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[e-book-review] Klare Kante statt Kuscheln: Amy Chua predigt Amerika die Erziehung à la Chinoise

26 Jan 2011

battle-hymn-tiger-motherSeitdem Amy Chua den Lesern des Wall Street Journals verriet, warum chinesische Mütter überlegen sind („Why Chinese Mothers are Superior“), gibt es nicht nur in den USA eine neue Erziehungsdebatte: sind die westlich erzogenen Kids zum Scheitern verurteilt, weil die Soccer Moms nicht hart genug durchgreifen? In kürzester Zeit bekam der Artikel mehr als 5000 Kommentare. PR-Aktion gelungen: Die Yale-Professorin promotet mit solchen Einwürfen schließlich ihr neues Buch „Battle Hymn of the Tiger Mother“ („Mutter des Erfolgs“). Die abstiegsbedrohte Middle Class in den USA scheint für solche Thesen ähnlich empfänglich zu sein wie Herr & Frau Mustermann für Thilo Sarrazins Untergangsvisionen. „Fordern & Fördern“ als Vorbereitung für die harte Berufswelt, wo es dann „Heuern & Feuern“ heißt. Doch brauchen Kinder wirklich eine Mischung aus Boot-Camp & Gorch Fock, um ihren Weg zu gehen? Wer’s genau wissen will: Die E-Book-Version von „Battle Hymn of the Tiger Mother“ gibt’s im Kindle-Store.

„Im Westen wird Gehorsamkeit eher mit Hunden assoziiert“

An einem kalten Wintertag entschied sich Amy Chua, nun sei es Zeit, der dreijährigen Louisa das Klavierspielen beizubringen. Doch die Tochter der erfolgreichen Yale-Professorin mit chinesischen Wurzeln war störrisch – Louisa hatte absolut keine Lust, das Anschlagen einzelnen Töne auf der Klaviatur zu lernen. Stattdessen hämmerte sie wild auf allen Tasten herum, und als Amy Chua sie davon abhalten wollte, endete die kleine Szene in einem Weinkrampf. Ein Fall für die „Tigermutter“:

„Der Wind wehte mit minus sieben Grad, mein Gesicht schmerzte nach wenigen Sekunden an der eiskalten Luft. Aber ich war entschlossen, ein ungehorsames chinesische Kind zu erziehen, und wenn es mich umbringen sollte. Im Westen wird Gehorsam eher mit Hunden assoziiert, aber in der chinesischen Kultur gehört Gehorsamkeit zu den höchsten Tugenden. ‚Du kannst nicht im Haus bleiben wenn du Mutti nicht zuhörst“, sagte ich streng. „’Also, bist du nun ein braves Mädchen oder willst du nach draußen?’“

Mittlerweile sind Amy Chuas Kinder längst zu Teenagern herangewachsen, die nicht nur gute Noten nach Hause bringen, sondern auch perfekt Klavier spielen können und virtuos mit der Geige umgehen. Mit den USA ging es derweil bergab: Ölpreis-Schock, Hypotheken-Crash und Finanzkrise lehrten der Mittelklasse das Fürchten. China dagegen steigt zur neuen Supermacht auf. Staatspräsident Hu Jintao wurde gerade von Barack Obama mit größtem Pomp im Weißen Haus empfangen. Doch auch im eigenen Land ist fühlt man die Konkurrenz aus dem Osten – der Schulerfolg von Kindern mit asiatischem Background ist deutlich höher als der von All-American Boys & Girls.

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Kein Computer, kein TV, Klassenbester als Minimum

Da kam Amy Chuas Bestseller „Battle Hymn of the Tiger Mother“ gerade recht. Ein Vorabdruck im Wall Street Journal, begleitet vom Essay „Why Chinese Mothers are Superior“ eröffnete eine Erziehungsdebatte, wie sie polemischer kaum sein könnte. Was Amy Chua da an Rezepten preisgab, lässt liberalen Eltern tatsächlich die Haare zu Berge stehen:

„Hier sind ein paar Dinge, die meine Töchter niemals tun durften: bei Freunden übernachten, in der Theater-AG mitmachen, sich darüber beschweren, nicht in der Theater-AG mitzumachen, Freizeitaktivitäten selbst bestimmen, schlechtere Noten als eine „1“ mit nach Hause bringen, nicht die beste Schülerin in allen Fächern zu sein, ausgenommen Sport & Theater“

