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[e-book-review] “Zehntausend Augen”: Klaus Seibels Cyber-Krimi richtet die Chat-Cam auf’s LKA

24 Apr 2012 Ansgar Warner 0 Kommentare

„Die Stadt beobachtet mich mit Tausenden Augen“, beschreibt der New Yorker IT-Experte Adam Greenfield seine Vision der Smart City im Jahr 2025. „Sie ist voller intelligenter Geräte, die wissen, was ich will und wohin ich meine Schritte als nächstes lenke“. Was der Ubiquitous-Computing-Visionär gerade in einem SPIEGEL-Interview freudig ausmalte, dürfte viele Bürger eher beunruhigen. Polizei und Sicherheitsbehörden dagegen frohlocken. Doch vielleicht freuen sie sich ja zu früh. Denn auch Ordnungshüter können schließlich zum Ziel von Cyber-Attacken werden. Genau an diesem Punkt setzt Klaus Seibels neuer Thriller „Zehntausend Augen“ an, der vor kurzem als E-Book im Emons-Verlag erschienen ist.

“Bitte sorgen Sie für genügend Bandbreite”

Alles beginnt mit einem Bombenanschlag mitten in Berlin. Ein unbekannter Erpresser sprengt eine Litfaßsäule, und hinterläßt ein rätselhaftes Paket mit der Aufschrift „Für die Polizei“. Noch eine Höllenmaschine? Der ermittelnden Kriminalkommissarin Ellen Faber ist bald klar: dies ist kein Fall wie alle anderen. Denn der Erpresser droht in einem beigelegten Brief nicht nur mit weiteren Anschlägen, er schickt dem Landeskriminalamt Chat-Cams und Mikrofone. Und fordert: „Damit die Bevölkerung – und auch ich – sehen können, das Sie zufriedenstellend arbeiten, richten Sie die Kameras wie folgt ein: Die Kameras 1 und 2 sollen die Einsatzzentrale des Sonderkommandos zeigen, das Sie aufstellen, um mich zu fassen. Die dritte Kamera soll einen großen Monitor zeigen, auf dem Sie selbst das Internet verfolgen. Die vierte Kamera dient der direkten Kommunikation mit mir.“ Außerdem rät der Bombenleger den Ermittlern noch, für genügend Bandbreite zu sorgen.

Polizeilicher Striptease vor der Kamera

Tatsächlich schnellen die Zugriffszahlen des Polizei-Servers bald in die Höhe, denn der Erpresser versorgt auch die Massenmedien mit gezielten Informationen. Ein absurdes Spiel mit vielen Leveln beginnt, und die Berliner Polizei muss wohl oder übel mitspielen. Der Täter scheint nämlich über ansehnliche Mengen Plastiksprengstoff aus NVA-Beständen zu verfügen. Ansonsten weiß man fast nichts über ihn. Gekonnt schafft es der Cyber-Gangster, alle Spuren in den Weiten des Internets zu verwischen. Mit der Drohung, einen BVG-Bus in die Luft zu jagen, zwingt er die Kommissarin sogar, sich vor laufenden Kameras auszuziehen. Doch das Motiv bleibt im Unklaren: geht es um Geld? Geht es um Rache? Geht es um Politik? Oder am Ende um die Kriminalkommissarin Ellen Faber selbst? Denn irgendwann wird klar: der unbekannte Erpresser hat seine virtuellen Augen überall, auch in ihrem Privatleben.

Auf den Spuren des Hamburger Dogmas

Wenn Klaus Seibels Thriller den Leser in seinen Bann zieht, liegt das nicht nur an der zeitgemäßen Story, sondern auch an der klaren, knappen Sprache. Somit denkt man bei der Lektüre nicht nur an explosionsfreudige Berlin-Krimis wie „Feuer für den großen Drachen“ von -ky oder „Feuer im Aquarium“ von Ralph Gerstenberg, sondern ebenso an legendäre Dogma-Krimis à la Gunter Gerlachs „Falsche Flensburger“. Auf konkrete Vorbilder möchte sich der bei Frankfurt am Main lebende Mitt-Fünfziger Seibel allerdings nicht berufen. Eher darauf, als ehemaliger Pastor ein besonderes Stilgefühl und einen Sinn für Suspense zu besitzen: „Auch Predigten sollen ja spannend sein“. Hinzu kommt eine besondere Menschenkenntnis, denn als Seelsorger habe er Menschen „vom Bettler bis zum Millionär“ kennengelernt, und „übrigens auch Mörder“.

“Meine Region ist das Internet”

Später sattelte Seibel auf Betriebswirtschaft um, und arbeitet mittlerweile als Vertriebsleiter eines Softwarehauses – was vielleicht den technischen Hintergrund des Plots von „Zehntausend Augen“ erklärt. Herausgebracht wird der Thriller vom Kölner Emons-Verlag, der sich auf Regio-Krimis spezialisiert hat. Berlin als wiedererkennbare (Stadt-)Landschaft spielte beim Schreiben allerdings gar nicht so eine große Rolle. „Die eigentliche Region in meinem Buch ist das Internet“, findet Seibel. Dort ist der Autor auch als Selbstvermarkter aktiv – sein Sci-Fi-Debutroman „Krieg um den Mond“ erschien ausschließlich via Self-Publishing, ebenso eine Reihe von Kurz-Krimis. Gute Positionierungen im Kindle-Store haben Seibel davon überzeugt, in Zukunft zweigleisig zu fahren. Wer “Zehntausend Augen” bis zu Ende gelesen hat, kann sich auf jeden Fall denken, was wohl als nächstes kommt: eine Fortsetzung.

Klaus Seibel,
Zehntausend Augen.
Kriminalroman
epub (Weltbild) 8,49 Euro
Kindle-Book (Amazon) 8,49 Euro
Paperback (Amazon) 10,90 Euro

Weitere Informationen zum Autor findet man übrigens auf www.kseibel.de

Abb.: flickr/Jer Kunz

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