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Selfies im Angesicht des Bierpinsels [Chloe Zeegen, I love myself, ok?]

21 Jan 2014

Mikrotext mal wieder. Okay, aber wo sonst wäre eine „Short-Story-Berlin-Trilogie“ wie Chloe Zeegens „I love myself ok?“ derzeit wohl besser aufgehoben als bei Nikola Richters ambitioniertem Verlags-Startup, das uns auch schon Kurzstreckentexte wie Sarah Khans „Horrorpilz“ beschert hat oder die Facebook-Protokolle von Aboud Saaed, des „klügsten Menschen auf Facebook“? Nicht zufällig stand das weltweit wabernde soziale Netzwerk auch bei „I love myself ok?“ Pate – die in Berlin mit Blick auf den Steglitzer Bierpinsel lebende Deutsch-Britin startete schon 2012 ihr Kunst-Projekt „Chloe Zeegen is a self-styled Facebook star“.

So erklärt sich schnell der enorme Sog, den der Bewusstseinsstrom der Ich-Erzählerin von „I love myself ok“ erzeugt – es ist eine gar nicht mehr aufdröselbare Mélange aus Social-Media-Stream & dem literarischen Erbe des Stream of Consciousness. Molly Bloom oder Leutnant Gustl, den Bierpinsel im Blick, der Daumen auf dem Touch-Screen des Smartphones. Wer Chloe Zeegen online (ver-)folgt, ist somit ohnehin auf dem Laufenden, worum es in Teil 1 („Bierpinsel and Fuck Trauma“) geht, zugleich wäre „Coming-Out“ aber auch wieder zu einfach. Literatur, nur mal zur Info, ist ja nun mal weit mehr als nur eine Aneinandereihung von Untenrum-Selfies.

Letztlich oszilliert der gesamte Text zwischen den unterschiedlichsten Polen moderner Großstadt-Existenz: bin ich online, bin ich offline, straight oder queer, bin ich das, was ich war oder sein werde/will, sind wir zusammen oder getrennt, wollen wir vielleicht (Facebook-)Freunde bleiben? Wie es sich für einen zeitgemäßen Hauptstadtext gehört, werden Exkurse in die eigene Prä-Berlin-Biographie (Teil 2, „Shit and Corruption“, auch via Überlin zugänglich) wie auch Drogenrausch-Protokolle frei Haus mitgeliefert (Teil 3 – „Let me take you to the park“). Nach diesen Abstiegen ins vergangene Selbst wie auch dem Ausstieg aus dem gegenwärtigen Selbst kommt die trotzige Selbst-Bestätigung: „I fucking love myself ok“. Auch wenn das Selbst eben nur ein unsichtbarer Punkt ist, um den man kreist. Unbedingt lesen!

Chloe Zeegen,
I love myself ok?
Mikrotext (Oktober 2013), Kindle/ epub
Preis: 2,99 Euro