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Flatrate als ideale Ersatzrate? Studie „Gutenberg 3.2“ sieht E-Book-Piraterie im Aufwind

17 Okt 2012 4 Kommentare

Wenn Branchen-Insider über E-Book-Piraterie reden, dreht es sich im Kern vor allem um eins – die Ersatzrate. Sprich: wieviel Umsatz geht verloren, weil Kunden auf kostenlose Angebote ausweichen. Seriös bestimmen lässt sich dieser Wert aber leider nicht, denn nicht jeder Downloader ist ein potentieller Käufer, alleine schon, weil das persönliche Budget eng begrenzt ist, die Zahl der im Netz zirkulierenden Dateien dagegen uferlos. Andererseits geben viellesende oder -hörende Filesharer aber besonders viel Geld für legale Downloads aus. Somit behilft sich auch die aktuelle Studie „Gutenberg 3.2“ wieder mit sehr theoretischen Annahmen. Immerhin gehen die im Auftrag von Lisheennageeha Consulting Ltd. arbeitenden Autoren dabei aber nicht wie in der Musikindustrie üblich von dreißig Prozent Ersatzrate aus, sondern von einem Prozent. Trotzdem kommen sie in einem Rechenbeispiel auf Millionensummen, die etwa der Wissenschaftsverlag Wiley alleine deshalb verliert, weil zahlreiche seiner Titel (Durchschnittspreis: 50 Dollar) über die US-Plattform Scribd.com illegal zum Nulltarif in Umlauf gebracht werden.

Teure Fachliteratur bei Piraten besonders beliebt

Überhaupt scheint sich teure Fachliteratur unter den E-Book-Piraten besonderer Beliebtheit zu erfreuen: Bei einer Auswertung von Metadaten ganzer Download-Bibliotheken stehen akademische Verlage wie Springer, Cambridge University Press, Oxford University Press oder Routledge ganz oben in der Ranking-Liste. Doch Belletristik – soweit schon als E-Book verhanden – gerät ebenfalls immer öfter auf virtuelle Abwege, und wird zudem verstärkt von deutschen Lesern nachgefragt. Das zeigen die Autoren der Studie „Gutenberg 3.2“ mit einem Blick auf eine E-Book-Rubrik („10.000 E-Books und mehr“) des Download-Forums boerse.bz, die seit Januar 2011 mehr als 2 Millionen neue Hits verzeichnen konnte. Da einzelne Foren-Beiträge direkt auf One-Click-Hoster verweisen und zahlreiche Links enthalten, wurden die Seitenaufrufe dieser Rubrik mit 15 multipliziert, was einer Zahl von 30 Millionen Downloads entsprechen würde.

Download-Foren weitaus attraktiver als Amazon & Co

Selbst wenn die realen Download-Raten geringer ausfallen, zeigt das Beispiel: nur ein einziger Thread in einem populären Forum (boerse.bz ist unter den Top 100 der meistbesuchten Websites in Deutschland) kann in kurzer Zeit rein rechnerisch mehr E-Books unter das Volk bringen als alle legalen Buchhandels-Portale zusammen (gesamter Absatz in 2011: knapp 5 Mio. E-Books). Die Frage ist nur, was für Schlüsse man daraus zieht. Die Studie Gutenberg 3.2 macht gleich mal die Download-Foren für das Schrumpftum im bundesdeutschen Print-Geschäft verantwortlich – und nicht etwa den Medienwandel an sich. So seien Umsatzrückgänge im Jahr 2011 von 29 Prozent bei den Top 30-Bestsellern in diesem Zusammenhang zu sehen. Eine sehr gewagte These – denn die Zahl der legalen Downloads hat sich im selben Zeitraum verdoppelt, und in den ersten sechs Monaten des Jahres 2012 noch einmal. Mittlerweile hat der E-Book-Verkauf sogar schon den von Hörbüchern und Videos überholt.

