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[e-book-review] Freiheitskampf als Live-Hack: Cory Doctorows Post-9/11-Roman „Little Brother“ in deutscher Übersetzung

15 Mrz 2010

Little-Brother-Cory-Doctorow E-Bestseller E-Book.gifDer Held heißt W1n5t0n, seine Waffe: ein klandestines Netzwerk aus gehackten X-Boxes. Sein Feind: die amerikanische Heimatschutzbehörde, die San Francisco nach einem Terroranschlag in einen Polizeistaat verwandelt. „Little Brother“ schlägt zurück – in Cory Doctorows gleichnamigem Roman bekommt es der Große Bruder mit Teenager-Hackern zu tun, die nicht nur Passwörter knacken können, sondern vom Flashmob bis zur virtuellen Pressekonferenz die neuen Medien für sich nutzen. Denkt man Themen wie „Vorratsdatenspeicherung“, „Bundestrojaner“ und „Netzsperren“, bringt Rowohlt die deutsche Fassung von „Little Brother“ genau zum richtigen Zeitpunkt heraus.

Von Orwells Held Winston Smith zum X-Box-Hacker w1n5t0n

Cory Doctorow ist wohl jemand, den man getrost als „Geek“ oder „Nerd“ bezeichnen kann. Oder auch ganz einfach als „Digital Native“. Die Karriere des kanadischen Sci-Fi-Autors, Boing-Boing Bloggers und Journalisten wäre ohne Computer und Internet kaum vorstellbar. Zugleich ist Doctorow aber auch ein moderner Bürgerrechtler – mit und in den neuen Medien kämpft er nicht nur für besseren Datenschutz, sondern gegen Digital Rights Management. Viele seiner Sci-Fi-Romane sind auch sehr praktisch ein Plädoyer für Kreativität und Freiheit – Doctorow veröffentlicht die elektronischen Versionen unter einer Creative Commons Lizenz. Little Brother gibt es im Internet bereits in zahlreichen E-Book-Formaten zum kostenlosen Download. Den Verkaufszahlen der Printversion hat diese Strategie nicht geschadet – ganz im Gegenteil. Kurz nach dem Erscheinen im Sommer 2008 war das Buch bereits in den Top Ten der New York Times-Bestsellerliste, Abteilung Kinderbücher. Die deutsche Ausgabe bringt nun Rowohlt in der Jugendbuchreihe „Rotfuchs“ heraus – auch sie dürfte Bestseller-Potential besitzen. Doctorow hat mit dem siebzehnjährigen Helden der Geschichte eine universelle Identifikationsfigur geschaffen.

Ich gehe in die Oberstufe der Cesar Chavez High im sonnigen Mission-Viertel von SF, und das macht mich zu einem der meistüberwachten Menschen der Welt. Ich heiße Marcus Yallow, aber zu der Zeit, als diese Geschichte losging, lief ich unter w1n5t0n. Gesprochen: „Winston“.

Winston hieß der Held aus Orwells „1984“. Als Orwell in den Vierziger Jahren seinen „Großen Bruder“ entwarf, gab es im Alltag noch gar keine Computer. In der Welt von W1n5t0n sind sie allgegenwärtig geworden – Kameras erkennen die Menschen an ihrem Gesicht oder an ihrem Gang, Funkchips in Ausweisen ermöglichen flächendeckende Bewegungsprofile, und die Schul-Laptops senden jeden Mausklick und jedes geschriebene Wort an die Behörden weiter. Doch „Little Brother“ hat gegenüber dem literarischen Vorbild einen deutlichen Vorteil: er ist nicht nur begeisterter Online-Gamer, sondern auch ein technisch versierter Hacker.

Little Brother vs. Big Brother: Aufstand der Gamer-Generation

Little-Brother-Cory-Doctorow E-Bestseller E-Book Rowohlt.gifMarcus und seine Freunde nutzen ihr Technik-Wissen, um sich die „kleinen Fluchten“ des Alltags zu gönnen: während des Unterrichts heimlich im Internet surfen, einen Online-Chat führen, unerkannt das Schulgelände verlassen, um in den Straßen der Großstadt ein ARG (Alternate Reality Game) zu spielen, eine Art digitaler Schnitzeljagd. Doch als ein Terroranschlag San Francisco erschüttert, dem tausenden Menschen zum Opfer fallen, wird aus dem Spiel plötzlich Ernst. „Little Brother“ ist ein typisches Beispiel für Post-9/11-Fiction – wieder einmal schlägt die Stunde der Exekutive, in diesem Fall in Gestalt der Heimatschutzbehörde. In San Francisco herrscht der Ausnahmezustand. Marcus und seine Freunde werden als Terror-Verdächtige auf einer Gefängnisinsel interniert, die bald im Volksmund „Gitmo-by-the-bay“ genannt wird. Erst nachdem er sämtliche Passwörter für Handy, Mail-Accounts und Internet-Server preisgibt, wird Marcus wieder auf freien Fuß gesetzt. Andere Kids, wie etwa Marcus‘ bester Freund Darryl, kehren aus dem neuen Gulag-System nicht mehr zurück. Doch auch Marcus bleibt im Visier der Heimatschutzbehörde. Sein PC wird verwanzt, und er gerät er aufgrund seines Nahverkehrs-Bewegungsmusters in Polizeikontrollen. Ähnlich geht es vielen anderen Jugendlichen. Um die überwachungsfreie Kommunikation zu ermöglichen, startet Marcus ein alternatives Datennetz namens X-net. Als Software dient das fiktive Betriebssystem „Paranoid Linux“, das für anonymes und abhörsicheres Surfen in autoritären Staaten wie Syrien oder China entworfen wurde. Als Hardware nutzen die X-net-Aktivisten gehackte X-Boxes von Microsoft. Fertig ist Gemeinschaft aus „Little Brothers“. Der Aufstand der Gamer-Generation hat bei allem Ernst tatsächlich auch etwas verspieltes – doch für die Erwachsenenwelt bedeutet er zunächst einmal eins: Chaos. Die lückenlose Überwachung wird gestört, Datensätze auf Funkchips werden ausgetauscht, immer mehr Bürger geraten in Polizeikontrollen. Doch das System schlägt zurück. Die Polizeitruppen werden aufgestockt, das X-Net wird mit V-Leuten infiltriert, die gleichgeschaltete Presse brandmarkt die Aktivisten als Terror-Sympathisanten. Schließlich steht Marcus vor der schwierigsten Wahl seines Lebens – soll er eine erneute Verhaftung riskieren, vielleicht sogar Folter und Tod, oder besser mit seiner Freundin Ange aus San Francisco fliehen?

