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[e-book-review] Wo die Drohnen wohnen (Tom Hillenbrand, Drohnenland)

11 Aug 2014

„Kennst Du das Land, wo die Kanonen blühn? Du kennst es nicht? Du wirst es kennenlernen!“, reimte Erich Kästner Ende der 1920er Jahre, und das „Du wirst es kennenlernen“ klang nicht umsonst wie eine Drohung. Wenn Tom Hillenbrand uns nun das Land, wo die Drohnen wohnen zeigt, darf man das wohl ganz ähnlich verstehen – denn der bei Kiepenheuer erschienene Sci-Fi-Krimi „Drohnenland“ führt direkt in unsere eigene, totalüberwachte Zukunft, irgendwann in der Mitte des 21. Jahrhunderts.

Die Story beginnt wie es sein muss, mit einer Leiche. Vittorio Pazzi, Europaabgeordneter der Liberalen, wurde auf einem flandrischen Acker im Großraum Brüssel erschossen aufgefunden. Ein Fall für Europol – Kommissar Aart Westerhuizen und seine Forensik-Expertin Ava Bittman begeben sich an den Tatort, zunächst in Person, dann virtuell. Unterstützt werden sie dabei von Teiresias alias Terry, einem weit fortgeschrittenen digitalen Assistenten, der weit aus mehr kann, als nur Informationen auf Datenbrillen spiegeln.

Die Chance, ermordet zu werden, ist im Drohnenland äußerst gering, nicht nur, weil die Europäische Union dank ubiquitärer Kameradrohnen längst Benthams Vision vom panoptischen Gefängnis gleicht und die Aufklärungsquote bei 99 Prozent liegt. Künstliche Intelligenzen wie Terry erlauben die „Prädiktion“, also Verhaltensvorhersage, was wiederum die gezielte Überwachung potentieller Krimineller, manchmal auch die präventive Liquidierung potentieller Terroristen ermöglicht. Humphrey Bogart-Fan Aart Westerhuizen kennt sich auch damit aus – ganz in der Tradition der Trenchcoat-tragenden „Hardboiled“-Schule ist er ist Veteran der „Solarkriege“, in denen die EU die Maghreb-Staaten „befriedet“ hat, um die Versorgung mit nordafrikanischem Sonnenstrom zu sichern.

Doch nicht nur bei den Bürgerrechten gab es Verluste, auch territorial. Süditalien ist ein von „Kohäsionstruppen“ besetzter Failed State, die Niederlande und Teile Norddeutschlands sind abgesoffen, Großbritannien wird die Union in Kürze verlassen. Steht die Ermordung des MEPs im Zusammenhang mit der dazu notwendigen Abstimmung über eine neue europäische Verfassung, die die Zentralgewalt stärken würde? Pazzi selbst war in der Frage unentschieden, wie auch zahlreiche seiner Kollegen. Weil der Mordfall aber das Getriebe der Politik stört, wird Westerhuizen von Europol mit Sonderrechten ausgestattet: er darf im drohnenkamera-gespeisten „Mirrorspace“, einer holographischen Totalsimulation, die das World Wide Web beerbt hat, als unsichtbarer „Ghost“ operieren.

Westerhuizen und Bittman kommen weiteren Mordfällen auf die Spur, die MEPs betreffen, aber duch die Manipulation des Mirrorspace als Unfälle vertuscht wurden – und geraten bei ihren Ermittlungen ins Fadenkreuz nicht nur der Schattenpolizisten des Unionsgeheimdienstes („Réseau des Renseignements“), sondern auch von britischen Separatisten („Britskis“) und einem großen Rüstungskonzern. Bald werden die Europol-Polizisten selbst zu Gejagten – und machen eine wichtige Erfahrung: in einer Welt, die auf totaler Berechenbarkeit beruht, kann es zwar taktische Vorteile bringen, unberechenbar zu sein. Manchmal wird man dadurch aber auch erst recht zum Problem für die Exekutive – vorsorgliche Exekution nicht ausgeschlossen.

PS: Mich hat „Drohnenland“ übrigens an einen flämischen Krimi aus den frühen 1980er Jahren erinnert, die immer noch sehr lesenswerten „Coltmorde“ von Jef Geeraerts, ebenfalls eine Art High-Tech-Totalüberwachungs-Sci-Fi, die in den 1990er Jahren spielt – Belgien wird da von einer katholisch-faschistischen Partei regiert, die BRD von einer autoritären Junta unter Franz-Josef Strauß. „Drohnenland“ scheint mir allerdings die deutlich beunruhigendere Vision zu bieten – gerade weil als Setting die Fassade des bürgerlichen Rechtsstaat fungiert. Insofern passt der Krimi, obwohl noch in der Prä-Snowden-Ära entworfen, sehr gut in eine Gegenwart berechtigter Rundum-Paranoia.


Tom Hillenbrand,
Drohnenland. Kriminalroman
Kiepenheuer & Witsch 2014
E-Book 9,99 Euro (epub/Kindle)