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„Free as in beer, or free as in e-book?“: Ein Überblick zu alternativen Web 2.0-Geschäftsmodellen

28 Apr 2010 7 Kommentare

e-book e-comic alternative geschäftsmodelle im web zweinull.gifPaidContent oder Freibier für alle – was hätten Sie denn gerne? Keins von beiden? Kein Problem. Denn in der digitalen Ökonomie funktionieren jenseits von Kopierschutz, Lizenzbeschränkungen und maximaler Gewinnabschöpfung zahlreiche alternative Geschäftsmodelle. Manche sind kostenlos, manche überlassen es dem Nutzer, wieviel er zahlen möchte. Ob es um die Vermarktung von E-Mags, elektronischen Büchern oder Web-Comics geht – E-Book-News zeigt eine Auswahl von Best-Practices für das elektronische Lesen im Web 2.0.

Geschäftsmodelle im Web 2.0 – digitaler Maoismus oder echte Alternative?

Während der Wirtschaftskrise begann der Streit um die Kostenlos-Kultur im Internet zu eskalieren. Forciert wurde die Debatte nicht zufällig von Zeitungsverlagen. Das Online-Geschäft konnte Verluste im Printsektor bisher nicht auffangen. Was unter anderem mit den zahlreichen kostenlosen Informationsangeboten im World Wide Web zu tun hat. Wie Wired-Chefredakteur Chris Anderson in seinem Bestseller „Free – The Future of a Radical Price“ feststellt, gibt es eben keinen wettbewerbsfähigeren Preis als Null Cent. Das wissen natürlich auch prominente Köpfe wie Mathias Döpfner oder Rupert Murdoch, die jetzt die gesamte Branche zu einer Art „geistig-moralischen Wende“ in Richtung Bezahl-Internet auffordern. Doch es geht gar nicht um die extreme Alternative Marktwirtschaft oder Digitaler Maoismus, Privatwirtschaft oder Piraterie. Die Regeln der digitalen Ökonomie erlauben die Koexistenz zahlreicher neuer Geschäftsmodelle, die von PaidContent bis Kostenlos reichen, von hartem Kopierschutz bis zu Creative Commons. „Free“ muss dabei nicht zwangsläufig „für den Nutzer kostenlos“ heißen – es kann auch „frei von Nutzungsbeschränkungen“ bedeuten.

Vom Freemium-Modell bis zum Gratis-Marketing

„There’s No Such Thing As a Free Lunch“, behauptete der Ökonom Milton Friedman im gleichnamigen Buch – und hat damit grundsätzlich recht. Denn alles, was produziert wird, verursacht reale Kosten, und sei es nur in Form von unbezahlter Arbeitszeit. Bei digitalen Gütern fällt diese Arbeit jedoch nur einmal an – Vervielfältigung und Vertrieb verursachen dagegen fast keine Kosten. Zugleich ist die Reichweite eines Produkts im Internet enorm – theoretisch ist jeder Surfer ein potentieller Kunde. Alternative Web 2.0 Geschäftsmodelle können somit profitabel sein, wenn nur ein sehr geringer Anteil der Nutzer eines Produkts zu den zahlenden Kunden gehört. Das Freemium-Modell kombiniert die Begriffe „Free“ und „Premium“. In den meisten Fällen bietet die Premium-Version bestimmte Vorteile, etwa besseren Support, erweiterte Funktionen oder Bonus-Material. Besonders beliebt war das Modell von Anfang an bei Software – so hat etwa im Bereich der Antiviren-Programme das Unternehmen Avira auf diesem Weg in Deutschland einen Marktanteil von mehr als 50 Prozent erreichen können. Die meisten Privatanwender nutzen die Basisversion der Software AntiVir kostenlos – der Löwenanteil des Umsatzes wird mit einer Vollversion für Business-Kunden erzielt. Die meisten der nun vorgestellten Geschäftsmodelle im Bereich des elektronischen Lesens folgen diesem Modell – es gibt zumeist zwei Varianten, die sich preislich unterscheiden, wobei die digitale Version entweder kostenlos oder zumindest deutlich günstiger ist als die gedruckte Fassung.

