E-Reading in 4.096 Farben: Gelingt mit dem PocketBook Color der Marktdurchbruch für Farbdarstellung?

Oho! Pocketbook kündigt mit dem PocketBook Color einen E-Reader mit Farbdisplay an! Doch Moment, E-Reading und Farbe, ist das nicht schon ein langes – und leider nicht so erfolgreiches – Kapitel? Ja, leider. Vieles, was vollmundig angkündigt wurde, kam nie auf den Markt. Das, was wirklich vermarktet wurde, war entweder viel zu teuer oder zu schlecht. Verwaschene Farben, geringe Auflösung, so lautete meist die Kritik.

„Wir können nicht ohne ein bisschen Stolz verraten, dass wir uns der Endphase der Entwicklung eines innovativen E-Readers mit 6-Zoll-E-Ink Kaleido Farbbildschirm nähern“, verspricht nun PocketBook-Geschäftsführer Enrico Müller. Das neue Display basiere auf der „E-Ink Print Color ePaper-Technologie“, erfährt man noch in der Pressemitteilung, und dass 4.096 Farben dargestellt werden können mit einer Auflösung von 300 dpi. Alles weitere soll erst „kurz vor der Markteinführung“ im Herbst bekannt gegeben werden. Das neue Gerät soll im übrigen so um 200 Euro kosten.

Technisch handelt es sich dabei wohl um eine Weiterentwicklung der schon früher von PocketBook eingesetzten CFA-Methode („Color Filter Array“), bei der über dem schwarz-weißen E-Ink-Hintergrund Lichtfilter für die Farbeffekte sorgen – was bisher jedoch auf Kosten von Helligkeit und Kontrast ging. Einen ersten Versuch hatte PocketBook damit schon 2013 mit dem PocketBook Color Lux gewagt. Das Problem scheint bei der neuen Technologie — Ende 2019 erstmals von E-Ink Corp vorgestellt — gelöst worden zu sein. Statt Glasfiltern wird nun offenbar die Filterschicht als eine Art Film direkt über die E-Ink-Schicht gedruckt.

Die Anwendungsmöglichkeiten für einen Farb-Reader sind natürlich groß – nicht nur Comic- und Sachbuchleser dürften sich über die Farbdarstellung freuen. Auch PDF-Dokumente mit Grafiken machen sich so viel besser. Je nach der Geschwindigkeit des Page-Refresh könnte mit der neuen Technologie sogar noch mehr möglich sein, etwa das Darstellen von Webseiten und bewegte Bilder, sprich Video. Auch als Grundlage für Notiz- und Zeichengerät dürfte sich die E-Ink Print Color-Technologie eignen (was auch E-Ink Corp selbst nahelegt).

Die Grenze zwischen E-Readern und Tablets könnte damit unschärfer werden — mit interessanten Folgen.
Gelingt der Markteinstieg, d.h. springen auch die ganz Großen wie der Kindle-Hersteller Amazon auf diesen Zug auf, bringt das die Ordnung der Dinge auf dem Gerätemarkt durcheinander. Denn in den letzten zehn Jahren war die Trennung zwischen reinen Lesegeräten auf der einen und Smartphones sowie Tablets auf der anderen Seite klar. Hier die funktionale Nische für die Minderheit der E-Book-Leser, dort die Multifunktions-Geräte für die große Masse der Nutzer. Was in der Praxis darauf hinausläuft, dass leseaffine Konsumenten drei Geräte nutzen, Reader, Smartphone, Tablet. Werden es vielleicht in Zukunft nur noch zwei sein?

Über Ansgar Warner

Ansgar Warner arbeitet als freier Autor im Medienbüro Mitte (Berlin). Neben diversen Brotarbeiten für Presse & Rundfunk bloggt er hier rund um's Thema Elektronisches Lesen. Die spannende (Vor-)Geschichte der elektronischen Bücher erzählt Ansgar in "Vom Buch zum Byte". Praktische Infos für Autoren, Verleger & alle E-Reading-Interessierten vermittelt das "e-book & e-reader abc".