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Gallischer Hahn contra Google & Co.: Die Zukunft von MP3, Video & E-Book in Frankreich

google-tax-frankreich-zelnik-bericht-e-book-mp3-dvd „Frankreich schwingt Steuer-Hammer gegen Internet-Giganten“, titelte am Wochenende Le Monde. Kommt nach dem Gesetz gegen Raubkopierer jetzt tatsächlich eine „Google Tax“? Das fordert zumindest der „Zelnik-Report“. Der letzte Woche offiziell an Präsident Sarkozy überreichte Bericht zum Thema „Kulturelle Wertschöpfung im Internet“ betrifft eigentlich vor allem Musik- und Filmindustrie sowie Verlagswesen. Für die Konsumenten übersetzt: MP3s, DVDs und E-Books.

Mit der „Google tax“ soll die darbende Musikindustrie subventioniert werden


Vor allem die zurückgehenden Geschäfte mit CDs, schleppendes Wachstum bei legalen File-Downloads und nicht zuletzt auch der drohende Umbruch in der Buch-Branche machen den französischen Politikern Sorgen. Um die Stellung der französischen Kulturindustrie zu stärken, setzt man in Paris seit jeher auf stärkere Regulierung wie auf staatliche Subventionen. Mit Patrick Zelnik, dem Chefautor des „Rapport Création et Internet“, hat man sich nun Schützenhilfe aus der darbenden Phonoindustrie geholt. Und bekam prompt einen genialen Schlachtplan geliefert: warum sollte man für die Ordnungspolitik in Sachen Internet nicht Multis wie Google stärker in Pflicht nehmen – vor allem beim Werbegeschäft? Wenn französische Surfer auf Google-Anzeigen klicken, kassiert der Suchmaschinen-Riese schließlich Werbeeinnahmen. Dafür wiederum fallen Steuern an, die jedoch größtenteils nicht beim französischen Fiskus landen – denn Googles europäischer Firmensitz ist im Steuerparadies Irland. Würde man sich Outre-Rhin ein paar Prozent vom etwa 800 Millionen Euro großen gallischen Werbekuchen abschneiden können, käme schnell ein respektables Sümmchen zusammen. Der Zelnik-Bericht spricht von bis zu 50 Millionen Euro pro Jahr.

„Mangelnde Benutzerfreundlichkeit ist genauso ein Problem wie zu hohe Preise“


Die Presse konzentrierte verständlicherweise auf den Zweikampf zwischen Sarkozy und Google – und auf das steuerrechtliche bric-à-brac. Das Thema ist schließlich vielversprechend: Bricht vielleicht ein neuer Handelskrieg zwischen den USA und Europa aus!? Doch mindestens genauso interessant – auch aus deutscher Sicht – ist die von Zelnik gelieferte Analyse von Musik- und E-Book-Business, und ebenso sind es die Vorschläge, wie man – u.a. mit dem Google-Geld – regulierend und stimulierend in das Marktgeschehen eingreifen könnte. Die grundsätzliche Argumentation ist einfach: nachdem der französische Staat mit der Lex Hadopi den Urheberrechtsschutz gestärkt habe (die Maßnahmen reichen von Abmahnungen gegen Raubkopierer bis hin zur totalen Netzsperre), müsse man nun im Gegenzug für attraktive, benutzerfreundliche und einheitlich günstige Content-Angebote sorgen. Eine Verbraucherumfrage im Auftrag der Zelnik-Kommission habe etwa gezeigt, „dass mangelnde Benutzerfreundlichkeit abgesehen von den Preisen eines der größten Hindernisse für die verstärkte Nutzung legaler Internet-Angebote darstellt.“ Wie Le Monde am Samstag berichtete, sind seit 2008 international die Wachstumsraten bei legalen File-Downloads tatsächlich stark zurückgegangen.

Statt Kulturflatrate eine staatliche subventionierte Voucher-Card für alle Surfer?


