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[e-book-review] When two tribes go to war (David Peace, GB84)

21 Mrz 2014

„When two tribes go to war, a point is all that you can score“. Erinnert sich noch jemand an das 1983er Musik-Video von Frankie Goes to Hollywood, in dem sich stellvertretend ein US-Politiker und ein SU-Politiker staubaufwirbelnd durch die Manege kämpfen? Wohl selten hat sich Populärkultur selbst als genau die zentrale massenmediale „Arena of Consent and Resistance“ inszeniert, für die sie zu recht von den Cultural Studies erklärt wurde. Nicht ganz zufällig taucht „Two tribes“ auch in „GB84“ auf, dem großen Roman von David Peace zum legendären britischen Bergarbeiter-Streik, der 1984/1985 knapp ein Jahr lang das Land in zwei Stämme spaltete, den Stamm Scargill und den Stamm Thatcher.

Der im Original bereits 2004 veröffentlichte Roman erscheint nun erstmals in einer deutschen Übersetzung bei Liebeskind. Mit seinem generell dokumentarischen, von Plot und Personenkonstellation her aber en detail fiktiven Krimi macht Peace die Mitte der Achtziger wieder lebendig. Zwei Jahre lang hat er recherchiert, Archivmaterial gesichtet, vergilbte Tageszeitungen durchblättert und eben auch die Popmusik jener Tage gehört. Ähnlich ging der seit den 90er Jahren in Tokio lebende Autor auch schon bei seiner Krimiserie “Red-Riding Quartet” vor, die um den realen Fall des „Yorkshire Rippers“ kreist.

Trotzdem ist „GB84“ anders – wohl alleine schon deshalb, weil Peace selbst aus einer Bergbauregion stammt, den Streik als 17jähriger hautnah miterlebt und – als Sänger in einer Band – auch ganz bewusst unterstützt hat. Um in die Geschichte des Miner’s Strike einzutauchen, erzählt der 1967 geborene Autor multiperspektivisch: man erlebt die Ereignisse aus dem Blickwinkel von Gewerkschaftsführer Terry Winters, Geheimdienstmann und Abhörspezialist David Johnson sowie dem zwielichtigen Strippenzieher Stephen Sweet – eine Art britischer Jud Süß der Ära Thatcher.

Sweet wird von seinem antisemitisch eingestellten Fahrer, Leibwächter und Ex-Soldat Neil Fontaine immer nur als „der Jude“ bezeichnet – was Peace mit seinen Recherchen rechtfertigt, die eine ähnliche Konstellation im nebulösen Unterstützerkreis der Premierministerin zu Tage gefördert haben. Die Iron Lady wird namentlich nie genannt, und tritt immer nur am Rande auf – erklärtes Ziel von David Peace war es gerade, Personen aus dem Schatten der großen Gestalten literarisch auszuleuchten.

Nicht ganz zufällig steht die Orwellsche Chiffre „84“ im Titel. Peace schildert auch, mit welchen schmutzigen Methoden der Neolieralismus über das sozialstaatliche Modell siegte. Großbritannien hatte sich spätestens zu diesem Zeitpunkt in einen autoritären Polizei- und Abhörstaat verwandelt, der weder vor offener Gewalt gegen die eigene Bevölkerung noch vor dem Bruch der verfassungsmäßig garantierten Grundrechte zurückschreckte. Insofern ist die Erzählung des Streiks als Kriminalroman nur stringent – das Storyboard des Realromans haben ebenso korrupte wie kriminelle PolitikerInnen geschrieben, auch wenn der Plot ganz shakespeareanisch von ihren Schergen ausgeführt wurde.

Aus der komfortablen Perspektive des sozial abefederten Strukturwandels der alten Bundesrepublik mag man natürlich einwenden: wären die “Pits” nicht auch ohne den großen Streik bald stillgelegt worden? Das hat Peace (den ich letzte Woche auf einer Lesung im Ocelot erlebt habe) auch einige Zeitzeugen gefragt, die in den Zechen malocht haben – und denen diese Tatsache durchaus bewusst war. Zugleich machten sie dem Autor aber klar: so wie es dann passiert ist, mit kriegerischer Gewalt gegen die eigene Bevölkerung, hätte es auf keinen Fall geschehen dürfen.

Um das vereinigte Königreich der Gegenwart zu verstehen, ist „GB84“ ebenso Pflichtlektüre wie im Falle des wiedervereinigten Deutschlands ein Roman wie Erich Loests „Nikolaikirche“. Um den Flavor der 80er wirklich live erleben zu können, sollte man allerdings die englische Originalversion von „GB84“ danebenlegen (die ist ohnehin deutlich günstiger – als E-Book etwa kostet sie nur 3,50 Euro statt 18,99 Euro). Nicht nur, um den faszinierenden „Stream of Consciousness“ auch dialektal goutieren zu können, sondern auch, weil am Ende unter den Quellen die Titel aller verwendeten Songs angegeben sind – so kann man sich die passende Playlist zusammenstellen, von „Two Tribes“ bis „Do they know it’s Christmas“.