im Augenblick nicht besonders gut ankam.
“Der Hauptkommissar sagte, dein Name stand im Terminkalender des Toten. Außerdem wäre mehreren Nachbarn der Fiat Panda aufgefallen, in dem ein Mann, auf den deine Beschreibung passt, nachts vor der Tür gewartet hätte.”
Jetzt war ich an der Reihe, verblüfft zu sein. “Niemeyer ist tot?”
“Sie haben versucht, dich zu Hause zu erreichen. Dann sind sie hierher gekommen. Einer der Nachbarn hat sich die Aufschrift des Pandas gemerkt.”
“Und mein Name stand in seinem Terminkalender?”
Dmitri wischte sich den Schweiß von der Stirn. Dann nickte er und fragte: “Wozu brauchtest du das Auto, Henry?”
Röntsch hatte sich nicht geändert. Er war schon damals äußerst fix gewesen, wenn es darum ging, Verdächtigungen unter die Leute zu bringen. Ich senkte den Blick und plötzlich erschien mir die ganze Szene vollkommen unwirklich. Ich stand in der Küche eines Pseudo-Italieners, in der ein Vietnamese Pizzateig knetete, und wurde verdächtigt, einen Mord an einem Mann begangen zu haben, den ich nur ein einziges Mal in meinem Leben gesehen hatte – nachts in einem Treppenhaus. Ich erinnerte mich an den starren Blick Niemeyers, die weit aufgerissenen Augen, als stünde er seinem Mörder gegenüber. Ich hätte laut und deutlich einen einfachen Satz mit einer eindeutigen Aussage sagen können: Ich habe ihn nicht umgebracht. Doch die Situation war zu irreal.
Es klingt verrückt, aber vielleicht war meine Verunsicherung in diesem Moment so groß, dass ich sogar selbst anfing, an meiner Unschuld zu zweifeln. Nicht dass ich wirklich daran geglaubt hätte, Niemeyer getötet zu haben, aber meine Gewissheit, es nicht getan zu haben, war irgendwie erschüttert. Wenn das die Tatsachen waren, wenn es stimmte, dass Niemeyer tot war und mein Name in seinem Terminkalender stand, dann gab es dunkle Stellen, Fragen, auf die ich keine Antwort wusste. Worauf hatte ich mich eingelassen? Vor wem fürchtete sich Niemeyer, als er mir gegenüberstand?
Der Boden unter meinen Füßen begann zu schwanken. Ich stützte mich auf die Spülmaschine, schaute in Dmitris Gesicht und zuckte mit den Schultern. Zu mehr war ich im Augenblick nicht in der Lage.
Dmitri gab Maria ein Zeichen, woraufhin sie mit Bestecken und Servietten die Küche verließ – nicht ohne mir vorher einen besorgten Blick zuzuwerfen. Er holte eine Flasche Ouzo aus dem Schrank, schraubte den Verschluss auf und reichte sie mir. Ich kam mir vor wie ein Ertrinkender, dem ein Rettungsring zugeworfen wurde. Als der Schnaps in meiner Speiseröhre brannte und ich den Anisgeschmack auf der Zunge spürte, ging es mir besser. Ich hatte noch nichts gegessen, der Alkohol stieg mir sofort in den Kopf.
“Sollst du Röntsch anrufen?”, fragte ich.
Dmitri nickte.
“Lass mich mit ihm sprechen.”

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Copyright Leseprobe: ebooknews press

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Coverbild: Matthias Rhomberg/Flickr (cc-by-2.0)

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Coverfoto: Nordsprotte/Flickr (cc-by-2.0)

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