1. Chris Anderson: „Free – the Future of a Radical Price“

Wie gut Freemium im Bereich von E-Books und Audiobooks funktioniert, hat WIRED-Chefredakteur Chris Anderson im Sommer 2009 mit „Free“ bewiesen – das Buch war mehrere Wochen lang kostenlos über die Plattform Scribd online lesbar, die ungekürzte Hörbuch-Version kann man immer noch gratis downloaden. Wer dagegen die etwas leichter konsumierbare Zusammenfassung hören möchte, muss zum Portemonnaie greifen. Andersons Experiment war ein voller Erfolg – vor allem was die Print-Ausgabe betrifft, „Free“ blieb wochenlang in der NYT-Bestsellerliste. Das Modell funktioniert übrigens nicht nur bei prominenten Autoren – auch zahlreiche Debutanten haben es mittlerweile geschafft, durch kostenlose E-Book-Versionen die Verkaufszahlen ihrer gedruckten Ausgaben beträchtlich zu steigern. Besonders gut scheint sich dafür Amazons Online-Shop zu eignen, wo E-Books für den Kindle-Reader und Printversionen parallel angeboten werden.

2. Cory Doctorow: Kleiner Bruder im Kampf gegen das Big Business

Noch radikaler vermarktet sich der kanadische SciFi-Autor & Blogger Cory Doctorow. Als erklärter Gegner von DRM (Digital Rights Management) veröffentlicht Doctorow die E-Book-Versionen seiner Romane unter einer weitgehenden Creative Commons-Lizenz, die nicht nur das Kopieren, sondern auch Übersetzen, Erweitern und Verändern erlaubt. Das hat mittlerweile auch Auswirkungen auf den deutschen Markt. So erscheint etwa die deutsche Fassung von Doctorows aktuellem Roman „Little Brother“ als kommerzielle Printfassung im Rowohlt-Verlag, zugleich kann man im Internet jedoch eine Alternativ-Version kostenlos als E-Book herunterladen. Gleiches gilt in Kürze für die für Hörbuchversion – wobei die Qualitätsunterschiede zwischen dem für Mai angekündigten Audiobook des Argon Verlages und der bereits existierenden Community-Variante natürlich deutlich spürbar sein dürften.

3. Digitale Kollekte: Das „Street Performer Protocol“

Kostenlose Angebote und künstlerische Qualität schließen sich allerdings nicht aus. Bald könnte es beispielsweise eine professionelle Fassung von „Little Brother“ zum kostenlosen Download geben. Der Argon-Verlag plant nämlich, zusätzlich eine non-kommerzielle, ungekürzte Version des Hörbuchs zu produzieren. Finanziert werden soll das Projekt in Kooperation mit „SellYourRights.com“. Dieser Webservice richtet sich in seiner Startphase eigentlich vor allem an die Musikbranche – Motto: “kaufe Deine Lieblingsmusik frei”. Das zugrundeliegende Prinzip des „Street Perfomer Protocols“ ist jedoch universell einsetzbar: sobald genügend Spenden gesammelt worden sind, wird das jeweilige Werk unter einer Creative Commons-Lizenz produziert. Umsonst ist allerdings nur der Download – auf CD gebrannt wird man auch für „Little Brother“ einen Obolus entrichten müssen.

4. Die holländische Variante: Wieviel möchten Sie bezahlen?

Nicht immer muss man sich allerdings zwischen Free oder Premium entscheiden. Der niederländische Autor Ivo Victoria hat ein ganz besonderes Experiment gewagt – er lässt seine Leser entscheiden, wieviel Geld sie für die E-Book-Version seines Debut-Romans “Wie ich niemals die Tour de France für Minderjährige gewann” bezahlen möchten. Voreingestellt ist im E-Store von Ebooks.nl der Preis von einem Euro – wohlgemerkt für eine Version ohne Adobes DRM. Damit “Wie ich niemals die Tour de France für Minderjährige gewann” nicht über Download-Portale verbreitet wird, ist es allerdings mit einem Digitalen Wasserzeichen versehen. Ähnlich wie bei Anderson und Doctorow hat die E-Book-Version auch in diesem Fall einen positiven Einfluss auf die Verkaufszahlen der Printfassung: in den ersten drei Monaten nach Publikationstart wurden bereits 10.000 Exemplare verkauft.

