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E-Book versus Print: Beeinträchtigt elektronisches Lesen das Gedächtnis?

20 Mrz 2012 Ansgar Warner 3 Kommentare

Wurde früher über die negativen Folgen des Fernsehkonsums diskutiert, so stehen mittlerweile ausgerechnet Bücher im Fokus. Besser gesagt, elektronische Bücher. Ein zentrales Argument gegenüber E-Books lautet: Worte auf dem Display lassen sich schlechter verstehen als gedruckte Worte. Ein weiteres, klassisches Argument: Das, was man versteht, kann man schlechter im Gedächtnis behalten. Zumindest für letztere Behauptung scheinen sich allerdings Belege zu finden. Als Psychologen der britischen Universität Leicester unlängst Testpersonen ihres eigenen Faches mit kryptischem BWL-Wissen bombardierten, stellten sie beim Vergleich zwischen den Lernmedien Buch und Bildschirm deutlich messbare Unterschiede fest: “Wer auf Papier las, verschaffte sich schneller einen Überblick des präsentierten Wissens“, so Versuchsleiterin Kate Garland. „Um bescheid zu wissen, brauchte man auf dem Computerbildschirm mehr Zeit und mehr Wiederholungen, allerdings konnte der Rückstand gegenüber den Papierlesern schließlich wieder aufgeholt werden.“

Gibt’s ihn wirklich, den “Clash der Lesekulturen”?

Eine besondere Rolle bei der Gedächtnisleistung schien dabei der feste Seitenaufbau von gedruckten Büchern zu spielen, die aufgenommen Inhalte konnten mit räumlichen Aspekten verknüpft werden – etwa: untere Hälfte der linken aufgeschlagenen Seite. Diese zusätzliche Kontextinformation half hinterher offenbar dabei, das abgelegte Wissen leichter wieder abrufen zu können. Doch darf man die Ergebnisse aus Leicester verallgemeinern? Eine größer angelegte Studie von Medien- und Neurowissenschaftlern der Universität Mainz kam vor kurzem zu einem genau gegenteiligen Ergebnis – ein „Clash der Lesekulturen“ konnte nicht festgestellt werden, ältere Probanden schnitten beim Lesetest auf dem Tablet sogar besser ab als auf Papier.

“Duch E-Books behalten wir weniger”

Allerdings glaubt selbst so jemand wie der Web-Usability-Experte Jakob Nielsen, das elektronisches Lesen zu einer anderen Form von Texterinnerung führt: „Ich denke wirklich, dass wir durch E-Books weniger behalten“. Eine besondere Rolle spiele dabei aber auch der Durchmesser des Displays: „Je größer der Bildschirm, desto mehr bleibt im Gedächtnis haften, je kleiner, desto weniger. Ein besonders dramatisches Beispiel ist das Lesen auf dem Mobiltelefon – da geht fast der gesamte Kontext verloren“. Ähnliche Vorwürfe mussten sich freilich schon alle neue Medien gefallen lassen, angefangen bei der Schrift selbst. Platon, sozusagen der Marshall McLuhan der griechischen Antike, stellte der brandneuen Aufschreibetechnik namens Alphabet noch das Auswendiglernen gesprochener Sprache gegenüber.

Interaktive Illustrationen als Gegenmittel?

Doch ist auch am Übergang der Gutenberg-Galaxis in das elektronische Zeitalter nicht jeder Skandal nur einer reflexhaften Rhetorik des Medienwandels geschuldet. Tatsächlich lagern wir ja Teile unseres Gedächtnisses an Google oder Wikipedia aus, und stehen recht hilflos da, wenn Smartphone oder Netbook offline sind und die Quelle des Wissens versiegt. Beim Lesen dürfte letztlich aber die Situation entscheiden – geht es um Belletristik oder ein Sachbuch, geht es um Unterhaltung oder Bildungszwecke? Vor allem für den schulischen Bereich könnten Erkenntnisse wie die der Universität Leicester tatsächlich eine Relevanz besitzen, zumal sich dank Apples iBooks 2 & Co. multimediale Fach- und Lehrbücher auf dem Touch-Screen von Tablets etablieren. Die spannende Frage dabei heißt: Können interaktive Illustrationen bzw. Animationen die Defizite ausgleichen? Das ist gar nicht so unwahrscheinlich. In der klassischen Gedächtniskunst („Ars Memoria“) spielte schon zu Platons Zeiten nicht nur die Verräumlichung des Wissens eine Rolle, sondern auch die Verküpfung mit – bewegten Bildern.

(via Time/Healthland)

Abb.: flickr/p!o

3 Kommentare »

  • blogthek - Elektronisches Lesen und Gedächtnis schrieb:

    [...] Elektronisches Lesen und Gedächtnis [ Medien ] E-Book-News befasst sich mit der Frage, ob ein am Bildschirm gelesener Text weniger gut im Gedächtnis [...]

  • Nikola Hahn schrieb:

    Ein interessanter Artikel, vor allem deshalb, weil er ohne Schwarz-Weiß-Malerei auskommt. Probleme mit dem Aufnehmen und Bewahren von Informationen bekommt man meiner Meinung nach vor allem durch das (lange Zeit völlig überbewertete angeblich so erstrebenswerte) “Multitasking”, das letztendlich nicht mehr ist als mehrere Dinge halbherzig zu tun. Konzentriert man sich auf eine Sache, mag es Schöngeistiges oder Fachliches sein, ist die Art des Mediums, mit dem man das tut, sicherlich nicht sehr relevant, wenn man nicht der Gefahr unterliegt (und hierzu laden e-Medien nun mal ein), Dinge nur zu überfliegen und sie sich nicht wirklich zu erarbeiten.

    Ansonsten: Ob eBook oder Print – letztlich entscheidet doch der Inhalt … behauptet eine, die gerade nach einer langen “Print-Autoren-Karriere” bei Ullstein (auch) ihr erstes eBook-Experiment gewagt hat und neugierig ist, was daraus wird :)

    Nikola Hahn

  • Literaturlinks im März | Die deutschen Bestseller schrieb:

    [...] Beeinträchtigt elektronisches Lesen das Gedächtnis? [...]