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“Electronic Book Burning” – Alan Kaufmans umstrittene Polemik gegen E-Books & Digitalisierung

3 Dez 2009 Ansgar Warner 4 Kommentare

Alan Kaufman Electronic Bookburning Polemik gegen E-Books.gifDroht uns eine “elektronische Bücherverbrennung”? Der New Yorker Schriftsteller Alan Kaufman polemisiert in einem umstrittenen Essay gegen E-Books und die Digitalisierung unserer Kultur – allerdings mit merkwürdigen Vergleichen. Da ist von einer “Deportation” der Literatur in virtuelle Räume die Rede und von einem “High-Tech Pogrom” gegen das Buch. Veröffentlicht hat Kaufman seinen Text ausgerechnet in der Online-Zeitschrift “Evergreen Review”.

Die Evergreen Review und der kulturelle Counter Strike gegen Google & Amazon

Die Zeitschrift Evergreen Review bot ihren Lesern schon immer “Counter Culture” – in der Nachkriegszeit druckte sie Texte von Jean-Paul Sartre, Timothy Leary oder William S. Bourroughs. 1964 wurde eine Ausgabe wegen Pornographie-Vorwürfen beschlagnahmt, nach dem Abdruck eines Che Guevara-Fotos auf dem Cover verwüstete im Jahr 1968 ein Bombenanschlag von Castro-Gegnern die Redaktionsbüros. So oder so, Evergreen Review war Kult. Zu den besten Zeiten verkaufte man eine Million Exemplare pro Ausgabe – doch 1973 wurde das Magazin eingestellt. Erst in den Zeiten des Internets gab es 1998 dann Revival – als Onlineversion. Der “Counter Culture” bleibt man aber offenbar verpflichtet – das zeigt Alan Kaufmans aktueller Essay zum Thema “Electronic Book Burning”.

Gibt es wirklich ein “Hi-Tech-Pogrom” gegen das Buch!?

Denn da wird schon von der ersten Zeile an hart ausgeteilt gegen Google, Amazon & Co. – das Verschwinden der Buchläden in New York und anderswo bezeichnet Kaufman als “stille Kristallnacht” gegenüber der schwindenden Minderheit von Buchliebhabern. “Wie tote Seelen verlassen die Buchinhalte ihren irdischen Körper in Richtung einer besseren Welt: Kindle, e-book, Web, die High-Tech-Version des Paradieses.” Durch Googles Buchprojekt bekommt die Digitalisierung für Kaufman eine ganz besondere Dramatik: “Man muss sich entscheiden, wo man steht, die Enteignung ist schon Tatsache geworden, entweder, man ist dabei, oder man bleibt zurück und gerät in Vergessenheit.” Die Grundzüge von Kaufmanns Kritik klingen bekannt – Bücher werden zur Ware, sinken im Wert, der Urheberrechtsschutz ist durch die beliebige Reproduzierbarkeit bedroht. Doch die Begriffe sind äußerst polemisch: da ist die Rede von einem “hi-tech pogrom against the book”, das Verschwinden der “echten” Bücher wird als “catastrophe of holocaustal proportions” bezeichnet, die Buchhandlung wird gleichgestellt mit der Synagoge im Nazi-Deutschland als “house of a doomed religion”. Und es ist eben, wie schon im Titel, von den elektronischen Lektüre-Scheiterhaufen die Rede – bis hin zum unvermeidlichen Heine-Zitat “Wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen”…

Reservist Kaufman würde für ein gutes Buch in den Stiefeln sterben…

Nun war Alan Kaufman schon immer ein Querkopf, der seine eigenen Wege geht. Er setzte sich für Poetry-Slam ein, als diese neue Kunstform in den USA fast noch niemand kannte. Von ihm herausgegebene Bände tragen Titel wie die “Outlaw Bible of American Poetry” oder die “Outlaw Bible of American Essay”. Und Alan Kaufman ist auch ein sehr streitbarer Zeitgenosse. Das hat auch etwas mit seiner Biographie zu tun. Geboren und aufgewachsen in der New Yorker Bronx als Sohn eines Holocaust-Überlebenden, leistet er vor mehr als zwanzig Jahren seinen Wehrdienst bei der israelischen Armee ab. Mehrmals wird er als Reservist wieder eingezogen – zuletzt 2003 in den Gaza-Streifen. Die Gewalterfahrungen aus dieser Zeit tauchen in seinem vor vier Jahren erschienenen Roman “Matches” wieder auf. Doch ein Roman ist eben vor allem ein Roman – hat also eine fiktiven Rahmen. Kaufmans Kritik am E-Book könnte man sich als satirische Rollenprosa einer Woody-Allen-Figur vorstellen, doch als Essay sind solche Thesen schon sehr starker Tobak. Auch wenn man abzieht, dass Kaufmans Plädoyer für das gedruckte Buch eben aus der romantischen Perspektive eines Literaten geschrieben wurde. Denn selbst die Print-Nostalgie wird überdeckt von einer heroischen Perspektive: “Für mich ist ein Buch ein heiliges Ding, eine Torah, ein Vermächtnis, etwas, das nicht nur Wert ist, dafür zu leben, sondern auch, wie Ray Bradbury’s ‘Fahrenheit 451′ zeigt, dafür zu sterben.”

Ist Kaufmans Polemik am Ende essayistische Slam-Poetry aus der Jewish Bronx?

Immerhin bleibt Kaufman ein Rest von Selbsterkenntnis – schließlich weiß er, dass viele andere Autoren überhaupt kein Problem damit haben, als Bestsellerautor vom “Über-Kindle” geschluckt zu werden. “Perhaps I am crazy. Perhaps this is only a private complaint”, schränkt er seine Betrachtungen ein. Nur um dann im gleichen Atemzug zu betonen: “Hätte man mir früher gesagt, eines Tages würde meine Literatur in einem 7-Zoll-Plastik-Gadget enden, mitten unter tausenden anderen Texten, hätte ich die Schriftstellerei gleich an den Nagel gehängt und wäre Auftragskiller oder Rabbi geworden.” Whow! Spätestens an dieser Stelle geht einem aber auch ein Licht auf: ist der kulturkritische Essay in Wirklichkeit vielleicht eine dialektische Übung in essayistischer Slam-Poetry aus der jewish Bronx, gerichtet gegen “twenty first century, late-stage hypercapitalist book publishers” wie Bertelsmann & Co.? Vielleicht ist das wirklich die einzige sinnvolle Lösung – denn selbst die Polemik gegen das elektronische Bücherverbrennen gibt es schließlich nur als digitale Version. Kaufman ist, so muss man also vermuten, moderner, als es auf den ersten Blick scheint – schaut man sich die Wirkung an, die er im Internet mit seiner Polemik erreicht hat, ist er sogar ein echter Virtuose auf der Klaviatur der digitalen Aufmerksamkeitsökonomie. Wer sein Metier so gut beherrscht wie Kaufman, wird am Ende vielleicht nicht ohne E-Books auskommen, er wird aber als guter Self-Marketer zumindest nicht mehr auf einen Verlag angewiesen sein…

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