„Es gibt eine Sehnsucht nach solchen Orten“: Renaissance der Indie-Buchhandlung?

Jenseits der Gigantenkämpfe zwischen Online-Portalen und Lese-Supermärkten hat ein ganz neues Kapitel begonnen -- die Renaissance der inhabergeführten, unabhängigen Buchhandlungen. Das beste Beispiel ist Berlins hippe Mitte: Lesen gilt wieder als schick, spätestens, seitdem es auch schicke Buchhandlungen im modernen Design gibt. Diese Locations für Literatur heißen Ocelot, Moby Dick oder Uslar & Rai. Das allerneueste Kapitel findet man seit März 2013 in der Kopenhagener Strasse, unweit von der Schönhauser Allee, -- und es nennt sich auch so: „Neues Kapitel“, steht auf dem Schaufenster geschrieben, und darunter „Buchhandlung Karin Müller-Fleischer“.

„Buchhandlungen sind wichtige & schöne Orte“

Für die Gründerin Karin Müller-Fleischer hatte der Sprung in die Selbständigkeit viel mit dem Ort selbst zu tun: „Ich bin ausgebildete Buchhändlerin, habe acht Jahre in einer Buchhandlung in Friedenau gearbeitet, und nebenbei noch als Stadtführerin. Ich hatte schon länger das Gefühl: ich möchte was neues machen, das wurde dann letztes Jahr konkreter, als ich den Raum gesehen habe, und klar war, das ich den bekommen kann“. Bücher plus Prenzlauer Berg, das erschien von Anfang an als stimmige Kombination: „Ich liebe einfach Buchhandlungen, das sind schöne und wichtige Orte, und ich fand dass das in diesem Kiez ganz gut passt, ich mag die Kopenhagener Strasse, und hatte den Eindruck, dass das hier eine schöne Ergänzung zum restlichen Einzelhandel ist“.

Buchhandelsketten allerdings mag die studierte Romanistin nicht so sehr, weder als Ort zum Einkaufen noch als potentiellen Brötchengeber :“Da würde ich auch nicht arbeiten wollen, insofern war das nie eine Option für mich, mich etwa bei Thalia oder Hugendubel zu bewerben.“ Das „Neue Kapitel“ geht dabei nicht nur beim Ambiente, sondern auch beim Angebot eigene Wege -- hier verbinden sich klassisches allgemeines Sortiment und individuelle Note: „Das ist der Unterschied in kleinen, inhabergeführten Läden, dass man nach dem persönlichen Geschmack auswählt, ich habe eine gute Übersicht, und wähle eine Mischung aus Sachen die mir gefallen, und Themen, die ich für relevant halte. Es gibt Belletristik, Roman, Krimis, Lyrik, Biographien, Politik und Zeitgeschichte, eine Berlinabteilung, Kinderbücher, Kochbücher und so weiter“.

„Es ist spannend, was die Leute für Interessen haben“

Mehr noch als mit Büchern, so findet die Unternehmerin in Sachen Literaturversorgung, hat ihr Job eigentlich vor allem mit Menschen zu tun, die Bücher mögen: „Ich finde es schön, dass sich an so einem Ort Leute aus verschiedenen sozialen Schichten, aus verschiedenen Altersstufen treffen. Es ist spannend zu sehen, was die Leute für Interessen haben, und dass alle Abteilungen auch angenommen werden.“ Auch was die Umgebung betrifft, scheint die Mischung zu stimmen: es gibt einen Weinladen, Cafés, aber auch Ateliers und einen klassischen Fahrradschrauber. Mit vielen Nachbarn ist man im Kiez automatisch per Du: „Man besucht sich gegenseitig, alle sind mal vorbeigekommen, haben mal ‚Hallo‘ gesagt, das fand ich reizvoll an der Gegend, dass es, obwohl es einen Bewohnerwechsel gab seit der Wende, dass es trotzdem noch so etwas wie eine Kiezstruktur gibt, die auch stabil zu sein scheint.“

Mit der klassischen Bücherstube, dunkel, eng, überfrachtet, kommt man im Kiez des 21. Jahrhunderts allerdings nicht mehr weit. Wie die anderen literarischen Newcomer im Bezirk auch setzt „Neues Kapitel“ auf viel gute Ausleuchtung, viel Freiraum und vor allem auf moderne Innenarchitektur: „Glücklicherweise habe ich zwei Freunde, die sind Bühnenbildner und Kulissenbauer, die haben auch schon Läden ausgestattet“, freut sich Karin Müller-Fleischer. „Das ist schon ein Traum mit solchen Leuten zusammenzuarbeiten, die kennen die richtigen Materialien, die haben die richtigen Ideen. Ich habe denen einen Bildband mitgebracht, die schönsten Buchhandlungen Europas, den haben wir dann durchgeblättert, und haben uns Elemente herausgesucht.“

