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[e-book-review] Heiliger Stephen im Apfelgehäus: Steve Jobs, eine Biografie

31 Okt 2011 Ansgar Warner 1 Kommentar

Am Ende lief alles anders als geplant: Anfang 2012 wollte der US-Verlag Simon&Schuster ein Buch mit dem Titel „iSteve: The Book of Jobs“ herausbringen. Dutzende Interviews hatte Autor Walter Isaacson dafür mit dem Apple-Gründer geführt, hunderte Personen aus seiner Umgebung befragt. Doch im Oktober starb Steve Jobs im Alter von nur 56 Jahren an Krebs. Die Mac-Welt hielt den Atem an, vor den Apple-Stores wurden Blumengebinde abgelegt, der Verkauf von Rollkragenpullovern Typ „1990“ beim Edel-Label St. Croix schnellte in die Höhe. Der Verlag reagierte, und zog die Veröffentlichung vor: seit letzter Woche ist die autorisierte Biografie als Print- und E-Book lieferbar, auch in deutscher Übersetzung.
Der Titel lautet ganz einfach: Steve Jobs.

Tüftler & Visionär des American Dream

Eine Art nerdiger Dreifaltigkeit schwebt über den Benutzeroberflächen dieser Welt: Bill Gates, Linus Torvalds und – Steve Jobs. Die größte Populärität genoss dabei eindeutig der Apple-Gründer, der uns neben schicken Desktops und Laptops mit der Vorsilbe „Mac“ auch eine ganze Kategorie trendiger Mobilgeräte mit kleinem Auftakt-„i“ beschert hat. Die Gadgets avancierten zu Ikonen – das iPad wurde halb im Scherz, halb im Ernst zum „Jesus Tablet“ erkoren. Steve Jobs selbst dagegen erlangte schon zu Lebzeiten den Status einen digitalen Heiligen. Doch bei aller Hippness verkörperte Jobs eben auch den amerikanischen Traum in Reinkultur, ein Tüftler-Genie gepaart mit dem praktischen Visionär. Insofern passt es, dass Jobs Biograf Walter Isaacson neben Albert Einstein auch Benjamin Franklin portraitiert hat, der abgesehen von seiner politischen Rolle als Urvater aller amerikanischen „Tinkerer“ gelten darf.

Irgendwo zwischen Einstein & Ben Franklin

Es passt allerdings auch zu Steve Jobs’ Ego, sich einen solch hochkarätigen Biografen selbst ausgewählt zu haben. Leicht war das freilich nicht. Erst als der Gesundheitszustand des Apple-Gründers sich seit 2009 deutlich verschlechterte, willigte Isaacson überhaupt ein, das Projekt in Angriff zu nehmen. Mehr als vierzig Interviews bilden die Grundlage des Buches, das letzte Gespräch fand nur wenige Wochen vor Steve Jobs Tod statt. Isaacson selbst schreibt im Vorwort über das Ergebnis: “Dies ist ein Buch über das schwindelerregende Leben und die unglaublich intensive Persönlichkeit eines kreativen Unternehmers, dessen Leidenschaft für Perfektion und ungebremsten Tatendrang sechs Industriezweige revolutionierten: Heimcomputer, Animationsfilme, Musik, Telefone, Tablet-Geräte und Digital Publishing”.

“Ein ganz normaler Kerl“

Eine Hagiographie des St. Stephanus von Siliziumtal ist „Steve Jobs“ aber nicht geworden, denn Isaacson hat umfangreich recherchiert, Familienmitglieder, Ex-Freundinnen oder Ex-Geschäftspartner befragt und viele weitere kritische Stimmen eingefangen. So kommt beispielsweise auch Lis Brennan(-Jobs) vor, Tochter von Steve Jobs und Apple-Mitarbeiterin Chrisann Brennan, geboren 1978, und vom leiblichen Vater zunächst nicht anerkannt – später aber doch, was man etwa am Modell „Apple Lisa“ von 1983 ablesen kann, der als erster PC mit Maus und grafischer Benutzeroberfläche gilt. Eine interessante Person ist auch die Schriftstellerin Mona Simpson, Steve Jobs leibliche Schwester, von deren Existenz der bei Adoptiveltern aufgewachsene Bruder erst in den Achtziger Jahren erfuhr. Das wiederum hatte sogar literarische Folgen: In Simpsons Roman „A regular Guy“ (1996) geht es um einen eher unsympathischen Silicon-Valley-Tycoon und dessen uneheliche Tochter. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen: nicht zufällig, sondern beabsichtigt.

