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Französische Comic-Piraten scannen mehr als 30.000 Titel ein – Verlagsbranche profitiert davon

25 Jan 2012 1 Kommentar

Franzosen lieben ihre BDs (= „Bande Dessinée“) über alles. Der Comic-Anteil am nationalen Buchmarkt beträgt outre-Rhin satte 15 Prozent. So verwundert es kaum, dass die bunten Bildergeschichten im Land von Asterix, Gaston Lagaffe oder Lanfeust de Troy auch zu den am meisten raubkopierten Genres gehören. Doch die jetzt im Vorfeld des internationalen Comic-Festivals von Angoulême präsentierten Zahlen zeigen erstmals en detail, wie proaktiv und gut vernetzt die Subkultur der Peer-to-Peer-Piraten wirklich ist. Die in der Region Paris ansässige Monitoring-Behörde Le MOTif („Observatoire du livre et de l’écrit en Ile-de-France“) geht von 30 – 50.000 eingescannten Comics aus, von denen bis zu 10.000 einem breiterem Publikum zugänglich seien.

Die Aktivitäten der Scan-Szene erreichen fast schon industrielle Strukturen: in der Regel arbeiten die Raubkopierer in Teams von bis zu 100 Personen. Dabei geht es offenbar vor allem um die Selbsthilfe von passionierten Comic-Fans. Denn 58 Prozent der betroffenen Titel waren zum Zeitpunkt ihrer Verbreitung über Internet-Tauschbörsen oder Streaming-Portale weder digital noch im Print in Frankreich lieferbar. Die Comic-Piraten befriedigen also eine Nachfrage, für die es noch kein entsprechendes Angebot gibt. Doch auch andere Elemente der Copycat-Kultur dürften Kritikern illegaler Downloads dabei deutlich den Wind aus den Segeln nehmen. Denn bei Mangas etwa sind die Raubkopierer sogar als Übersetzer tätig – aktuelle japanische Serien landen somit ohne große Verzögerung auf dem franzöischen Markt, manchmal sogar mit erklärenden Fußnoten. Weltweit kommt die Grande Nation beim Manga-Konsum nach Nippon auf Platz zwei.

Den französischen Verlagen ist die „Vorfeldarbeit“ der Piraten offenbar gar nicht so unlieb. Denn Einnahmeverluste werden nicht verzeichnet – ganz im Gegenteil. Nicht nur die Zahl der Raubkopien steigt, sondern auch der Absatz offizieller Printversionen. Gerade die Bestseller am Kiosk oder in der Buchhandlung gehören zu den am meisten via Peer-to-Peer-Netzwerken verbreiteten Inhalten. Vielleicht auch deshalb, weil die Sprechblasen-Piraten auf der anderen Seite des Rheins einen ganz besonderen Ehrenkodex pflegen. Sobald ein Comicbuch kommerziell verlegt wird, ziehen sie die inoffiziellen elektronischen Versionen zurück. Die vorab veröffentlichten Erkenntnisse von MOTiF dürften in der nächsten Zeit für eine Menge Diskussionstoff sorgen. Denn schon vor einiger Zeit musste ausgerechnet Frankreichs Internet-Überwachungsbehörde HADOPI zugeben, dass „Heavy User“ von illegalen Tauschbörsen im Musikbereich zugleich zu den besten Kunden von legalen Anbietern gehören. Nun wird am Beispiel des Comic-Marktes noch deutlicher: Sanktionen wie Netzsperren sind nicht nur sinnlos, sie können sogar zur Bedrohung prosperierender Geschäftsfelder werden.

(via Publishing Perspectives, Les Numériques, Le MOTif)

Abb.: flickr/Terry McCombs

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