Home » Buchmesse

Storytelling, Storyselling: Frankfurt auf dem Weg zur E-Book-Messe

12 Okt 2011 2 Kommentare

„Neues Denken“ ist das Motto der Frankfurter Buchmesse 2011. Stärker noch als im letzten Jahr beschäftigt sich die Buchbranche in den Messehallen mit dem digitalen Wandel. Wenn auch widerwillig: „Die Buchmesse hat keine andere Wahl als auf veränderte Gewohnheiten zu reagieren“, so Buchmesse-Direktor Boos bei der Eröffnung — Euphorie klingt anders. Neu ist etwa die Kooperation mit dem IT-Branchenverband BITKOM, neu ist auch die erstmalige Verleihung eines deutschen E-Book-Preises. Bereits eingespielt ist dagegen Frankfurt SPARKS: die digitale Initiative dreht sich medienübergreifend um Storytelling & Storyselling. Auf der „Storydrive“-Konferenz tummeln sich als Keynote-Sprecher Gamification-Gurus, Screenwriter und Film-Finanziers. Wie bereits im letzten Jahr sind die neuen Medien auch an zahlreichen „Hotspots“ präsent, E-Reader wie auch Tablets etwa am Hot Spot „Mobile&Devices“. Der Strukturwandel der Gutenberg-Galaxis macht sich derweil nicht nur an schrumpfenden Umsätzen im stationären Buchhandel bemerkbar, sondern auch an der Aussteller-Statistik: hier verzeichnete die FBM ein leichtes Minus.

“Aufbruch im Mediensektor”

„No Man is an Island“, heißt es am Anfang von Hemingways Roman „Wem die Stunde schlägt“. Das gilt natürlich genauso für Branchen – die Stunde der Digitalisierung schlägt auch für die Erben Gutenbergs. Und so steht die diesjährige Buchmesse abgesehen vom Thema Island (Anm. der Redaktion: Wortspiel beabsichtigt) nach den Worten ihres Direktors Juergen Boos im Zeichen des „Aufbruchs im Mediensektor“. Die meisten Besucher der Frankfurter Buchmesse sehen allerdings mal wieder vor allem eins: Bücher. Ein Großteil 7.400 Aussteller präsentiert schließlich immer noch gedrucktes. Nicht besonders holzfrei ist aber auch das, was die Repräsentanten der Branche auf der Eröffnungsfeier präsentierten, allen voran Gottfried Honnefelder, Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels. Der lobte die Verlage nicht nur als qualitativen Contentfilter im digitalen Dschungel („Auswahl-, Sicherungs- und Vermittlungsleistung“), sondern malte auch zugleich ihre Bedrohung durch Piraten an die Wand. „Jedes Buch, das es digital gibt, wird es irgendwann auch illegal geben“, warnte Honnefelder, und forderte „spürbare Sanktionen für rechtswidriges Handeln“.

Frankfurter Buchmesse 2011

Piraten bedrohen 1 Prozent der literarischen Karibik

Bereits jetzt seien 60 Prozent der Downloads illegal, so Honnefelder weiter. Das behauptet zumindest eine Studie zur digitalen Content-Nutzung, die der Börsenverein zusammen mit dem Bundesverband der deutschen Musikindustrie in Auftrag gegeben hat. Die Studie musste zwischenzeitlich jedoch schon einige Kritik einstecken – so wurden etwa auch Downloads von kostenlosen Public-Domain-Titeln einfach unter der Rubrik „Piracy“ subsummiert. Merkwürdig scheint zudem der Schulterschluss mit der Musikindustrie. Denn dort hat man längst die Erfahrung gemacht, dass hohe Preise in Verbindung mit hartem DRM die Nutzer geradezu auf illegale Downloadforen treibt – und geht zu Flatrates und dem Verzicht auf Kopierschutz über. Auch eine aktuelle Studie US-amerikanischer Wirtschaftswissenschaftler bestätigt diesen Effekt. Doch die E-Book-Preise bleiben oben, die DRM-Schranke bleibt unten. Am liebsten wäre es den deutschen Buchmachern wohl, der Marktanteil von E-Books bliebe beim derzeitigen einen Prozent.

E-Book-Markt ist (mal wieder) kurz vorm Durchbruch

Dass es dabei aber gerade nicht bleiben wird, wissen vor allem die Buchhändler wohl am besten selbst. Eine regelrechte Explosion des E-Book-Anteils erwartet etwa Thalia-Chef Michael Busch. „Das Weihnachtsquartal wird einen enormen Schub bringen und in diesen nächsten zwölf Monaten werden wir den Durchbruch des E-Books erleben. Wir gehen davon aus, dass sich der Marktanteil dann in zwei Jahren in Richtung zehn Prozent bewegt“, so Busch gegenüber dpa. Thalia antwortet darauf mit einer Multichannel-Strategie, in deren Zentrum neben E-Book-Apps auch der Oyo Reader steht, der auf der Buchmesse in einer nur leicht verbesserten Form (Oyo II) vorgestellt wurde. Ob das Gerät konkurrenzfähig ist, darf man bezweifeln: es ist zu schwer, zu langsam und letzlich mit 119 Euro zu teuer. Taktgeber der Branche ist schließlich Amazon, dessen technisch überlegener High-End-Reader Kindle bereits ab 99 Euro zu haben ist.

