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Fire-Tablet erntet Kritik: „Kein Blindgänger, aber auch keine Weltklasse“

15 Nov 2011

Amazons neuer Tablet-Star ist da – gestern wurden die ersten „Fires“ ausgeliefert. Zeitgleich erschienen die ersten Reviews zum sieben Zoll-Android Gadget, das in der Presse zahlreiche Vorschusslorbeeren bekommen hatte. Amazon-Chef Jeff Bezos war es gelungen, einen geradezu Apple-mäßigen Hype zu erzeugen. Die meisten Tester meinen allerdings: in der aktuellen Version erfüllt das Fire-Tablet die hochgesteckten Erwartungen noch nicht. Hauptkritikpunkt ist die mangelnde Performance, was etwa beim ruckeligen Webbrowser auffällt, aber auch insgesamt bei der etwas trägen Reaktion des Touch-Screens. Moniert wird zudem die optisch nicht ganz so gelungene Anpassung der Android-Oberfläche an das sieben Zoll-Display. Spürbar sind offenbar auch die Hardware-Kompromisse, um den Kampfpreis von 200 Dollar zu ermöglichen – so gibt es weder Kameras, Mikrophone, Bluetooth oder einen SD-Karten-Slot. Selbst auf einen „Home-Button“ und externe Lautstärke-Regler wurde verzichtet. Viele Mängel dürften wohl spätestens im Frühjahr 2012 behoben sein – denn Amazon plant offenbar bereits den baldigen Launch einer verbesserten Version namens „Fire 2“.

“200-Dollar-Preisschild mit jedem Fingerwisch spürbar““

Einer der ersten Tester von Amazons Fire-Tablet war David Pogue, prominenter Tech-Kolumnist der New York Times. Aus seiner Feder hagelte es harsche Kritik: „Man fühlt das 200 Dollar-Preisschild mit jedem Fingerwisch. Animationen sind langsam und zäh, sogar die Seitenwechsel, die ja eigentlich der Stolz des Kindle-Teams sein sollten. Manche Fingertips werden gar nicht registriert.“ Pogue hatte bei der Ausstattung wohl etwas mehr erwartet, sowoh hardware- wie auch softwareseitig. Der Nutzwert eines Tablets hängt davon ab, ob man es auch produktiv einsetzen kann. Beim Fire heißt es da eher: Fehlanzeige. „Es ist fast ausschließlich zum Konsum von Content designt worden, vor allem natürlich Amazons eigenem, wie E-Books, Zeitungen oder Video. Es gibt zwar ein brauchbares E-Mail-Programm, aber keine Kalender-App oder eine Note-Pad-Funktion.“ Letztlich bleibt der Eindruck: David Pogue ist enttäuscht von der Umsetzung eines Konzepts, das er an sich für sinnvoll hält – der „Kreuzung von Kindle und iPad“. Damit die wirklich gelingt, muss Amazon wohl noch mal an einigen Schräubchen drehen: „If you’re used to an iPad or ‚real‘ Android tablet, its software gremlins will drive you nuts.“

“Kein Blindgänger, aber auch keine Weltklasse“

Ernüchtert zeigt sich auch das Wired-Magazin. „Ist das wirklich das Tablet, von dem alle reden?“ fragt Reviewer Jon Phillips. Die Quintessenz seiner ersten Stunden mit dem Fire-Tablet: „Das Fire ist zwar kein Blindgänger, aber Performance und Nutzwert erreichen weder die Erwartungen der Öffentlichkeit noch die Standards der Weltklasse-Tablets.“ Interessanterweise hält Phillips das sieben Zoll-Display bereits von der Größe her unzureichend, um grundlegende Tablet-Aktivitäten auszuführen. Zu klein ausgefallen ist seiner Ansicht nach aber vor allem die CPU: „Der 1 Gigahertz-Chip scheint nicht auszureichen für flüssiges, nahtloses Webbrowsen.“ Gelungen sei das Fire-Konzept dagegen dort, wo es um das Einkaufen und Konsumieren geht: „Das Fire ist tatsächlich ein verdammt effektives Shopping-Portal, verkleidet als 7-Zoll-Flachrechner. Video-Playback via Netflix oder Hulu Plus funktiniert ausgezeichnet, genauso wie Amazons E-Store, über den man an hunderttausende Filme, TV-Serien kommt, viele davon kostenlos.“ Unzufrieden zeigt sich der Tester jedoch bei den originären E-Reader-Eigenschaften des Tablets: „Der Fire-Prozesor scheint nicht darauf ausgelegt zu sein, visuell aufwändig gestaltete Zeitschriften-Seiten zügig anzuzeigen. Beim Seitenwechsel gerät das Tablet ins Stottern, richtiges Lesegefühl kommt so nicht auf.“ Zudem komme man bei sieben Zoll nicht ohne ständiges Einzoomen aus, egal ob es um Artikel oder E-Comics gehe.

“Erster echte iPad-Konkurrent, aber nicht ohne Macken“

Nicht hundertprozentig überzeugt vom Fire Tablet zeigt sich auch Mashable, obwohl getitelt wird: „Erster echter iPad-Konkurrent“. Mashable-Autor Lance Ulanoff klagt aber gleich im ersten Absatz: „This is the tablet I wanted to love“. Nun musste der Tester aber entdecken: „Es ist ein Gerät mit Macken – ein Produkt das buchstäblich nicht weiß, wo oben und unten ist“. Der G-Sensor scheint also auch bei diesem Android-Tablet manchmal etwas verwirrt zu sein. Geärgert hat sich Ulanoff zudem über die teilweise misslungene Anpassung von Android 2.3 an ein sieben Zoll Display: „Das Interface ist nicht immer optimal auf 1024×600 Pixel eingestellt. Während das Bookshelf und die einzelnen Cover groß aussehen, sind viele Einstellungsmenü zu klein geraten.“ Probleme bereiteten zudem E-Mags im PDF-Format, die sicht trotz Zoom nur schlecht lesen ließen. Recht zufrieden war Mashable dafür mit der Leistung des Fire-Browsers. „Der tab-gestützte Silk-Browser zeigte sich hier und da tatsächlich so schnell wie versprochen. Silk ist nicht vergleichbar mit anderen Android Browsersn. Amazon nutzt die eigenen Server, um Webseiten im voraus zu speichern, um das Laden zu beschleunigen. Je mehr Seiten von Amazon gecachet werden, desto schneller soll das in Zukunft funktionieren.“ Am besten funktioniert das Fire nach Ansicht von Ulanoff als Movie-Player: „Mit meinem Amazon Prime Account kann ich via Streaming hunderte Filme direkt auf dem Gerät anschauen.“ Insgesamt schätzt der Mashable-Tester das Potential des Fire Tablets hoch ein: „Es kommt von allen Tablets, die ich gesehen habe, am am nächsten an das iPad heran: eine konsistente, gut durchdachte Kombination von Hardware und Anwendungen, die eine fast reibungslose Umgebung zum App-Einkauf und Content-Konsum bietet.“