Bei akuten Fällen von Befehlsverweigerung konnte die Zahl der Sanktionen noch erhöht werden –
bis zum Verbot, noch auf die Toilette zu gehen. Beschimpfungen gehörten ebenfalls zum Repertoire („Du bist Müll!“). Die Affinität zum Bootcamp-Prinzip hat offenbar viel mit dem dahintersteckenden Menschenbild zu tun: „Eltern aus dem Westen machen sich Sorgen um die Psyche ihrer Kinder. Das tun chinesische Eltern nicht. Sie setzen auf Stärke, nicht auf Zerbrechlichkeit, und deswegen verhalten sie sich völlig unterschiedlich“, schreibt Chua in ihrem WSJ-Essay.

Erhöhen die Tigermütter am Ende nur die Selbstmordrate?

An Widersprüchen gegen solche merkwürdigen Ansichten mangelt es jedenfalls nicht. So hielt etwa Ayelet Waldman (die New Yorkerin ist u.a. Autorin von „Bad Mother“) dagegen: „Man könnte Miss Chua z.B. entgegnen, dass Mädchen zwischen 15 und 24 mit asiatischem Hintergrund eine höhere Selbstmordrate haben, oder das es doch etwas von Hybris zeugt, sich den Bildungserfolg selbst zuzurechnen, wo es doch genauso wahrscheinlich ist, das Musikalität über die Gene vererbt wird. Aber ich denke sie weiß das selbst.“

Ironischerweise sind es ausgerechnet die Familienhunde, denen Chua mit einer Laissez-Faire-Attitüde begegnet. „Von ihnen fordere ich nichts, ich traue ihnen zu, dass sie selbst die richtige Wahl treffen. Ich freue mich immer darauf, sie zu sehen, auch wenn sie nur schlafen. Was für eine großartige Beziehung“.

Hundertprozentig erfolgreich war die Methode Tigermutter nicht immer – als Louisa dreizehn wurde, kam es zu einem so heftigen Streit mit ihren Eltern, dass die Zügel danach etwas lockerer gelassen wurden – der Geigenunterricht etwa wurde auf 30 Minuten pro Tag reduziert.

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Schreibt Frau Sarrazin jetzt auch ein Buch über Erziehung?

Zum endgültigen Bruch zwischen Tochter und Mutter kam es nicht. Ganz im Gegenteil. Auf dem Höhepunkt der Debatte über den „Battle Hymn of the Tiger mother“ bekam die Tigermutter Schützenhilfe von unerwarteter Seite. In einem offenen Brief – veröffentlicht in der New York Times – schrieb Louisa: „Viele Leute haben dich beschuldigt, Roboterkinder zu produzieren, die nicht für sich selbst denken können. Ich habe darüber nachgedacht, und kam zu einem ganz anderen Ergebnis: ich glaube deine strikte Erziehung hat mich dazu gezwungen selbständiger zu werden.“

Ob „Battle Hymn of the Tiger Mother“ demnächst auch auf Deutsch erscheinen wird, ist noch nicht klar. Möglicherweise steht uns aber eine ganz ähnliche Debatte bevor. Die Mittelklasse verarmt schließlich auch bei uns, und schulischer wie beruflicher Mißerfolg wird im Agenda 2010-Denkschema gerne auf persönliches Fehlverhalten zurückgeführt – oder wie bei Thilo Sarrazin auch auf eine Mischung von Fehlverhalten und schlechten Genen. Da trift es sich übrigens, dass die Gattin des Bestseller-Autors Grundschullehrerin ist und die pädagogische Debatte im deutschen Blätterwald durch ihr zugeschriebene Beispiele besonders harten Durchgreifens belebt hat. Nun hat sie sich beurlauben lassen – unter anderem, um ein Buch zu schreiben. Einen denkbaren Titel hat die Berliner Boulevarzeitung B.Z. im Rahmen ihrer Sarrazin-Berichterstattung schon beigesteuert: „Kuscheln oder klare Kante?“

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Amy Chua, Battle Hymn of the Tiger Mother
Kindle-E–Book 18,71 Dollar
Hardcover 20,80 Euro (Penguin USA, via Libri)

amy-chua-mutter-des-erfolgs-e-book-epubAmy Chua, Die Mutter des Erfolgs. Wie ich meinen Kindern das Siegen beibrachte.
E-Book (epub) 15,99 Euro
Hardcover (Nagel + Kimche Verlag) 19,90 Euro