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[e-book-review] Zwischen Frühlingserwachen & emotionalem Notprogramm: Michael Köhlmeiers „Madalyn“

18 Okt 2010

madalyn-koehlmeier-e-book-bestseller Michael Köhlmeier ist ein Vielschreiber und altersmäßig längst jenseits der Midlife-Crisis. Neben zahlreichen Erzählungen und Romanen kennt man den österreichischen Autor (Jahrgang 1949) durch seine Nacherzählungen von klassischen Sagen des Altertums und biblischen Geschichten. In seinem neuen Roman Madalyn verschränkt Köhlmeier nun die Liebeswirren von Wiener Teenagern mit der Schreibkrise eines alternden Schriftstellers. Auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2010 gehörte Madalyn zu den sechs auch als E-Book lieferbaren Romanen. Unsere Rezensentin Heide Reinhäckel verrät, was von Madalyn zu halten ist.

„Noch keine vierzehn Jahre alt“: Frühlingserwachen in den Nullerjahren

In Wien lebt eine Schriftsteller namens Sebastian Lukasser. Was denn, nie gehört? Kein Wunder: Lukasser ist der fiktive Ich-Erzähler in Michal Köhlmeiers neuem Roman. Köhlmeiers literarisches Alter ego residiert in einer Altbauwohnung im dritten Wiener Bezirk und quält sich mit einem neuen Buch ebenso ab wie mit einer ausklingenden Liebesbeziehung. Da kommt ihn eine Ablenkung ganz recht, die in Gestalt der minderjährigen Madalyn an seiner Tür klingelt. Damit sind Autor wie Erzähler beim Thema, nämlich: Frühlingserwachen in den Nuller Jahren. Eigentlich muss man schon sagen, das Thema fällt dem Erzähler mit der Tür ins Haus. Denn bereits der erste Satz des Romans lautet: „Im Frühling 09 war Madalyn noch keine vierzehn Jahre alt“.

Zwischen Liebeskrise und Schreibkrise

Doch Köhlmeier ist nicht Nabokov, und Madalyn keine Lolita. Wie man bald feststellt, verbindet den Autor und die Heranwachsende eher eine Art respektvoller Freundschaft, seit Lukasser Madalyn nach einem Unfall ins Krankenhaus gebracht hatte – sie ist eine Art selbstgewähltes Patenkind geworden. Madalyn, die mit ihrer Familie eine Etage unter Lukasser wohnt, hat ein Problem: sie ist zum ersten Mal in ihrem Leben verliebt. Doch Moritz, der Auserwählte, ist leider in jeder Beziehung das Gegenteil eines Musterschülers. Er schwänzt die Schule, raucht nicht nur Zigaretten, hat lose Vorstellungen von anderer Leute Eigentum und ist damit eigentlich nicht gerade der passende Umgang für das zarte Mädchen, das sich mit seinen Sorgen dem Schriftsteller anvertraut. Da Lukasser in einer Schreibkrise steckt, vertieft er sich mehr und mehr in den Stoff, den ihm das wirkliche Leben in Gestalt der Liebeskrise seiner jungen Nachbarin liefert.

Lebenslügen alter Männer und Teenager-Schwindeleien

Köhlmeier-Leser kennen den Ich-Erzähler Sebastian Lukasser bereits aus Köhlmeiers Roman Abendland von 2007. Auch dort gab Lukasser ein fremdes Leben wieder und ließ sich von einem 95jährigen Moribunden dessen bewegtes Leben diktieren, das die Geschichte des 20. Jahrhunderts bilanzierte. Dagegen ist Madalyn eine leise Geschichte über die Anfänge der Empfindsamkeit, über die Pubertät und die verwirrenden Ambivalenzen der ersten Liebe. Der 16jährige Moritz erinnert nicht umsonst an Wilhelm Buschs berühmtes Bubenduo. Er stammt aus prekären Verhältnissen und entpuppt sich als routinierter Lügner. Dies verbindet ihn allerdings mit Lukasser, denn schließlich wissen wir schon seit Platons Zeiten, dass letztlich alle Dichter lügen. In einer der stärksten Passagen des Romans treffen Lukasser und Moritz aufeinander und liefern sich das „Duell zweier Lügner“, wie im FAZ-Feuilleton wahrheitsgetreu zu lesen war. Nur zeigt der schmale, aber sehr lesenswerte Roman, dass Lebenslügen älterer Männer deutlich schmerzhafter sind als Teenager-Schwindeleien. So schwant am Ende auch Lukasser, dass es mit seiner eigenen Beziehung, dem „emotionalen Notprogramm“, wohl nicht so weitergehen kann. Mal ganz zu schweigen vom Romanprojekt.

Autorin & Copyright: Heide Reinhäckel

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Michael Köhlmeier,
Madalyn (August 2010)
E-Book (epub-Format), 17,90 Euro
Hardcover (Hanser Verlag), 17,90 Euro.