5. Crowdfunding – auf dem Weg zur basisdemokratischen Kulturflatrate

Vor allem für den Online-Journalismus, aber auch die Blogosphere insgesamt gibt es eine spannende Alternative zwischen Paid Content und Kostenlos – das sogenannte „Crowdfunding“. Diese Methode verbindet auf intelligente Weise Web 2.0 und Micropayments. Ein bereits funktionierendes Beispiel ist der von Silicon-Valley-Unternehmerin Cynthia Typaldos gegründete Crowdfunding-Service „Kachingle“. Content-Provider wie Blogs oder Online-Magazine können sich bei Kachingle registrieren und ein spezielles Widget auf ihren Seiten installieren. Wenn den aktiven “Kachinglern” der angebotene Inhalt gefällt, klicken sie ganz einfach das Medaillon an – und zählen damit zu den offiziellen Unterstützern dieser Seite. Die Umverteilung der aus der Crowd gesammelten Funds richtet sich danach, wie oft eine Seite im Abrechnungszeitraum besucht wurde. Ein ähnliches Prinzip verfolgt auch Pirate-Bay-Mitgründer Peter Sunde mit dem Projekt „Flattr“. “Flattr is a wordplay of flattr and flatrate. With a flatrate fee, you can flattr people”, sagt Sunde und setzt statt auf Piraterie & File-Sharing nun auf eine ganz legale Variante zu Paid Content. Im Moment ist Flattr allerdings noch in der Private Beta-Phase – doch wenn das Modell so populär werden sollte wie weiland die Pirate Bay, wären wir wohl einer Kulturflatrate wirklich schon sehr nahe.

6. Versäumen Sie nicht die nächste Folge: Kostenlose Webcomics als Marketing-Strategie

Das World Wide Web lebt natürlich nicht nur von Texten & Tönen, sondern vor allem auch von Bildern. Insofern ist jeder Browser zugleich auch ein Comic-Viewer. Zahlreiche Comic-Anbieter nutzen das Internet als kostengünstiges Marketinginstrument, und generieren ihre Umsätze vor allem durch den Vertrieb von Print-Ausgaben. Branchengrößen wie Marvell oder Comixology (und in Deutschland neben Panini neuerdings auch Fix&Foxi) bieten online vor allem Leseproben aktueller Hefte an – meist auf der Grundlage von Adobes Flash-Technologie. Daneben gibt es allerdings auch eine Reihe von Serien, die als kostenloser Webcomic im Blogformat beginnen und am Ende als komplettes Comicbook verkauft werden. Besondere Aufmerksamkeit in den USA haben Webcomics mit aktuellen Themen wie „New Orleans: After the Deluge“ (Hurrikan Katrina) oder „Zahra’s Paradise“ (Iranische Opposition) erhalten. Mehrmals pro Woche aktualisierten Serien sorgen für große Aufmerksamkeit und maximale Reichweite – im Fall von „Zahra’s Paradise“ hat der auf Graphic Novels spezialisierte Verlag First Second sogar für parallele Übersetzungen in verschiedenen Sprachen gesorgt.

7. Jenseits von Fifty-Fifty: Direktvermarktung von E-Books

Alternative Geschäftsmodelle im Web 2.0 haben natürlich nicht nur Vorteile für die Leser, sondern auch für die Autoren. Am wichtigsten dürfte dabei die Unabhängigkeit von großen Verlagen sein – inzwischen gibt es zahlreiche erfolgreiche Beispiele für Self-Publishing. Vor allem prominente Autoren können weitaus bessere Konditionen erzielen, wenn sie die elektronischen Versionen ihrer Bücher direkt vermarkten. In den USA ist dabei oft Amazon die erste Wahl – über Selfpublishing-Plattform DTP sind dort sogar 70 Prozent Umsatzbeteiligung möglich. In Deutschland machte zuletzt Sachbuch-Autor Markus Albers Schlagzeilen, als er sein aktuelles Buch „Meconomy“ exklusiv als E-Book bei Libri.de und textunes herausbrachte. Zu den Pluspunkten des Self-Publishings gehört natürlich auch, dass E-Books auf diese Weise ohne Kopierschutz erscheinen können – denn möglichst oft kopiert und weiterempfohlen zu werden, ist schließlich auch das eine wichtige Erfolgsstrategie im Web 2.0. Für manche Autoren wie etwa Cory Doctorow ist es sogar eine richtige Horrorvorstellung, dass die elektronischen Versionen ihrer Bücher nicht genauso weitergegeben, ausgeliehen oder verschenkt werden können wie die Papierausgabe.

Dieser Artikel ist ein Beitrag zur Blogparade von stARTconference & Kulturmanagement Network zum Thema „Geschäftsmodelle im Web 2.0“.

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