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E-Comic aus dem Berliner Untergrund: „Lifestrips“ von Marc Seestaedt als iPhone- & iPad-Version

5 Jun 2010 1 Kommentar

e-comic-marc-seestaedt-lifestrips-bestseller„Lifestrips“ nennt der Berliner Comic-Künstler Marc Seestaedt seine autobiografisch inspirierten Bildergeschichten. An Millionen Berlinern ist das Leben des Comichelden schon vorbeigezogen – die Serie wird nämlich im „Berliner Fenster“ gezeigt, dem Public-TV der Hautpstadt-U-Bahn. Eine Auswahl der schwarz-weißen, jeweils acht Panels langen Episoden gibt’s jetzt als E-Comic für iPhone & iPad. Für 79 Cents kann man die Underground-Comics herunterladen. Das ist deutlich billiger als eine U-Bahnfahrt mit der BVG…

Comic-Crossover für die stumme Endlosschleife

Die Berliner U-Bahn geizt nicht mit medialen Reizen. In jedem Waggon fällt der Blick der Fahrgäste auf die Doppel-Bildschirme des „Out-of-Home-TV“, das bereits seit zehn Jahren auf Sendung ist. In 15-minütigen Schleifen läuft eine Mischung aus Kurznachrichten, Wetterbericht, Promi-News und Werbung. Allerdings ohne Ton. Somit ist das Berliner Fenster auf die Kombination von Texten & Bildern angewiesen. Warum also nicht auch Comics? Im Jahr 2008 kam die „Lifestrip“-Serie von Marc Seestaedt und Katharina Anna Helming ins Programm. Jeweils Freitag bis Sonntag flimmern die Berlin-Abenteuer von Seestaedts Comic-Alter ego über die Bildschirme der Untergrundbahnen. Schauplätze sind Clubs, WGZimmer, die berühmte Kastanien-Allee, aber auch der öffentliche Nahverkehr. Wer weder Apple-Gadgets besitzt noch U-Bahnen mag, hat übrigens keine Nachteile. Alle bisher gesendeten Folgen kann man sich als Web-Comic anschauen.

Zwischen Foto-Kunst & E-Comic liegt der Berliner Alltag

Angefangen hat alles beim Kaffeetrinken im Gorki-Park-Café. Seestaedt und Helming fotografierten sich gegenseitig im Gespräch und überlegten, eine comicartige Serie aus dem Material zu machen. Dabei sollten sie nicht nur Dialoge, sondern auch Hintergedanken und innere Monologe sichtbar werden. Die ersten Ergebnisse wurden 2007 auf einer Ausstellung präsentiert und zudem als selbst verlegtes Comicheft. Bis heute sieht man den Lifestrips ihre Nähe zur Fotografie an – nicht zufällig beschäftigen sich Seestaedt und Helming auch in ihrer künstlerischen Arbeit mit diesem Medium. Das heißt, eigentlich sind ja auch die Lifestrips Kunst, wenn sie Motive aus dem Alltag aufnehmen, umformen und über das Berliner Fenster in den Alltag zurücksenden. Einem ganz ähnlichen Blick auf Berlin begegnet man in Seestaedts Fotoserien, die auf der Website der von ihm mitgegründeten Multimedia-Projektplattform ARTKITCHEN zu finden sind.

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Haiku in Bildern: Bei nur acht Panels bleibt jede Story nur Momentaufnahme

Die Lifestrips in der U-Bahn wechseln zwischen den Perspektiven von Zeichner- und Zeichnerin-Alter-Ego. Auch eine 2009 erschienene Print-Buchversion „Aber ich erlebe überhaupt nichts“ folgt diesem Muster. Dagegen zeigen die 20 Strips der iPhone-Version nur die männliche Seite. Die Folgen stammen aus dem Jahr 2008. Es geht um die Ankunft in der Großstadt, das Alleinsein auf Parties, Beziehungsprobleme mit Facebook-Bekantschaften, oft auch um die Absurdität des Augenblicks. „Klar, wir haben ne Vorgeschichte“, ist die iPhone-Version betitelt. Da ist was dran. In acht Panels muss jede Geschichte eine Momentaufnahme bleiben, die Kommentare haben meist nicht einmal SMS-Länge. In der U-Bahn zieht jeder Lifestrip in weniger als einer Minute vorbei. Was vorher und nachher passiert, bleibt ausgeklammert. Das macht aber auch den eigentlichen Reiz aus, die „Graphic Stories“, wie Seestaedt seine Comics auch nennt, haben fast so etwas wie Haiku-Charakter.

Carpe Diem, carpe Noctem: der Comicheld als virtueller Einzelfallhelfer

Rein optisch orientiert sich Seestaedt an den Maßstäben, die Jamiri alias Jan Michael Richter seit den Neunziger Jahren gesetzt hat. Auch Jamiri nutzt für die Karikatur von Alltagssituationen Fotos, deren Konturen nachgezogen und koloriert werden. Wer die Strips im Studentenmagazin Unicum oder auf SPOL kennt, wird natürlich auch sofort die Unterschiede bemerken. Seestaedts schwarz-weiß-Ästhetik bringt die Melancholie der Hauptstadt besonders gut rüber, und bleibt durch den Verzichte auf Kalauer und polemische Pointen stärker auf der dokumentarischen Ebene. Das kann natürlich auch an Seestaedts Ausbildung liegen, schließlich hat er hat Sozialpädagogik mit Fokus auf ästhetische Methodik“ studierte. Man kann seinen Comichelden also auch als eine Art virtuellen Einzelfallhelfer verstehen, der (nicht nur) den Twenty-Somethings zwischen Karriere & Hochprekariat beim Überleben im Großstadtdschungel hilft.