“Trau keinem über 25“: Die Exzesse des Sicherheitsstaates lösen in „Little Brother“ einen Generationenkonflikt aus

Doctorow hat „Little Brother“ zwischen Mai und Juli 2007 zu Papier gebracht, besser gesagt, in sein Netbook getippt, als wäre er selbst ein 17-jähriger Hacker. „There were days when I wrote 10.000 words, hunching over my keyboard in airports, on subways, in taxis – anywhere I could type“, schreibt er im Vorwort der englischsprachigen Ausgabe. Parallelen zwischen Marcus „Winston“ Yallow und Doctorow dürften wohl kaum zufällig sein: Doctorow, Jahrgang 1971, war schon als Teenager ein Technik-Enthusiast – besonders begeistert von den Möglichkeiten, über digitale Netzwerke politische Arbeit zu organisieren. „Little Brother“ ist zugleich aber eine Reaktion darauf, dass in der Welt nach dem 11. September Internet und PC wieder jenen Orwellschen Touch bekommen, den früher einmal die „Elektronische Datenverarbeitung“ hatte: „The 17 year olds I know understand to a nicety just how dangerous a computer can be. The authoritarian nightmare of the 1960s has come home for them. The seductive little boxes on their desks and in their pockets watch their every move, corral them in, systematically depriving them of those new freedoms I had enjoyed and made such good use of in my young adulthood.“ Die Exzesse des Sicherheitsstaates lösen in „Little Brother“ einen Generationenkonflikt aus – die Jugendlichen fühlen sich von den Erwachsenen zunehmend eingeengt und verfolgt. Am Ende lautet die Parole dann: „Trau keinem über 25“. Dabei betreffen selbstverständlich Maßnahmen wie Online-Durchsuchungen, rigider Kopierschutz oder Netzsperren die Erwachsenen genauso. Doctorows Zuspitzung auf eine jugendliche Zielgruppe hat aber zugleich auch viel mit der gesellschaftlichen Realität zu tun – schließlich werden etwa Online-Games, Facebook oder Musik-Downloads vor allem von der Generation U 25 genutzt. Es ist somit vor allem ihr Leben, das mit der zunehmenden Kontrolle des Internets durch staatliche Instanzen an Qualität verliert – in den USA genauso wie in Europa. Nicht jeder Teenager, der einen Firefox-Browser, Filesharing-Sites oder eine gehackte X-Box nutzt, wird sich bisher als Digital Rights-Aktivist oder sogar als Bürgerrechtler gesehen haben. Die Lektüre von „Little Brother“ könnte das jedoch verändern…

Zur aktiven Doctorow-Lektüre könnte auch gehören, auf den Kauf des E-Books zu verzichten

Im Grunde genommen beginnt der Lernprozess sogar schon vor der Lektüre. Denn Doctorows Romane gibt es schließlich nicht nur als kommerzielle Print-Titel, sondern in verschiedenen digitalen Varianten auch kostenlos im Internet. Nicht nur auf englisch, sondern auch auf deutsch. Möglich macht das die Veröffentlichung des Originals unter der Creative Commons Lizenz. Eine kostenlose, DRM-freie Übersetzung von Christian Woehrl kann man sich somit umsonst herunterladen, etwa im epub oder pdf-Format. Für die deutsche Taschenbuchausgabe, übersetzt von Uwe-Michael Gutzschhahn, muss man dagegen 14,95 Euro hinblättern. Für die kommerzielle E-Book-Version sind sogar noch fünf Cent mehr zu berappen. Dank DRM-Schutz wird man mit der elektronischen Version genau das nicht machen können, was für Doctorow selbst für das A und O von digitalen Büchern hält: man kann „Little Brother“ in dieser Form weder weitergeben noch verändern. Aber auch so trägt ja letztlich die deutsche Ausgabe zu Doctorows ureigenem Anliegen bei. „This book is meant to be part of the conversation about what an information society means: does it mean total control, or unheard-of liberty? It’s not just a noun, it’s a verb, it’s something you do“, heißt es im Vorwort der englischen E-Book-Ausgabe. Zur aktiven Doctorow-Lektüre könnte in Deutschland also auch gehören, auf den Kauf des E-Books zu verzichten.

doctorow e-book bestseller little brother.jpgCory Doctorow,
Little Brother (März 2010)
Rowohlt Paperback, 512 Seiten, 14,95 Euro
E-Book: Rowohlt Digital (epub), 14,99 Euro