Eine Kulturflatrate als Gegenmaßnahme lehnt der Zelnik-Report freilich ab. Trotzdem wird geraten, „die Forderungen der Internet-Gemeinde in ihren wichtigsten Punkten zu berücksichtigen, vor allem was die Forderung nach einfachem Zugang zu legalen Sites und möglichst niedrige Preise betrifft.“ Mit staatlichen Subventionen sollen einerseits die Konsumenten „überredet“ werden, Musikfiles legal herunterzuladen. Die Musikindustrie will man mit dem zusätzlichen Cashflow motivieren, verstärkt auf Abo-Modelle zu setzen, die gegen eine geringe monatliche Gebühr unbegrenzte MP3-Downloads ermöglichen würden. Im Mittelpunkt steht eine „Voucher-Card“ für Musik-Downloads:

„Denkbar wäre eine Plattform, auf man eine Download-Card im Wert von 50 Euro erwerben kann, die für den Surfer zwischen 20 und 25 Euro kostet, während die Differenz vom Staat (20 Euro) und der Industrie (5 Euro) finanziert wird. Diese Download-Card könnte man dann auf allen Internet-Sites nutzen, die an der Aktion teilnehmen.“

Außerdem soll die Musikindustrie verpflichtet werden, so schnell wie möglich im Online-Geschäft einheitliche Regelungen für Preisgestaltung und Tantiemen zu finden – es soll offenbar verhindert werden, dass Apple auch weiterhin mit iTunes den legalen Musikmarkt dominiert.

Bei E-Books empfiehlt der Zelnik-Report: schneller digitalisieren, schneller regulieren


Dem E-Book-Handel möchte Patrick Zelnik erklärtermaßen das Schicksal von Raubkopien und Filesharing ersparen. Der Bericht empfiehlt interessanterweise aber parallel die Beschleunigung der Digitalisierung und eine stärkere Regulierung des Marktes. Die Regulierungsvorschläge orientieren sich dabei stark am deutschen Vorbild, was am wirtschaftlichen Erfolg wiederum zweifeln lässt. Zum einen soll nämlich die französische Version der Buchpreisbindung auch auf E-Books ausgedehnt werden, um ein Preisdumping à la Amazon zu verhindern. Für die Verbraucher dürfte das somit eher höhere als niedrigere Preise bedeuten. Ein Lichtblick ist immerhin die Forderung, europaweit niedrigere Steuersätze für elektronische Bücher einzuführen. Auf struktureller Ebene fordert der Zelnik-Bericht so etwas wie die französische Version von Libreka, dem bisher noch ziemlich flüggellahmen Online-Portal des deutschen Buchhandels:

„Die Verlage müssen unbedingt eine gemeinsame Plattform zustandebringen, auf der jeder einzelne dann sein Angebot den Buchhändlern zur Verfügung stellen kann. Die Buchhändler sollen somit gegenüber den Lesern auch weiterhin ihre beratende Rolle ausüben können.“

Anders als in Deutschland scheint den Franzosen aber immerhin die Digitalisierung kommerzieller Titel nicht schnell genug voranzukommen – die staatlichen Subventionen in diesem Bereich will der Zelnik-Report deswegen mindestens verdreifacht sehen. Dass es nicht nur um Kommerz mit kulturellem Content, sondern auch um den politischen Wert nationaler Kulturgüter geht, zeigen zugleich die verstärkten Anstrengungen, französische Bücher aus dem Public Domain-Bereich unabhängig von Google Books verfügbar zu machen. Gleiches gilt für die Produkte der staatlich subventionierten französischen Filmindustrie – die kofinanzierten Streifen sollen zukünftig nach dem Kino- bzw. Fernsehstart schneller im Internet veröffentlicht werden.

Veröffentlicht von

Ansgar Warner

Ansgar Warner arbeitet als freier Autor im Medienbüro Mitte (Berlin). Neben diversen Brotarbeiten für Presse & Rundfunk bloggt er hier rund um's Thema Elektronisches Lesen. Die spannende (Vor-)Geschichte der elektronischen Bücher erzählt Ansgar in "Vom Buch zum Byte". Praktische Infos für Autoren, Verleger & alle E-Reading-Interessierten vermittelt das "e-book & e-reader abc".

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