Sternchen für den Biografen: Jeff Bezos, MacKenzie Bezos, & das „Reality Distortion Field“

Ist Jeff Bezos jetzt der neue Steve Jobs? Nicht nur die wachsende Zahl der auf den Markt geworfenen Biografien des Amazon-Chefs könnte ein Indiz dafür sein. Auch was das legendäre „Reality Distortion Field“ betrifft, also die verzerrte Wahrnehmung der Innen- wie Außenwelt, scheinen Jeff und Steve sich sehr nahe zu kommen. Bestes Beispiel sind die Reaktionen auf die aktuellste Bezos-Biografie aus der Feder von Brad Stone. Mit „The Everything Store: Jeff Bezos and the Age of Amazon“ wollte der für Bloomberg Businessweek arbeitende Journalist einen realistischen Blick auf das System Amazon werfen, jenseits aller Firmenpropaganda: „Wir denken, wir kennen die Amazon-Story, aber in Wirklichkeit sind wir nur mit ihrer Mythologie vertraut, mit jenen Zeilen der Pressemitteilungen, Reden und Interviews, die Jeff Bezos nicht mit roter Tinte herausgestrichen hat“, schreibt Stone im Vorwort.

„Die Mitarbeiter lieben Amazon“

Inzwischen weiß der Biograf, dass die „Bezos-Theorie der Kommunikation“ nicht nur von Bezos selbst praktiziert wird – sein Buch bekam auf Amazon.com eine vernichtende Kundenrezension von MacKenzie Bezos. Die selbst als Schriftstellerin arbeitende Ehefrau des Amazon-Chefs unterstellt dem Biografen, nicht nur einzelne Details der fast 20-jährigen Firmengeschichte falsch dargestellt zu haben, sondern insgesamt einen Stil zu pflegen, der beliebig Fakten und Fiktion vermischt, um die Lektüre spannend zu machen. Zugleich wirft sich Frau Bezos in die Bresche für Amazons angeblich „unterstützende“ und „inspirierende“ Unternehmenskultur, die Stone ganz besonders kritisch unter die Lupe nimmt – die zahlreichen positiven Rückmeldungen der Mitarbeiter würden vom Biografen nicht ernst genommen. Von MacKenzie Bezos gab’s dafür auf Amazon.com nur 1 Sternchen – während die meisten Leser vier oder fünf Sterne vergaben.

Biograf als Kommunikationsverweigerer?

Nun klingt das ohnehin alles schon ungefähr so absurd, als wenn Ratzingers Bruder eine Benedikt-Biografie im kircheneigenen Store von Weltbild.de in Bausch und Bogen verdammen würde. Doch inzwischen hat sich auch das Unternehmen selbst auf Brad Stone eingeschossen. Gegenüber der Presse legte Amazon-Sprecher Craig Berman nämlich nach: „He [Brad Stone ]had every opportunity to thoroughly fact check and bring a more balanced viewpoint to his narrative, but he was very secretive about the book and simply chose not to.“ Nicht Amazon, sondern der Biograf ist also am Ende ein geheimniskrämerischer Kommunikationsverweigerer, und stellt die Fakten falsch dar – besser lässt sich das „Reality Distortion Field“ wohl nicht demonstrieren. Im Vorwort gibt der Biograf übrigens an, nicht nur des öfteren mit Bezos gesprochen zu haben, sondern in Absprache mit Amazon auch zahlreiche Mitarbeiter und Familienmitglieder interviewt zu haben…

Veröffentlicht von

Ansgar Warner

Ansgar Warner arbeitet als freier Autor im Medienbüro Mitte (Berlin). Neben diversen Brotarbeiten für Presse & Rundfunk bloggt er hier rund um's Thema Elektronisches Lesen. Die spannende (Vor-)Geschichte der elektronischen Bücher erzählt Ansgar in "Vom Buch zum Byte". Praktische Infos für Autoren, Verleger & alle E-Reading-Interessierten vermittelt das "e-book & e-reader abc".