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Fair pay bei E-Books illegal: Berlin Story Verlag stoppt Crowdfunding-Aktion

16 Feb 2012 9 Kommentare

E-Books bieten sich nicht nur für Gratis-Aktionen an, sondern auch für freiwillige Bezahl-Experimente mit Crowdfunding-Charakter. Der Berlin Story Verlag testete seit letzter Woche ein „Fair Pay“-Konzept: „Welchen Wert haben Ebooks für Leser? Und wie viel sind sie bereit, dafür zu zahlen? Dieser Frage wollen wir nachgehen, indem wir es den Lesern überlassen, den Preis eines Ebooks zu bestimmen“, hieß es in der Ankündigung. Für das Experiment ausgewählt wurde die epub-Version von Klaus Behlings „Der Letzte macht das Licht aus“, einer Sammlung von DDR-Fluchtgeschichten. Wer das Buch herunterladen wollte, konnte via Flattr oder PayPal einen selbst gewählten Betrag spenden. Alternativ bat der Verlag um Naturalspenden wie etwa Schokolade. Da der Download-Link frei zugänglich war, gelangte man aber auch ganz für lau an die Lektüre.

Verstoß gegen Buchpreisbindung

Doch statt Zuckerbrot von den Lesern bekam Berlin Story die juristische Peitsche der Konkurrenz zu schmecken. Von einer Abmahnung bedroht, musste das interessante Marketing-Experiment bereits nach wenigen Tagen beendet werden. Dabei berief sich die eingeschaltete Anwaltskanzlei auf die in Deutschland geltende Buchpreisbindung. „Wir finden den Gedanken, den Marktpreis eines Buches durch Leserinfonnationen zu erfahren, recht originell. Sehen darin allerdings einen klaren Widerspruch gegen das Buchpreisbindungsgesetz“, teilte man dem experimentierfreudigen Verlag mit. In Paragraph 5 des betreffenden Gesetztes sei geregelt, „dass es der Verleger ist, der den Preis bestimmen und dann veröffentlichen muss, es aber nicht Dritten, etwa Händlern oder auch Lesern, überlassen kann, den ihnen angemessenen Preis zu bestimmen“. Das gelte im übrigen nicht nur für Printprodukte, sondern auch für E-Books.

In wenigen Tagen fast 200 Downloads

Für den Verlag kam diese Reaktion überraschend, denn das anfängliche Echo auf die Fair Pay-Idee war äußerst positiv, und das nicht nur in den Facebook-Kommentaren: „In wenigen Tagen gab es fast 200 Downloads, was für einen kleinen Verlag eine beträchtliche Menge ist!“, so Verlagsgeschäftsführer Enno Lenze. Beschwerden waren dagegen nicht zu verzeichnen. „Kein Anruf, kein Fax, keine eMail, kein Brief, kein Kommentar, kein Post, kein Tweet – nichts. Wieso man direkt den Anwalt bewegen muss ohne sich einfach mal zu melden – und das unter Branchenkollegen – werde ich nie verstehen“. Schließlich müsse man das Produkt Buch weiterdenken. „Aber die Großen der Branche harren auf veralteten Geschäftsmodellen aus und verteidigen diese“.

Was ist der optimale Preis für ein E-Book?

Wichtig wäre es etwa, sich tiefere Gedanken über das Pricing elektronischer Produkte zu machen. Erklärtes Ziel der Fair Pay-Aktion war schließlich, den passenden Preis für ein E-Book zu finden. Idealerweise sollte dieser den Wert für den Leser widerspiegeln und sich trotzdem von den Produktionskosten her rentieren. Das müsste eigentlich die gesamte Branche interessieren. Berlin Story wollte deswegen die Auswertung des Experiments detailliert veröffentlichen. Nun wird es wohl bei den wenig aussagekräftigen 136 Downloads, 8 Euro in Cash, sechs Flattr-Klicks und 200 Gramm Marzipan bleiben. Enttäuscht zeigte sich auch der Autor von „Der letzte macht das Licht aus“. Er habe es „nicht für möglich gehalten, in meinem Leben noch einmal zu den Autoren zu gehören, deren Bücher verboten werden“, so Klaus Behling. Doch zumindest bleibt ein Trost: die Printversion der DDR-Fluchtgeschichten dürfte sich jetzt leichter verkaufen lassen.

UPDATE: Angesichts des großen Medienechos hat die von den Verlagen als „Preisbindungstreuhänder“ beauftragte Anwaltskanzlei Fuhrmann Wallenfels eine Stellungnahme zum „Fall Berlin Story Verlag“ veröffentlicht.