Manche der neuen Buchhandlungen setzten auf eine Doppelstrategie, und stecken viel Arbeit in einen E-Store, wo neben Buchversand auch elektronische Titel heruntergeladen werden können. Zumindest mit dem Kapitel E-Books will Karin Müller-Fleischer noch warten: „Mit E-Books habe ich mich noch nicht so intensiv beschäftigt, ich habe selbst ein iPad, habe mir auch angeschaut, wie das so funktioniert, aber muss aber sagen, ich bin nicht der Typ dafür, ich nutze das nicht, kann mir aber vorstellen, dass das sehr praktisch ist, wenn man zum Beispiel beruflich viel unterwegs ist und viel lesen muss.“ Gedruckte Bücher bestellen kann man auf der gerade gestarteten Website Neues Kapitel aber schon jetzt: „Wir machen einen Online-Versand, ich habe mich aber gegen eine Shop-Lösung entschieden, das läuft einfach so, dass man mir eine E-Mail schreiben kann, und sagt welches Buch man haben will, oder sich auch beraten lassen kann und sagen kann -- ‚Ich suche ein Buch für meine Oma, die im Krankenhaus liegt‘, und ich schicke dann drei Tipps, und verschicke am Ende auch das gewünschte Buch.“

„Amazon ist weder schneller noch billiger als wir“

Trotz E-Books, E-Readern und Lese-Apps machen die Online-Portale den meisten Umsatz immer noch mit dem Versand gedruckter Bücher. Das hat nach Ansicht von Karin Müller-Fleischer aber vor allem etwas mit geschicktem Marketing zu tun: „Ich habe es auch schon öfters erlebt, dass viele Menschen denken, Amazon ist billiger und schneller, das stimmt aber tatsächlich nicht, wir haben ja auch riesige Logistikzentren hinter uns, KNV oder Libri, man kann alle lieferbaren Bücher von einem Tag auf den anderen bestellen, wenn wir die zuschicken, dauert das genau so lang, und kostet nicht mehr, die Bücher sind ja preisgebunden.“

Der strategische Vorteil der neuen Literatur-Locations nicht nur im Prenzlauer Berg liegt dagegen nicht in der Logistik, sondern ganz einfach darin, vor Ort zu sein, und anders zu sein als die Großen: „Was wir besser natürlich können, ist die Beratung, wir wählen Sachen aus, die wir kennen, wo wir die Autoren kennen, und wir können auch einen Raum schaffen, einen sozialen Treffpunkt, wo man sich austauschen kann, wo man einfach mal die Sachen in die Hand nehmen kann und einen Überblick bekommt, was es alles gibt“.

Die ersten Wochen im „Neuen Kapitel“ stimmen Müller-Fleischer schon mal zuversichtlich -- der Mut, in die Angebotslücke mitten im Kiez zu stossen, könnte sich am Ende tatsächlich auszahlen: „Klar habe ich mich mit der Frage auseinandergesetzt, lohnt sich das, trägt sich das wirklich? Aber die Branchenumsätze sind relativ stabil geblieben, das Problem sind die Vertriebswege. Ich hatte einfach den Eindruck, dass da eine gewisse Sehnsucht nach solchen Orten ist, ich erlebe das auch hier, dass die Leute herkommen und sagen: ’schön, dass ihr da seid‘, und sich offenbar genauso darüber freuen wie ich.“

Veröffentlicht von

Ansgar Warner

Ansgar Warner arbeitet als freier Autor im Medienbüro Mitte (Berlin). Neben diversen Brotarbeiten für Presse & Rundfunk bloggt er hier rund um's Thema Elektronisches Lesen. Die spannende (Vor-)Geschichte der elektronischen Bücher erzählt Ansgar in "Vom Buch zum Byte". Praktische Infos für Autoren, Verleger & alle E-Reading-Interessierten vermittelt das "e-book & e-reader abc".

Ein Gedanke zu „„Es gibt eine Sehnsucht nach solchen Orten“: Renaissance der Indie-Buchhandlung?“

  1. Wunderbar! Ich liebe Buchhandlungen mit guten Büchern. Davon gab es die letzten Jahre immer weniger. Am liebsten würde ich in der Buchhandlung stöbern, mir ein gutes Buch aussuchen und es dann gleich aus dem eBook-Store der Buchhandlung auf meinen Reader laden ;-)

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