Kettenrauchende Marxisten, punkige Ingenieure

Die Firmengeschichte von Apple lässt sich dagegen als Wiederkehr des verlorenen Sohns erzählen – nach einem Machtkampf mit dem ehemaligen Pepsi-Manager John Sculley musste Jobs 1985 das Unternehmen verlassen. Mit NeXT gründete Jobs dann zunächst ein HighTech-Computerunternehmen, später brachte er das Animationsfilm-Studio Pixar an die Börse, was ihn zum Milliardär machte. Als NeXT 1996 von Apple aufgekauft wurde, begann Jobs zweite Apple-Phase, die bis in unsere Gegenwart reicht. Kaum vorstellbar wäre diese Geschichte natürlich ohne die genretypischen Hacker, Nerds und Business-Angels. Zu den schillernden Persönlichkeiten aus Jobs Umfeld gehören etwa der kettenrauchende Marxist und Elektroniker Rod Holt, bereits 1976 für den Launch des Apple II engagiert, oder später der punkige Ingenieur Tony Fadell, der seit 2001 den iPod entwickelte. Fehlen darf ebensowenig der kalifornische Zen-Meister Kobun Chinan, seines Zeichens spiritueller Lehrer von Jobs. Noch stärker in die Kategorie der Vaterfiguren fallen Männer wie Mike Markula oder Arthur Rock, die zu den ersten (Groß-)Investoren bei Apple gehören. Die Geschichte des heutigen Global Players mit dem Apfel-Logo beginnt übrigens exakt dort, wo Jobs aufgewachsen ist, in Sunnyvale/Kalifornien, also im Herzen des späteren „Silicon Valley“. Die berühmte Garage, in der Steve Jobs und Stephen „Woz“ Wozniak den Apple II zusammenlöteten, stand (und steht) direkt neben Job’s Elternhaus.

“I wanted my kids to know me“

An Biografien über Steve Jobs mangelte es schon bisher nicht, viele schmeichlerisch, manche auch eher bilderstürmerisch, wie etwa Jeffrey S. Youngs “iCon Steve Jobs”. Über dieses Buch war der Portraitierte so erzürnt, das gleich alle Titel des herausgebenden Wissenschafts- und Technik-Verlages Wiley & Sons aus den Apple Stores verbannt wurden. Das Charakterbild der Ikone wird wohl auch weiterhin je nach Gunst und oder Hass der beteiligten Parteien schwanken. Doch eins darf als gesichert gelten: Über den Menschen Steve Jobs wird man nirgendwo sonst so viel erfahren wie in Walter Isaacsons 700 seitiger Annäherung an einen Zeitgenossen, der zwar immer wieder im Rampenlicht stand, sein Privatleben aber weitgehend abschottete. Bei seinem letzten Besuch in Palo Alto fragte Isaacson den schon moribunden Firmenchef, wieso dieser sich in seinen letzten Interviews dann plötzlich so offen gezeigt habe – und Jobs antwortete: “I wanted my kids to know me. I wasn’t always there for them, and I wanted them to know why and to understand what I did.” Nicht nur die Mac-Gemeinde darf das auch auf sich selbst beziehen – denn Kinder von Steve Jobs sind auf eine gewisse Weise eigentlich alle Digital Natives.

Steve Jobs: Die autorisierte Biografie des Apple-Gründers
E-Book (epub) 19,99 Euro
Kindle-Book (Amazon) 19,99 Euro

Abb.: Time-Magazine, Steve-Jobs-Gedächtnis-Ausgabe Oktober 2011

Ein Kommentar »

  • HGerland schrieb:

    Schade, dass hier nur positive Aspekte von Jobs erwähnt werden. Und nicht Fakten wie Jobs als brutalen Kapitalist, der seine Geräte unter menschenunwürdigen Bedingungen in China produzieren ließ. Ein Milliardär, der sich nie für öffentliche “gute” Aktionen einsetzte und Geld an allgemeinnützige Einrichtungen spendete. Ein Blender, der als Bettelmönch in Indien seine Tugenden aufstellte, um der Welt zu verkaufen, dass sie Luxusartikel benötige. Ein Produzent, der Geräte mit PVC und bromhaltigen Verbindungen für die breite Masse herausgibt (schädlich für Mensch und Natur). Ein Dieb, der seinen Angestellten und Freunden Ideen klaute und als seine eigenen verkaufte. Eine unverantwortliche Person, die ein Kind in die Welt setzt und es aus Trotz ablehnt, bis die Mutter mit dem Kind zum Sozialfall wurden. Aber eigentlich habt ihr Recht – Toll dieser Typ! Schade nur, dass dann Bankiers, Betrüger, Steuerhinterzieher, Lügner, bedingungslose Kapitalisten und unsoziale Persönlichkeiten nicht mit ihm gefeiert werden…