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Ein Jahr ohne DRM – Sci-Fi-Label Tor Books zieht positive Bilanz

29 Apr 2013

Vor einem Jahr sorgte Tor Books für eine kleine Medienrevolution – das auf Sci-Fi und Fantasy spezialisierte Label kündigte an, in Zukunft komplett auf DRM zu verzichten. Mit gutem Grund: “Wir glauben, DRM-freie E-Books sind für unsere Leser das Beste, denn es erlaubt ihnen, legal erworbene Titel auf legalem Wege zu benutzen, also etwa die E-Bibliothek zwischen verschiedenen Lesegeräten hin- und her zu bewegen“, hieß es damals. Vor allem nahm man jedoch auch Rücksicht auf die zahlreichen Beschwerden aus der ebenso technikaffinen wie vernetzten Sci-Fi-Community. Nach einem Jahr zog das zu Macmillan gehörende Imprint nun eine durchweg positive Bilanz: „Der Schritt zu DRM-Freiheit hat uns dabei geholfen, Tor als ein Label zu etablieren, das auf seine Leser und Autoren hört, wenn sie uns mit einem gemeinsamen Anliegen konfrontieren – und wir haben einen überwältigende Menge an Zustimmung und Loyalität durch die Community erfahren.“

„DRM schützt nicht vor E-Book-Piraterie“

Das übliche Branchen-Argument „DRM schützt vor E-Book-Piraterie“ lassen die Tor Books-Machern ohnehin nicht gelten: „DRM-geschützte Titel landen trotzdem auf Tauschplattformen, außerdem glauben wir daran, dass die große Mehrheit unserer Leser genauso gegen Piraterie sind wie die Verleger“, heißt es auf dem Tor-Blog. Außerdem gehören die Sci-Fi-Leser naturgemäß zu den Early Adoptern in Sachen E-Lese-Technologie – sie experimentieren mit zahlreichen mobilen Geräten, und wissen in Zweifelsfall auch, wie man Kopierschutz umgeht. Zugleich seien sie aber äußerst verantwortungsbewusst, was den Umgang mit E-Books angeht: „So wie es bisher aussieht, konnten wir bei unseren DRM-freien Titeln keinen Anstieg in Sachen Piraterie erkennen, obwohl sie bereits seit einem Jahr verfügbar sind“.

Ende der Formatekriege in Sicht?

Die Befreiung der elektronischen Lektüre gilt nicht nur für aktuelle Bestseller wie David Brins „Existence“ oder John Scalzis „Redshirts“, sondern betrifft auch Klassiker wie Douglas Adams „Hitchhiker’s Guide to the Galaxy“. Tor Books ist gerade dabei, ältere Backlistbestände zu digitalisieren, und dann ebenfalls DRM-frei zu veröffentlichen. Der Rest der Branche dürfte das DRM-freie Erfolgsmodell aufmerksam beobachten – schließlich scheinen gewohnte Regeln plötzlich nicht mehr zu gelten. Im Guardian sprach Digital-Rights-Aktivist Cory Doctorow anlässlich der Initiative von Tor Books sogar schon vom „Ende der Formatkriege“ im E-Book-Bereich. Tatsächlich wurde durch den Verzicht auf Kopierschutz ja auch der Wechsel zwischen epub- und Kindle-Welt deutlich vereinfacht.

Nicht nur Digital Natives sind vertrauenswürdig

So kritisiert Tor Books-Autor Charles Stross zu recht: „DRM verhindert keine Raubkopien, es unterwirft dafür aber die ehrlichen Kunden einem Monopol, das von den Besitzern der DRM-Software kontrolliert wird – damit schränkt man die Freiheit und den Wettbewerb ein“. Ermutigend für andere Verlage dürfte am Beispiel Tor Books sein, dass gerade die Autoren mit diesem Schritt in Richtung DRM-Verzicht einverstanden waren, ja ihn sogar mit eingefordert haben. Interessant ist wohl auch, dass Tor Books/Macmillan zur Holtzbrinck-Gruppe gehört, die in Deutschland renommierte Verlage wie S. Fischer, Rowohlt oder Kiepenheuer&Witsch ihr eigen nennt. Zu deren Lesern zählen im Vergleich zu Tor Books vor allem Digital Immigrants & Silversurfer – warum eigentlich wird ihnen weniger Vertrauen entgegenbracht als Digital Natives?

Abb.: Screenshot