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[e-book-review] Der Rubel rollt – doch fällt auch der Groschen?

1 Sep 2014

Wenn der Kapitalismus eine Religion ist, dann sind die Worte und Taten der Unternehmer so etwas wie die Heiligenlegenden unserer Zeit. Ein Exemplum für die richtige Lebensführung gibt’s in der Regel nicht, dafür Best-Practice-Tipps auf dem Weg zum schnellen Geld. Anders im Fall von Götz W. Werner. Der 1944 geborenen dm-Gründer ist Milliardär, das schon, und hat sich in vier Jahrzehnten vom kleinen Drogeristen zum erfolgreichen Konzernchef hochgearbeitet.

Zahnpasta-Verkäufer mit Visionen

Doch in der Textsammlung „Wann fällt der Groschen?“, erschienen im Verlag Freies Geistesleben, tritt uns der Unternehmer und Mensch Götz Werner in einer eher unerwarteten Rolle entgegen – als jemand, der Leben als unermüdliche Arbeit am eigenen Ich versteht, das Entrepreneurship als dem Gemeinwesen verpflichtete Soziale Kunst, und sich und der Allgemeinheit qua Kundenmagazin „Alverde“ immer wieder Schlüsselfragen zur eigenen Existenz stellt. Warum schmelzen gute Vorsätze schneller als Schneeflocken? Wie wichtig ist uns Menschenwürde? Ist der Einsatz von Robotern in der Pflege sinnvoll? Aber auch: Brauchen wir ein neue Wirtschaftsordnung? Müssen wir Eigentum neu definieren?

Sich selbst bezeichnet das enfant terrible einer ebenso kühl kalkulierenden wie phantasielosen Branche als „Realträumer“. Das sei jemand, der Dinge tut, von denen er von Anfang überzeugt ist, ohne eingehende Analyse, so Werner. „Evidenzerlebnisse“ nennt der siebenfache Vater solche Erfahrungen in seiner 2013 erschienenen Autobiographie mit dem Titel: „Womit ich nie gerechnet habe“. Zu diesen Evidenzerlebnissen gehörte, gegen allen Rat von Freunden und Familie, der Einstieg ins Drogeriegeschäft. Das war vor vierzig Jahren. Inzwischen ist dm (Abkürzung für: Drogeriemarkt) mit 3.000 Filialen, 50.000 Mitarbeitern und siebenfachem Milliarden-Umsatz Deutschlands größte Drogeriemarkt-Kette.

Es geht um Werte, nicht um den Preis

Der oberste Platz auf dem Siegertreppchen hat natürlich ganz einfach damit zu tun, dass die vorherige Nummer Eins namens Schlecker am übertriebenen Expansionsdrang gescheitert ist. Aber damit eben auch sehr viel mit der Frage: Was hat Einkaufen mit Moral zu tun? In „Alverde“ schreibt Götz Werner: „Bürger ist man jeden Tag. Verantwortlich und mündig ist man bei den tagtäglichen Entscheidungen. Beim Kauf von Produkten, bei der Wahl von Einkaufsstätten und bei der Beauftragung von Dienstleistern“.

In seinem Unternehmen habe man schon kurz nach der Gründung die eigene Haltung definiert, u.a. „dass wir eine bewusst kaufende Stammkundschaft gewinnen wollen“. Die Bürger, so Werner, wollten heutzutage wissen, „wen sie durch ihren Kauf unterstützen“. Es gehe vielen Menschen eben nicht um den günstigsten Preis, sondern auch um das Gefühl, das Richtige zu tun, und natürlich auch: am richtigen Ort zu sein, Stichwort mal wieder: Evidenzerleben.

Natürlich geht es einem Händler und Unternehmer irgendwie ums Geld – hier jedoch vor allem als Mittel zum Zweck: Geld sei dafür da, das Miteinander zu organisieren, so Werner, inklusive Belegschaft. „Das Miteinander aller Beteiligten war uns stets so wichtig wie das erfolgreiche Zahnpastaverkaufen“. Das Miteinander soll zugleich auch Selbstermächtigung sein. Wenn Werner etwa davon schreibt, er möchte dazu beitragen, dass sich viele Menschen als „Lebensunternehmer“ begreifen, ist das weit entfernt vom simplen Selbständigkeits-Paradigmen, sondern geht in Richtung der Joseph Beuyschen Idee der sozialen Plastik, einer Gesellschaft, „an der alle durch kreatives Handeln mitformen“. Was für Werner auch persönliche Konsquenzen hat: „Meinen Beitrag versuche ich zu leisten, indem ich mich für die Idee eines bedingunglosen Grundeinkommens für alle Bürger einsetze“.

Ganzheitliche Vorbilder: Duttweiler plus Steiner

Wie kommt man eigentlich auf solche Ideen? Zu Werners Vorbildern gehört vielleicht nicht ganz zufällig der legendäre Schweizer Migros-Gründer Gottlieb Duttweiler – an dessen genossenschaftlich angelegtem Großkonzern ist mittlerweile jeder dritte Eidgenosse direkt beteiligt. Auch Duttweiler sprach von Anfang an vor allem die Kundinnen als selbständige Konsumentinnen an und dachte in der Kategorie des „sozialen Kapitals“, schon in den 1920er Jahren.

Ein anderes oft zitiertes Vorbild – und zugleich wahrscheinlich für manche Leser des Kundenmagazins eine ständige Übung in Toleranz – ist Rudolf Steiner. Der Anthroposophie-Begründer dient mit seinem ganzheitlich-schrägen Weltbild nicht nur allgemein als Inspirationsquelle, sondern wird immer wieder gerne für das eine oder andere Bonmot herangezogen, durchaus passend etwa mit der Aussage, dass Geld „zu lügen beginnt“, wenn es sich von der Realwirtschaft abkoppelt. Steiners Formulierung von der „Brüderlichkeit im Wirtschaftsleben“ fühlt sich Werner ebenfalls verpflichtet.

Die geistige Brücke zwischen Steiners Gedankenwelt und der hinter dm stehenden Firmenphilosophie ist tatsächlich so breit, dass sich Werner in seiner Autobiographie in einem eigenen Kapitel um Erklärungen bemüht – in dem er schon per Überschrift die wohl sehr oft gehörte Frage vorwegnimmt: „Sagen Sie mal, haben Sie was mit Anthroposophie zu tun?“

Wer fragt, ist auf dem besten Weg zur Erkenntnis. Genau darum geht’s Werner ja schließlich bei all seinen Aktivitäten, auch in den äußerst lesenswerten Kolumnen: es soll nicht nur der Rubel rollen, sondern auch der Groschen fallen.


Götz W. Werner,
Wann fällt der Groschen? 52 Schlüsselfragen zum eigenen Leben
E-Book 12,99 Euro (epub/Kindle)

Abb. oben: Emre Ayaroglu/Flickr (cc-by-2.0)