[e-book-review] Simple Stories zur Banalität des Normalen (Hanna Lemke, „Gesichertes“)

e-book-review hanna lemke gesichertes e-bestseller_pixelio_robson.gif„Gesichertes“ präsentiert die Berliner Autorin Hanna Lemke im gleichnamigen Erzählband – lakonische Notizen aus dem Interim zwischen Jugend und Erwachsenwerden. Doch auch simple Stories können es in sich haben, weiß man seit Ingo Schulzes Sampler „Simple Storys“. Technisch sind Hanna Lemkes Streifzüge zwischen Clubs, Kneipen, Wohngemeinschaften & Jobs auf der Höhe der Zeit – man kann sie via textunes als iPhone-App herunterladen. Wie es inhaltlich aussieht, verrät unser Rezensent Ralph Gerstenberg.

Leben im Interimszustand: Die Welt der Twenty-Somethings

Hanna Lemke ist so ziemlich das Gegenteil von Helene Hegemann. Sie veröffentlicht ihr Debüt mit Ende zwanzig, also in einem Alter, in dem das hierzulande Jungschriftstellerinnen normalerweise zu tun pflegen, sie lächelt offen auf ihrem Autorinnenfoto – kein Haar im Gesicht – und sie beschreibt das, was man als eine in Wuppertal geborene und nun in Berlin lebende Autorin, die zwischendurch am Leipziger Literaturinstitut studiert hat, nun mal kennt: die Welt der Twentysomethings, die sich in Bars und Kneipen treffen, oft zuviel trinken, miteinander rumziehen und in einer Art Interimszustand leben – noch nicht wirklich bereit, Verantwortung für ihr Leben zu übernehmen, nicht mehr unbedarft genug, einfach ihre Jugend zu genießen.

Gesichertes Einkommen & anderweitiges

Die Ich-Erzählerinnen nehmen Jobs an, die sie nicht verstehen, spüren die Anziehungskraft von Frauen und Männern, denen sie begegnen, und versuchen so etwas wie Beziehungen aufrecht zu erhalten oder aufzubauen – zu Liebhabern, zu Freunden, zu Geschwistern. Oft reden sie kaum miteinander, wie Georg, der vom Geld seiner Eltern lebt und vom Vater am Telefon gefragt wurde, ob er inzwischen „anderweitig ein gesichertes Einkommen“ hätte. „“Und was hast du gesagt?“, fragte ich. Georg antwortete nicht. „Das fand ich nett, wie der das gesagt hat“, sagte er nur. „Anderweitig ein gesichertes Einkommen.““

Woher den Erfahrungsstoff für gute Geschichten nehmen?

Doch, es gibt in den Geschichten durchaus gelungene Passagen. Auch wie der wortkarge Boris eine eingespielte Freundesclique erst analysiert und dann als Katalysator deren Reduzierung vorantreibt, ist schön beobachtet und lakonisch beschrieben. Allerdings fehlt es den Geschichten an Tragik, an Fallhöhe, an Relevanz. Sie beschreiben abgesicherte Welten, in denen das Weiterkommen vielleicht noch etwas unsicher ist, junge Leute, die ein bisschen einsam sind und ein bisschen was ausprobieren, bis sie irgendwann die sicheren bürgerlichen Bahnen einschlagen werden. Auch stilistisch bieten diese Stories nicht viel, nur die übliche Reduktion und das nicht zu Eindeutige – Dinge, die man in Leipzig lernt. Angesichts dieser Prosa spürt man ein Dilemma, in dem junge, wohlbehütet aufgewachsene Autoren und Autorinnen heutzutage stecken: Woher den Erfahrungsstoff für gute Geschichten nehmen und nicht stehlen? Und man ist fast geneigt, der Methode Hegemann zuzustimmen: Lieber eine geborgte Erfahrung als die Banalität des Normalen!

Autor & Copyright: Ralph Gerstenberg

Hanna Lemke Gesichertes E-Book Bestseller.jpg
Hanna Lemke,
Gesichertes (2010)
E-Book/ iPhone-App (textunes), 9,99 Euro
Hardcover (Kunstmann-Verlag) 17,90 Euro

Bild: Pixelio/Robson

Veröffentlicht von

Ralph Gerstenberg

Ralph Gerstenberg arbeitet freiberuflich als Schriftsteller und Journalist, u.a. für das Stadtmagazin tip, Deutschlandradio Kultur, Deutschlandfunk, SWR, MDR, RBB. Unter dem Titel "Grimm und Lachmund" erschien 1998 sein erster Kriminalroman, mittlerweile liegen sechs Titel vor.

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