9 Kommentare »

  • | Berlin Story schrieb:

    […] Hier lesen Sie alles genau … « Cicero – Vorbereitung auf unser Buch zur Piratenpartei […]

  • Andrea Kamphuis schrieb:

    Ich bin nicht glücklich mit der Einordnung der Aktion des Berlin Story Verlags als Crowdfunding. Gemeinsam ist den Kampagnenformen, dass es sich bei beiden im weitesten Sinne um eine Preisdifferenzierung zweiter Ordnung (Selbstselektion) handelt. Aber zu groß sind die Unterschiede: Hier gab keine Zielsumme und kein Alles-oder-Nichts-Prinzip; die Produktion des Buches war bereits abgeschlossen; es gab keine vom Betreiber definierte Prämienstaffel.
    Crowdfunding-Kampagnen für Bücher (ob nun Print oder E-Books) sind m. E. durchaus kompatibel mit der Buchpreisbindung, wenn das Buch zu einem festen Preis angeboten wird und alle Beträge, die darüber hinaus gehen, als Zuwendungen oder als Preise für weitere Prämien ausgewiesen sind.
    Und über den Ausspruch des Autors („Bücher verboten“) decken wir am besten den Mantel des Schweigens. Ich verstehe, dass Autor und Verleger unangenehm überrascht sind, aber solche angefassten Reaktionen helfen niemandem.

  • eBook gegen Zwangsspende – und viel Feedback | Berlin Story Verlag Blog schrieb:

    […] bei Winfuture.de, Buchreport.de (und ein Followup), Netzpolitik.org, e-Book-news.de, Spiegel Online, […]

  • Michael schrieb:

    Also ich finde die Idee nicht schlecht. Vieleicht ist dies auf lange Sicht der erste Ansatz die Buchpreisbindung zu lockern.

  • Das könnte Sie interessieren … (III) | Lesen und gelesen werden – der Bücherblog schrieb:

    […] einige Flattr-Klicks und 200 Gramm Marzipan. Dann wird die Aktion anwaltlich verboten. Schade.  http://www.e-book-news.de/fair-pay-bei-e-books-illegal-berlin-story-verlag-stoppt-crowdfunding-akt… oder […]

  • Thomas Knip schrieb:

    Ich kann mich der Meinung von Andrea Kamphuis nur anschließen.

    Das war kein Crowdfunding, was hier versucht wurde. Bitte informiert euch erst einmal genau über diesen Begriff. Crowdfunding – also das sammeln für Kapital für ein noch zu startendes(!) Projekt – ist sehr wohl möglich und wird durch die Reaktion des Börsenvereins auch in keinster Weise in Frage gestellt.

  • Ansgar Warner (author) schrieb:

    Hmmmmmmmm, Crowdfunding ist ja nun kein gesetzlich geschützter Begriff, den nur Plattformen wie startnext, Kickstarter oder kraut-publishers im Rahmen von Kampagnen verwenden dürfen, die eine zeitliche und finanzielle Schwelle vorgeben. Und Crowdfunding beschränkt sich genauso wenig auf Pre-Order-Modelle. Zunächst mal geht es ganz einfach um Massenspenden, man hat also eine Crowd, die dann mit individuellen Geldbeträgen ein Projekt unterstützt. Wenn man wie etwa Berlin Story sagt: bitteschön, ihr könnt unser E-Book frei herunterladen, ob und was ihr spendet, entscheidet ihr selbst – dann ist das also durchaus eine Form von Crowdfunding. Aber eben leider eine Form, die in Deutschland mit der Ware Buch bisher nicht erlaubt ist, weil der freie Wettbewerb in diesem Bereich durch die Gesetzgebung stark eingeschränkt wird.

  • Vlad schrieb:

    Hallo Ansgar,

    „Für den Verlag kam diese Reaktion überraschend…“

    jetzt mal im Ernst. Glaubst du das? Ein Verleger der die Buchpreisbindung und ihre Auswirkungen nicht kennt?

    Die Sache ist bei der Buchpreisbindung recht eindeutig geregelt. Eine Ausgabe des Buches muss überall gleich kosten und den Preis muss der Herausgeber festsetzen, dabei kann der Preis durchaus auch Null Euro betragen.

    Hätten die den Preis auf Null Euro festgesetzt und hätten kommentarlos die Spendebuttons eingebunden, dann hätte es kein Problem gegeben.

    Daher vermute ich persönlich eine geschickte PR-Maßnahme dahinter.

  • Ansgar Warner (author) schrieb:

    In diesem Fall wundert mich die Reaktion der „Preisbindungstreuhänder“ tatsächlich – denn das Buch WURDE ja kostenlos angeboten, der Download-Link stand frei im Netz. Man kann ja Spende ab null Euro & anschließenden Download auch zwingend koppeln, etwa über PayPal.Aber so war es hier eben nicht. Insofern darf man eher den großen Verlagen für diesen Skandal danken. Die können sich schließlich einen eigenen Abmahnverein leisten, um damit die Zunftregeln der Gutenberg-Galaxis möglichst weit in den digitalen Sektor ausdehnen zu können. Juristisch liegt das Experiment eher in der Grauzone, aber das finanzielle Prozess-Risiko kann sich ein kleiner Verlag wie Berlin Story eben nicht leisten.