Flatrate-Angebote im Aufschwung

„Jeder Tag ohne Maßnahmen gegen illegale Verbreitung elektronischer Bücher kostet die Verlage mehr Geld“, heißt es dagegen am Ende der Studie. Aber was für Maßnahmen? Lisheennageeha Consulting Ltd. hat sich nicht ganz zufällig darauf spezialisiert, digitale Raubkopien im Netz ausfindig zu machen und zu eliminieren. Doch zugleich enthält die vom virtuellen Greiftrupp bezahlte Studie auch Hinweise darauf, wo das eigentliche Problem liegt – sie verweist nämlich auf den zunehmenden Erfolg illegaler Flatrate-Angebote mit „All-you-can-read“-Effekt. Plattformen wie online-library.ws bieten gegen eine monatliche Grundgebühr (in diesem Fall 39 Dollar) unbegrenzte, werbefreie Downloads hunderttausender DRM-freier E-Books und Hörbücher, freilich ohne Autorisierung der Rechteinhaber. Die Nutzer sind also durchaus bereit, etwas zu zahlen – doch bei legalen Angeboten werden sie durch hohe Preise und lästigen Kopierschutz abgeschreckt.

Abb.: Krypto/Flickr

4 Kommentare »

  • rr schrieb:

    Allein die Ermittlung des Faktor 15 ist Haarstäubend. Es wird weder der Zeitraum, in dem die Hits entstanden sind berücksichtigt (was bei der Gleichsetzung von Threads mit großer und kleiner Link-Anzahl relevant ist). Ebenso wenig wird die Verfügbarkeit der Links berücksichtigt. (Es entstehen z.B. Hits auf Beiträge, wo es schon lange nichts mehr zu holen gibt.) Die Annahme Hit = Download ist sowieso unsinnig. Hier müsste man deutlich abziehen.

    Zuletzt wird das deutsch- und englischsprachige Kopienangebot zusammengewürfelt. Das ist wirklich absurd, weil man das beim besten Willen nicht vergleichen kann.

  • Ansgar Warner (author) schrieb:

    Die Frage ist alleine schon, wird jemand, der mit einem Klick 15 oder mehr E-Books herunterlädt, die auch tatsächlich alle lesen? Teilweise enthalten solche Bündel sogar hunderte Titel von A bis Z. In der Praxis werden sich die Leser wenige E-Books herauspicken. Für die Statistik (=Ersatzrate) werden aber gleich alle heruntergeladenen Titel mitgezählt. Dabei sollte doch klar sein: nicht nur das individuelle Budget ist begrenzt, auch die Lebens- /Lesezeit.

  • Andrea Kamphuis schrieb:

    Nachdem ich bereits die letzte Piraterie-“Studie” von Lisheennageeha Consulting Ltd. methodisch und stilistisch fragwürdig fand, überrascht es mich nicht, dass auch diese Neuauflage von eigenen wirtschaftlichen Interessen gesteuert ist.

    Die illegalen Downloadforen sind gegenüber den legalen Angeboten oft auch deshalb attraktiver, weil sie leichter auffindbar sind: ein Teufelskreis. Wie oft bin ich in letzter Zeit beim schlichten Googeln nach den Konditionen für den (legalen) Download teurer Wörterbücher oder Fachbücher als erstes mal auf drei, vier illegale Portale gestoßen?

    Die legalen Angebote folgten, wenn überhaupt, darunter oder auf Sucherergbnisseite 2. An *dieser* Stellschraube sollten die Verlage drehen: das eigene Angebot so komfortabel und attraktiv und bekannt wie möglich machen.

  • Marc schrieb:

    Die Musikindustrie stand doch vor wenigen Jahren vor dem selben Dilemma: Restriktive DRM-Maßnahmen oder Kundenfreundliche Angebote. Die völlig überzogenen Aktionen gegen Raubkopierer und der Teilweise haarsträubende Kopierschutz sind auf keine Gegenliebe bei den Verbrauchern gestoßen, das digitale Geschäft lief unterirdisch schlecht. Bis die Branche sich dann, angefangen mit iTunes, auf ein neues, kundenfreundliches Vertriebsmodell einigen konnte. Ähnliches müssen die Verlage m.M.n. auch machen: Einsehen, dass Raubkopien nicht zu verhindern sind und endlich anfangen, kundenfreundliche Angebote zu schaffen!