[e-book-review] Kein Land für Schlaffis (Katharina Enzensberger, Stufen)

Der Zauber wohnt immer Parterre, so auch der, den man gleich auf den ersten Seiten von Katharina Enzensbergers Erzählband „Stufen“ verspürt, unlängst beim Berliner Startup-Label shelff erschienen. Und sei es nur in Form von duftenden Quitten eines längst vergangenen Sommers auf dem Land. Dann geht es Stufe um Stufe weiter. Die zehn Geschichten gleichen Schnappschüssen aus unterschiedlichen Lebensaltern, und am Beginn steht – natürlich – Kindheit und Jugend. Erzählt in einer klaren, unverfälschten Sprache, wie es sie eigentlich gar nicht mehr gibt.

Wenn die Geschichten selbst schon nicht in jedem Fall autobiografisch sein mögen, die Chronologie ist es: die 1949 geborenen Autorin führt den Leser stufenweise von der frühen Nachkriegszeit bis in die Gegenwart.

Im Zentrum der Sammlung stehen nicht allein Coming-of-Age-Geschichten, sondern eine autobiografisch gefärbte Skizze, die selbst den Titel „Stufen“ trägt: sie spielt im teuersten Hotel Venedigs, man ist zu Gast auf einer Geburtstagsparty, zu der vor allem Schriftsteller und Lyriker geladen sind, „ergraute Herren, jeder sein eigener Planet, deren einzige Gemeinsamkeit darin bestand, um die Sonne – den Verleger – zu kreisen“. Der Verleger ist niemand anderer als Siegfried Unseld, weiland Suhrkamp-Chef.

Eine verlorene Welt aus schranzig versnobten, ver- und eingebildeten Typen, die gefühlt schon soweit entfernt scheint wie die fast hundert Jahre zurückliegenden Tischgespräche aus Canettis „Fackel im Ohr“. Letztlich ist die umfangreiche Geburtstags-Story wirklich ein Grabstein, bezieht sich doch die Überschrift „Stufen“ auf das gleichnamige Hermann Hesse-Gedicht, welches auf Unselds Epitaph prangt.

Das wiederum ruft dazu auf, nicht stehenzubleiben, sondern Mut zur Veränderung zu haben. „Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen, nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise, mag lähmender Gewöhnung sich entraffen“. Und so weiter. No Country for Schlaffis also. Die Figuren in Enzensbergers Geschichten halten sich an diese Devise – sie überschreiten Grenzen, stehlen Antiquitäten, begehen Ehebruch, verwandeln sich zur Zentaurin, schlucken Zyankali, sie steigen die Stufen der Leiter nach oben, oder auch nach unten. Sich selbst bezeichnet die Autorin übrigens als „konservative Anarchistin“ – da kann man nur sagen: touché.


Katharina Enzensberger,
Stufen. Zehn Erzählungen.
epub / Kindle 7,99 Euro

Veröffentlicht von

Ansgar Warner

Ansgar Warner arbeitet als freier Autor im Medienbüro Mitte (Berlin). Neben diversen Brotarbeiten für Presse & Rundfunk bloggt er hier rund um's Thema Elektronisches Lesen. Die spannende (Vor-)Geschichte der elektronischen Bücher erzählt Ansgar in "Vom Buch zum Byte". Praktische Infos für Autoren, Verleger & alle E-Reading-Interessierten vermittelt das "e-book & e-reader abc".