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Joint Venture aus 8000 Buchstaben- „Electric Literature“ bringt Kurzgeschichten auf iPhone und Kindle

16 Nov 2009

electric-literature-zeitschrift-iphone-kindle-e-book-audiobook-mp3Electric Literature – unter diesem Titel haben Andy Hunter und Scott Lindenbaum eine Literaturzeitschrift an den Start gebracht, die exklusiv online erscheint – als iPhone-App, als E-Book für Kindle&Co und sogar als MP3-Hörbuch. In jeder Ausgabe erwarten die LeserInnen fünf Short Stories mit maximal 8000 Zeichen. Wer solchermaßen die Druckkosten spart, hat offenbar auch mehr Geld für Autorenhonorare parat: rund 1000 Dollar bekommt jeder Autor für einen Abdruck seiner Story. Deutsche iPhone-Besitzer können die die aktuelle Ausgabe Nr. 2 im im App Store für 3,99 Euro erwerben.

Gefährlich wie Zigarren auf der Intensivstation? Literatur auf iPhone und Kindle

Darf man auf der Intensivstation Zigarre rauchen? Darf man in der Öffentlichkeit alkoholische Getränke zu sich nehmen? Wie gefährlich ist eigentlich der Konsum von Literatur? Die Herausgeber der digitalen Zeitschrift Electric Literature haben jedenfalls Lust auf Experimente: „Reading that’s bad for you“ versprechen Anzeigen, mit denen ihr neues E-Publishing-Projekt beworben wird. Doch Hunter und Lindenbaum denken nicht an gesundheitliche Gefahren, sondern an geistige: „Lady Chatterley’s Lover, Ulysses, Madam Bovary… these books were banned because they could subvert society. How? Again, by revealing life’s possibilities, expanding consciousness, and exploding social norms. We want to re-introduce the idea that reading can be dangerous.“ Und sei es nur, weil die spannende Lektüre uns von der Arbeit abhält und am Ende den Job im Großraumbüro kostet.

„Publish everywhere: paperbacks, Kindles, iPhones, eBooks, and audiobooks“

Zugleich wollen Hunter und Lindenbaum den Beweis antreten, dass Literatur auch im drahtlosen Zeitalter noch lange nicht am Ende ist. „Everywhere we look, people are reading—whether it be paperbooks, eBooks, blogs, tweets, or text messages.“ Kulturkonservative Pessimisten gibt’s ja genug. Doch bevor man die Literatur voreilig zu Grabe trägt, sollte bitteschön mal ein Versuch gewagt werden, die allerneuesten Medien zu benutzen. Die beiden Absolventen des Brooklyn College haben Venture-Kapital gesammelt. Und feuern nun aus allen Rohren – das Motto lautet: „Publish everywhere, every way: paperbacks, Kindles, iPhones, eBooks, and audiobooks.“ Außerdem gibt es zu jeder Geschichte einen Video-Appetizer bei Youtube. Das Motto der elektronischen Literatur heißt aber zugleich auch: „Fasse dich kurz!“Alles muss in 8000 Zeichen gesagt werden. Im Mutterland der Short Story sollte das aber auch kein Problem sein. Dafür winken dann 1000 Dollar pro Geschichte.

Die Reaktionen der Leser kann man bei Twitter und Facebook lesen

Zum Start der Zeitschrift gab es Unterstützung von prominenten Autoren – Michael Cunningham („The Hours“) etwa steuerte einen Anreißer aus seinem nächsten Roman „Olympia“ bei. Mit dabei waren auch Lydia Davis („Fast keine Erinnerung“) sowie Colson Whithead („John Henry Days“, „Der Koloss von New York“). Die Reaktionen der Leser sind enthusiastisch – man kann sie im Twitter-Kanal von Electric Literature verfolgen. Und auch bei Facebook zählt die Zeitschrift bereits eine vierstellige Zahl von Freunden. Auch in Deutschland findet das literarische Venture Zustimmung: „Electric Literature sei zwar „kein Organ einer Avantgardebewegung“, schreibt etwa Elias Kreuzmair in der taz, „aber das Magazin gibt Literatur einen zeitgemäßen Ort“.

„It’s like haiku“: Rick Moody twittert eine Short Story

Noch zeitgemäßer wird die dritte Ausgabe – der Schriftsteller Rick Moody will noch im November über drei Tage hinweg eine Kurzgeschichte twittern: “It’s like trying to write in haiku continuously”, so begeisterte sich Moody bereits gegenüber der NYT über das Experiment. Doch bei allem Fortschritt steht man doch immer noch mit einem Bein in der Gutenberg-Galaxis: Wer sich den Luxus einer gedruckten Ausgabe gönnen will, dem wird dies dank Print-On-Demand möglich gemacht – zum doppelten Preis der elektronischen Ausgabe. Damit sich das Projekt amortisiert, setzen die Herausgeber vor allem auf Abonnenten, die das vierteljährlich erscheinende Magazin regelmäßig beziehen möchten. Die Rechnung scheint aufzugehen: wie die NYT berichtete, gibt es bereit mehr als 800 Subskribenten und mehr als 1600 Einzelverkäufe.