Fire Phone, oder: Wer steckt hier wen in die Tasche?

Vom E-Reader über das Tablet zum Smartphone: seit dem Launch des Fire Phones am 18. Juni herrscht in Amazons Modell-Palette die heilige Dreifaltigkeit. Nur auf den ersten Blick hat der Online-Händler mit dieser Reihenfolge das Apple-Erfolgsmodell auf den Kopf gestellt: schon das Kindle der ersten Generation war letztlich eine Art mobiles Telefon mit E-Ink-Display – denn das Handy-Netz sorgte schon 2007 für den direkten Draht zum Kindle-Store. Das Fire-Tablet erweiterte dieses Konzept: dank farbigem Touch-Screen wurde der Kindle-Nachfolger zur multimedialen Shopping-Plattform. Hauptzielrichtung natürlich: Amazons Everything-Store.

Das ungleich mobilere Fire Phone setzt nun noch eins drauf – dafür sorgt ein Feature namens „Firefly“. Via Kameraauge bzw. Mikrophon erkennt das Gerät auf Knopfdruck (es gibt einen speziellen „Firefly“-Button) eine Vielzahl an Produkten von der DVD über das Buch bis zur Fernsehserie. Insgesamt 100 Millionen Produkte kann das Smartphone on the go identifizieren, zum Beispiel in der Auslage eines Schaufensters oder im Regal – und lenkt den potentiellen Käufer dann zur entsprechenden Artikel-Seite im virtuellen Amazon-Store. Das könnte dann demnächst zu Fällen von galoppierender Showroomeritis führen, theoretisch selbst bei preisgebundenen Büchern: denn neben druckfrischen Exemplaren sind im Amazon-Store ja auch Second-Hand-Ausgaben von Drittanbietern erhältlich.

Letztlich dürften die Einzelhändler aber froh sein, wenn Firephoniker überhaupt noch in personam auftauchen, denn auf dem 4,7 Zoll großen Smartphone-Display ist das Content-Angebot so groß wie nie zuvor: neben Kindle-Books, Audible-Books sowie Zeitungen & Zeitschriften vom Kindle Newsstand kommen die Sprechblasen der von Amazon aufgekauften ComiXology-App. Dabei muss man nicht mal die Geldbörse zücken – Firephone-Käufer erhalten eine 12monatige Mitgliedschaft bei Amazon Prime dazu, können also gratis Videos streamen oder E-Books aus der Kindle Leihbücherei ausleihen. Garniert wird das Ganze dann noch mit 3D-Effekten und dem Umblättern bzw. Scrollen per Handbewegung.

In den USA kann das Fire Phone bereits vorbestellt werden, die Auslieferung an die Kunden beginnt am 25. Juli. Wann das Gerät auf den europäischen Markt kommt, ist noch nicht bekannt. Wer am Ende wen in die Tasche steckt, scheint dagegen schon jetzt klar: steckt der Kunde Amazon in Form des Feuertelefons ein, steckt Amazon den stationären Handel umso leichter in die Tasche. Umso wichtiger dürfte es sein, dass die „Brick-and-Mortar“-Fraktion eigene Strategien entwickelt, um mobile Shopping-Gewohnheiten und lokales Angebot besser zu verkoppeln.

Veröffentlicht von

Ansgar Warner

Ansgar Warner arbeitet als freier Autor im Medienbüro Mitte (Berlin). Neben diversen Brotarbeiten für Presse & Rundfunk bloggt er hier rund um's Thema Elektronisches Lesen. Die spannende (Vor-)Geschichte der elektronischen Bücher erzählt Ansgar in "Vom Buch zum Byte". Praktische Infos für Autoren, Verleger & alle E-Reading-Interessierten vermittelt das "e-book & e-reader abc".