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[e-book-review] Die große, bunte Weltverschwörung, oder: Larp pour Larp (Johannes Thumfart, Der Katechon)

23 Mai 2014

Umberto Eco hat’s schon immer gewusst. „Come giocare seriamente con Altavista“ war Ende der Neunziger Jahre eine seiner Kolumnen für das italienische Wochenmagazin L’Espresso betitelt, „Wie man ernsthaft mit Altavista spielt“. Der Google-Vorgänger wartete schon damals mit einer Übersetzungsmaschine auf, die der Romancier für seine Zwecke einspannte, um durch rekursive Stille-Post-Spielchen wundersames Kauderwelsch à la Salvatore zu produzieren. Nebenprodukt war die Erkenntnis: das Netz ist immer schon komplett, alles, was an Sinn und Unsinn von außen hinzukommen könnte, kann es auch selbst produzieren. Erst recht gilt das wohl für Verschwörungstheorien – alle Informationen sind schon da, man muss lediglich Verbindungen ziehen. Dann fehlt nur noch jemand, der sagt: “I want to believe”.

Katechon, oder: Die Strategie der Spannung

Was der studierte Philosoph und Historiker Johannes Thumfart für Poster an der Wand hängen hat, wissen wir nicht. Doch das Credo von Thumfarts Alter Ego im Verschwörungsthriller „Der Katechon“ geht deutlich in diese Richtung: aus einer prekären, postakademischen Callcenter-Existenz im angentrifizierten Berlin-Neukölln wird der Protagonist in den Dunstkreis ebenso finanzstarker wie obskurer neukonservativer Kreise gezogen. Ernst Jünger spielt eine Rolle, aber auch der Ökostrom-Anbieter Greenergy, die Werbeagentur Brainmob, ebenso ein französisches Kuturinstitut namens „Action Parallèle“. Am Ende der Geschichte, das ganz am Anfang steht, sitzt Tim als Apparatschik der wiedergegründeten Kommunistischen Internationale in Mexiko City, und zeichnet Todesurteile ab. Doch eigentlich interessiert ihn nur eins: die Rolle des „Katechons“ in der Weltgeschichte, einer mysteriösen Entität, die dem Apostel Paulus, aber auch Carl Schmitt zufolge in immer wieder neuer Form erscheint und im Dienste der göttlichen Suspense das Ende aller Zeiten aufschiebt.

Showdown im Schatten des Stadtschlosses

Eine Spur, auf die Tim ausgerechnet Ikea-Gründer Ingvar Kamprad gebracht hat – in einer kryptischen Antwort auf eine radebrechende englische Beschwerdemail, mystisch aufgepeppt durch die deutsche Rechtschreibkorrektur von Word. Alles klar? Bisher sind nur zwei Folgen des insgesamt 5-teiligen „Katechons“ erschienen, „Groß-Germanien“ und „Die Parallelaktion“. Viele Verschwörungszusammenhänge, die der Klappentext verspricht („Gladio – Stay Behind“, NSU, „Empört euch-Manifest“, „Gaspipeline-Projekte“), stehen noch aus, bis Ende Juni der Showdown stattfindet, passenderweise im Schatten des Berliner Stadtschloss-Wiederaufbauprojekts. Schon jetzt darf man aber sagen, dass dem Digital-Startup Shelff da ein richtig großer Wurf gelungen ist – was natürlich auch an der Methode liegt: wie ein großer Staubsauger hat sich „Katechon“ nicht nur Versatzstücke eines explodierten akademischen Zettelkastens, sondern auch der ubiquitären Netzkultur einverleibt und äußerst clever collagiert.

Wer hat das Regelwerk geschrieben?

Die oft geradezu Dejà-Vu-artige Präsenz der zunächst in Berlin spielenden Handlung hat mich dabei an Ulrich Peltzers „Teil der Lösung“ erinnert, das akribisch unterlegte Faktengerüst mit seinen immer wieder sehr ironischen Pointen an Carl Amerys „Königsprojekt“. Und nicht zuletzt steht wohl Umberto Ecos „Foucaultsches Pendel“ Pate. Allerdings fügt unsere merkwürdig verdoppelte Netz-Gegenwart solchen Plots noch einen ganz besonderen Flavor zu: Die Offline-Existenz erscheint plötzlich nur noch als ein groß angelegtes „Live Action Role Play“ (auch im „Katechon“ wird gelarpt…), dessen Regelwerk von dunklen Mächten diktiert wird, die sich in der Anoymität des Netzes verbergen. Oder werden die Rules of Engagement vom virtuellen Worldbrain schon selbständig erzeugt? Nicht umsonst lautet der Leitsatz aller Regisseure mit der Hand im Weltspiel: All the world’s a stage.

(Erscheinungstermine: Teil 1 ab 1. Mai, Teil 2 ab 15. Mai, Teil 3 ab 29. Mai, Teil 4 ab 12. Juni, Teil 5 ab 26. Juni)

Johannes Thumfart,
Der Katechon (fünfteilige Serie)
E-Book (Shelff.de) pro Band 0,99 Euro (Kindle/epub)