Beteiligungsmodelle für den Buchhandel

Eine neue E-Lese-Initative startet auch die Börsenvereins-Tochter MVB, die auch das Download-Portal Libreka betreibt. Mit dem Liro Color bringt sie sozusagen die Edel-Variante des Weltbild-Reader heraus – mit Touch-Screen und WiFi. Vermarktet wird das Low-Cost-Android-Tablet zum Preis von 99 Euro exklusiv über den Buchhandel, der auch mit 20 Prozent an den via E-Store getätigten E-Book-Erlösen beteiligt ist. Ein vergleichbares Geschäftsmodell präsentiert in Frankfurt der Barsortimenter KNV – kann allerdings mit dem iRiver Story HD (bekannt als „Google Reader“) einen qualitativ deutlich wertigeren Reader bieten. Die Auflösung des E-Ink-Displays ist mit 768 x 1024 Pixeln nicht nur höher als bei Amazons Kindle, sondern toppt sogar noch das LCD-Screen des Liro Color. Beim Konkurrenten Libri setzt man neben deutlich überteuerten E-Readern plus integriertem E-Store dagegen vor allem auf kostenlose E-Reader-Apps für iPad und Android. Auch hier gibt es interessanterweise ein Beteiligungsmodell für die Partnerbuchhandlungen.

Virtuelle Point-of-Sales an allen Orten

Viele dieser Initiativen kommen allerdings zu spät und haben oft auch mangels eigenem Know-How und/oder zu gering angesetztem Investionsvolumen die Erwartungen nur teilweise erfüllen können. Auch die Äußerung des MVB-Chefs Ronald Schilds, man könne etwa durch ein Angebot wie den Liro Color “auf Augenhöhe mit den großen Internetplattformen konkurrieren”, darf man wohl getrost als Selbstermutigung interpretieren. Man muss kein Prophet sein um zu wissen: spätestens mit dem Start des deutschen Kindle-Stores und der neuen, deutschsprachigen Kindle-Modellreihe sind die Würfel gefallen. Zumal neben Amazon nun auch noch Kobo auf den Markt prescht – die Internationalisierungs-Strategie der Kanadier hat deutschen Lesern nicht nur den in Frankfurt präsentierten Kobo Touch verschafft, sondern auch einen deutschsprachigen Kobo Store. Weitere Hiobsbotschaften gefällig? Am 12. Oktober präsentierte am Hot Spot in Halle 4.2 der Suchmaschinen-Riese Google seine europäischen Pläne für den Google eBook-Store. Bemerkenswert ist neben der ubiquitären App-Strategie vor allem die Verbindung von Social-Reading-Elementen und Google Plus-Network. Nicht nur Google ist überall, die virtuellen Point-of-Sales sind es bald auch.

E-Books entwickeln sich weiter in Richtung Multimedia

Und was ist mit den E-Books selbst? Sie kämpfen einerseits noch mit ihrer Anerkennung durch die Leser. Über die Hälfte der Deutschen hat noch gar keine Ahnung, was ein E-Book ist, ergab kürzlich eine Studie der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers. Zugleich wird aber auf der Buchmesse schon ihre Zukunft diskutiert. Und eins dürfte dabei klar sein: das Lesen wird nicht nur immer vernetzter und sozialer, es wird immer „enhanceter“. Prototypen wie die von Ranga Yogeshwar vorgestellte epedio-App zielen dabei weitaus stärker als Jürgen Neffes schon 2010 geleaktes Libroid-Konzept auf Animation, Multitouch und Gamification. Andere wie etwa Bastei Lübbe verfolgen das Gesetz der Serie – mit „Apocalypsis“ geht der Vorhang auf für den „weltweit ersten digitalen Serienroman“, erhältlich als App, E-Book, Audio-Download und read & listen-Version.

Auf dem Weg zum “guten E-Book”

Weitaus unprätentiöser kommt dagegen Sascha Lobos „Strohfeuer“-App daher – das „Enhancement“ besteht hier nicht aus Multimedia, sondern aus „autorenorientierter interaktiver Textkommunikation“. Man kann Passagen markieren und dem Autor Fragen schicken, die er zeitnah zu beantworten verspricht. Überhaupt sollte man vielleicht dringend noch mal eine Lanze für das konventionelle E-Book brechen – das auch ein gutes Buch sein kann, obwohl es „nur“ aus Texten und Bildern besteht. Das zeigt nämlich der von epubli, ZEIT Online und dem Tagesspiegel ausgelobte E-Book-Preis „derneuebuchpreis.de“. Nominiert wurde durch die Netz-Community, gekürt haben prominente Juroren, und zwar in den Kategorien Belletristik, Sachbuch, Wissenschaft sowie Buchgestaltung. Ein E-Book-Preis war letztlich in diesem Jahr auch der normale Deutsche Buchpreis. Denn anders als 2010 ist mit Eugen Ruges Roman „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ auch der Siegertitel schon elektronisch lieferbar.

Abb.: Frankfurter Buchmesse (3), Weltbild (1)

2 Kommentare »

  • e-book-news.de » Storytelling, Storyselling: Frankfurt auf dem Weg zur E-Book-Messe | Markus Pingel schrieb:

    […] Storyselling: Frankfurt auf dem Weg zur E-Book-Messe Publiziert am 2011/10/13 von pi e-book-news.de » Storytelling, Storyselling: Frankfurt auf dem Weg zur E-Book-Messe. Dieser Beitrag wurde unter Literaturnews veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den […]

  • Chris schrieb:

    Ich bin gespannt, ob die deutschen Verlage es schaffen, sich nicht von den ausländischen Größen komplett abhängen zu lassen. Gerade gegen Amazon, die ohnehin schon eine feste Größe im Buchbereich sind. Der Wechsel, statt richtigen Büchern einfach eBooks bei Amazon zu kaufen, dürfte gering ausfallen.