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[e-book-review] Fall-Studie zwischen oben & unten: J K Rowlings „Ruf des Kuckucks“

7 Jan 2014

Wer zum Kuckuck ist Robert Galbraith? Am 14. Juli 2013 landete die Londoner Sunday Times den literarischen Scoop des vergangenen Jahres: hinter dem angeblichen Erstlingswerk „Cuckoos Calling“ des unbekannten Autors, verriet das Blatt seinen Lesern, verbarg sich niemand anderes als J K Rowling, also die Harry-Potter-Erfinderin. In Windeseile eroberte der Krimi um den Londoner Privatdetektiv Cormoran Strike die Bestseller-Listen, die überrumpelten Verlage Hachette (USA) und Little, Brown (UK) druckten eilig hunderttausende Bände nach, die E-Book-Downloads schossen zwischenzeitlich alleine schon faute de mieux in die Höhe, manches Exemplar der Erstauflage wurde zu Mondpreisen auf Ebay versteigert.

Speed-Übersetzung in drei Monaten

Die Geschichte der Aufdeckung, ausgelöst durch anonyme Twitter-Hinweise, am Ende auch unterstützt durch Computer-Linguisten, liest sich selbst wie ein Krimi – beabsichtigt hatte J K Rowling das Medienereignis jedoch nicht, zumindest nicht zu diesem Zeitpunkt. Pünktlich zum Weihnachtsgeschäft 2013 brachte Blanvalet unter dem Titel „Der Ruf des Kuckucks“ eine deutsche Version heraus, die ein dreiköpfiges Übersetzerteam in gerade mal drei Monaten realisiert hat. Grund genug für mich, mal in den mehr als 600-seitigen Wälzer hineinzuschauen, in diesem Fall natürlich in die Hardcover-Version (kann man eben auch verschenken!). Das E-Book wird vom Random House-Imprint zum Prohibitivpreis von 19 Euro angeboten, gegenüber 23 Euro für die Printversion.

Der Schnüffler und das schwarze Model

Schon auf den ersten Seiten merkt man, warum niemand dem Anonymus Robert Galbraith abnehmen wollte, mit dem Ruf des Kuckucks seinen Debütroman vorzulegen – denn dazu bringt der erste Plot-Point viel zu geschickt Detektiv und Afghanistan-Veteran Cormoran Strike und seinen neuen „Girl Friday“ Robin Ellacott in einem für beide kritischen Moment zusammen. Geschickt ist auch Strikes familiärer Hintergrund – als unehelicher Sohn eines legendären Rockstars – mit den Ermittlungen zum Todes-Fall von Lula Landry (Spitzname: Kuckuck) miteinander verbunden, einem schwarzen Model, das als arme Halbwaise von der Upper Class-Familie Bristow adoptiert wurde und eines Tages im edlen Zwirn vom Balkon ihrer Luxuswohnung stürzt.

Zwischen High-Society und Habenichtsen

Die Handlung bewegt sich dann auch ständig an den Bruchlinien des desolaten britischen Gesellschaftsgefüges entlang, Race, Class, Gender, alles Schicht für Schicht zentrifugiert, für weitere Kollateralschäden sorgen die Kolonialkriege des 21. Jahrhunderts. Cormoran Strike hat am Hindukusch ein Bein verloren, und erinnert als invalider Ermittler ebenso an Dr. Watson wie an die hart gekochten Typen von Dashiell Hammett oder Raymond Chandler, die den Grabenmantel (vulgo: Trenchcoat) auch nach der Schlacht nicht abgelegt haben. An Conan Doyles quasi-ethnologischen Blick auf die Londoner Unterschichten erinnern die Passagen, in denen Cormoran Strike mit Vertretern der Working Poor aus der neuen alten Underclass zu tun hat – wobei das sprachlich-dialektal natürlich nur im englischen Original so richtig funktioniert. (Die zweite Hälfte des Krimis habe ich nach Weihnachten tatsächlich via Kindle im Original gelesen, die englische E-Book-Version gibt’s für 11 Euro).

Role-Model Rowling: eine Frau schreibt sich empor

Insofern ist die Harry-Potter-Autorin erzählerisch in der Gegenwart angekommen, und hat den symbolischen Gegensatz zwischen Muggeln und Zauberern wieder in einen echten Klassengegensatz zurückverwandelt. Cormoran Strikes nächster Fall soll bereits Ende 2014 erscheinen, als Nom de plume wird wieder Robert Galbraith dienen. Wirklich nötig hätte J K Rowling den Aufbau eines neuen Serienhelden nicht, zählte doch die „Sunday Times Rich List“ sie schon 2008 mit einem Besitz von mehr als 500 Millionen Euro zu den zwölf reichsten Frauen des Vereinigten Königreichs. Durch den Aufbau der Pottermore-Plattform und die E-Book-Vermarktung in eigener Regie dürfte längst die Top Ten erreicht sein. Doch Lady Rowling ist eben eine Self-Made-Frau, die sich emporgeschrieben hat, sie stellt geradezu das Role-Model der klassischen „rags to riches“-Geschichte dar. Vieles davon wird auch im „Ruf des Kuckucks“ reflektiert, und alleine schon deswegen kann man dieses Buch nur empfehlen…

Abb.: Flickr/morgane-magnifique (cc)