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Die Rache des Analogen: Neil Young & das Pono-Projekt – Vorbild für die E-Book-Branche?

17 Apr 2014 Ansgar Warner 2 Kommentare

“Third most funded project on Kickstarter”, alleine das ist im Jahr 2014 schon ein echter Hingucker. “Pono” hat diese Rekordmarke mit heißem Reifen angesteuert: das von Alt-Rocker Neil Young angeschobene Projekt rund um ein neues High-End-Musikabspielgerät inklusive Downloadportal sammelte schon in den ersten 24 Stunden mehr als 800.000 Dollar ein, bis zum Ende der Crowdfunding-Kampagne kamen mehr als 6 Millionen Dollar zusammen. “So what”, könnte man aus Sicht der Bookpeople jetzt sagen, “gibt’s eben noch einen Musicplayer mehr”. Doch gerade angesichts der immer wieder aufwallenden Diskussion um die mangelnde Qualität von E-Books bzw. E-Readern in punkto Layout, Haptik oder Lesekomfort ist Pono ein echtes Lehrstück – geht es doch letztlich um die Rache des Analogen.

Kompression auf Kosten der “Vibrations”

“Von der Musikindustrie lernen, heißt siegen lernen”, hieß es bisher immer. Die Kombination von MP3 und iTunes wurde dabei als Best-Practice-Beispiel für die Digitalisierung einer ganzen Branche dargestellt. Doch wer nicht völlig schwerhörig war, wusste auch bisher schon: der Download-Boom wurde mit deutlichen Qualitätseinbußen erkauft. Denn bei der Datenkompression gehen die “Vibrations” analoger Musik verloren – ein Grund, warum auf dem Dancefloor immer noch Platten aufgelegt werden. Im Vergleich zu einer Compact Disc, deren Sound ja vom Analog-Erlebnis einer Vinylschallplatte auch schon ein gutes Stück entfernt ist, schrumpft die Datenmenge selbst bei MP3s mit “hoher Qualität” noch einmal mindestens um das Siebenfache.

Die Zeit der Kompromisse ist vorbei…

Mobilität, so könnte man sagen, hat eben ihren Preis – ein Plattenspieler passt nun mal nicht in die Jackentasche, und im Auto macht er sich während der Fahrt auch nicht so gut. Ähnliche Argumentationslinien kennt man ja aus der E-Book-Branche: “Wer möchte schon im Urlaub eine 5.000-bändige Bibliothek mit sich herumschleppen?” Für Neil Young ist die Zeit der Kompromisse aber nun vorbei. Mit dem neu entwickelten Abspielgerät soll dem Hörer ein Live-Eindruck vermittelt werden, so als würde er im Tonstudio sitzen und einer Recording Session seiner Lieblingsband lauschen. Statt MP3 setzen die Pono-Macher auf das verlustfreie Format FLAC und eine maximale Auflösung von 192 Kilohertz bei 24 Bit. Die Qualität ist so hoch, dass selbst bei 128 Gigabyte Speicherplatz nur zwischen hundert bis 500 Alben gespeichert werden können.

“Das hört sich ja an wie Vinyl!”

Neil Young sieht sich dabei geradezu auf einem Kreuzzug gegen billigen, schlechten Sound: “Wir werden Alben wieder so abspielen können, wie sie die Künstler gemacht haben – absolut ohne magische Tricks, DRM, Decoding, nichts von dem, was den Sound verwässert”, zitiert ihn der deutsche “Rolling Stone”. Das scheint auch zu klappen. Das Pitch-Video für Pono bestand fast auschließlich aus begeisterten Testimonials von Stars & Sternchen aus dem Musikbusiness, die dem High-End-Sound lauschen durften. Eine häufige Reaktion lautet: “Das hört sich ja an wie Vinyl!”. Nach Vinyl klingen allerdings auch die Preisschilder: Wenn Pono im Oktober offiziell an den Start geht, wird man das Gerät ab 400 Dollar kaufen können, einzelne Alben sollen zwischen 15 und 25 Dollar kosten.

Wo bleiben die Alt-Rocker der Gutenberg-Galaxis?

Die spannende Frage ist natürlich: Wie könnte ein “analoges” digitales Modell für die E-Book-Branche aussehen? Manche E-Reader-Hersteller versuchen ja schon, den High-End-Bereich mit großen Formaten, höherer Auflösung und aufwändigem Design zu bedienen. Doch grundsätzliche Probleme bleiben bestehen: ein sorgfältig gelayoutetes, quasi per Hand gesetztes E-Book wird es mit den derzeitigen Ansätzen gar nicht geben können. Zeilen- und Seitenumbruch inklusive Silbentrennung übernehmen Algorithmen. So ist es am billigsten und effektivsten, um Lektüre auf viele verschiedene Geräte zu bringen. Schön ist es aber nicht. Doch vielleicht kommt ja bald auch ein abgerockter Angry Old Man der Gutenberg-Galaxis (Jonathan Franzen? Friedrich Forssmann?) und bringt uns den Pono für E-Leser…

2 Kommentare »

  • Marco schrieb:

    Es ist schon ganz fein, daß immer einmal wieder Geräte mit hohem Qualitätsmaßstab ins Bewußtsein gerückt werden. Allein, bisher erscheinen sie wie ein kurzes Sternenleuchten.. Ein ebenso flac-fähiges (& portables) Modell mit sogar noch größerem eingebautem Speicher (in der größten Version 160GB statt 64 GB beim Pono) und wohlgelobtem Klang ist der Cowon X7 – schwerlichst aufzutreiben inzwischen.

  • Katrin schrieb:

    Da hätten wir doch schon zumindest ein Format für die E-Books – EPUB3 – hohe Qualität, Anreicherung mit Video, Musik, Formeln etc ist hier möglich; Darstellung an jedem belliebigen Gerät wäre denkbar. Wir müssen nur von dem DRM-Gedanken weg kommen und die Welt der E-Books anders begreifen. Und wie du hier auch schreibst – weiter hin von der Musikbranche lernen (sollte als Apell an die Verlage klingeln!)

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