Generation-Mauer-Intro

[e-book-review] „25 plus 25 plus Bruch, das müsste doch ein Narrativ ergeben“ (Ines Geipel: Generation Mauer)

Kriegskinder, Nachkriegskinder, Aufbaukinder, Zonenkinder. Das deutsche Generationenalphabet kennt viele Buchstaben. Nun kommt noch ein weiterer hinzu: M für Mauerkinder. „Wo sind wir eigentlich geblieben, die Generation, die in den sechziger Jahren hinter der Mauer aufgewachsen ist?“, fragt Ines Geipel in ihrem neuen Buch „Generation Mauer“. Im fünfundzwanzigsten Jahr nach dem Mauerfall unternimmt die Publizistin damit eine Suche nach ihrer eigenen, der mittleren DDR-Generation. Dabei geht es in Geipels Buch weniger um die sogenannte Mauer in den Köpfen als um die mentalen Zurichtungen durch das „System Honecker“ und die verschiedenen Spielarten des Aufbruchs nach der Wende.

„Das müsste doch ein Narrativ ergeben“

Soziologen zufolge hatte die Generation M besonders viel Glück: im Jahr der friedlichen Revolution war sie jung genug für einen gänzlich neuen Lebensentwurf im Westen. Auch Geipel interessiert sich für biografische Brüche und das daraus resultierende Befreiungspotential. Aber ebenso stehen die Prägungen durch die im Gesellschaftssystem DDR verbrachte erste Lebenshälfte im Mittelpunkt ihrer Erkundungen: „Es ist eine Generation, die erstens ein vollständiges Leben vor 1989 hatte, die sich zweitens ein vollständiges nach 1989 aufgebaut hat und die drittens durch den Systemschnitt 1989 regelrecht konstituiert wurde. 25 plus 25 plus Bruch. Das müsste doch ein Narrativ ergeben.“

Der Himmel über Bitterfeld

Tut es auch – das zeigen atmosphärisch dichte biografische Skizzen, die Geipel aus Gesprächen mit Gleichaltrigen destilliert. Da sieht die Journalistin Sabine Adler als Kind im Chemiebezirk Halle aus dem Fenster der elternlichen Wohnung im 5. Stock eines Plattenbaus in Wolfen-Nord in den historischen Smog-Himmel. Hauke Hückstädt dagegen, der heutige Leiter des Frankfurter Literaturhauses, schreibt als Vierzehnjähriger Briefe an seine alte Schulklasse im auch nicht gerade unversmogten Schwedt, nachdem er mit der Familie nach Hannover ausgereist ist.
Das Fesselnde des Generationspanoramas resultiert nicht zuletzt aus diesen nie exemplarisch aufgefassten Lebensläufen der für das Buch befragten Altersgenossen. Die biografischen Skizzen geben präzise und individuell Auskunft über eine Kindheit und Jugend in der DDR, die Agonie des Systems in den 1980er-Jahren und die Transformationserfahrungen nach 1989.
Auffallend ist, dass alle Interviewten im weitesten Sinn einen narrativen Drive besitzen und Reflektieren, Aufdecken und Benennen für sie existentielle Verfahren sind, sodass Geipel zu der Schlussfolgerung kommt: „Die Generation Mauer ist eine Generation der Rückkehrer, Rekonstruierer, Vergewisserer, Rechercheure, Entschweiger, der pickelharten Herausschäler.“

„Härtesubstanz der DDR“

Dieses Fazit ist ebenso als Selbstbeschreibung der Autorin lesbar, denn Geipels Text ist auch ein knallhartes autobiografisches Reparaturprojekt eines durch das „Angst- und Schweigesystem DDR“ beschädigten Ichs. Die sich bei der Lektüre mitunter einstellende Beklemmung resultiert nicht zuletzt aus der autobiografischen Grundspur des Buches, das auch die Geschichte einer Befreiung aus einem familialen und politischen Missbrauchssystems ist. Als Doping-Opfer des DDR-Spitzensports und Tochter eines insgeheim für die Staatssicherheit tätigen Vaters sind Gewalterfahrungen basal im Körperlichen und Familialen festgeschrieben. Die Flucht in den Westen im Sommer 1989 und die „Jahre des Übergangs-Ich“ in Darmstadt, wo Geipel Philosophie und Soziologie studierte, könnte man dagegen fast schon als eine Portion des von den Soziologen des „Wendeglücks“ lesen, das die Soziologen der Generation M unterstellen.

„Generationstinte“

Mit „Generation Mauer“ beteiligt sich Geipel an der publizistischen Generationendebatte, di beherrscht wird von Büchern wie Sabine Bodes „Nachkriegskinder“, Martin Rupps „Wir Babyboomer“, Jana Hensels „Zonenkinder“, Florian Illies’ „Generation Golf“, Katja Kullmanns „Generation Ally“ oder Sabine Rennefanz’ „Eisenkinder“.
Den Zonen- und Eisenkindern jedoch wirft die Publizistin eine Verklärung der nur als Kindheitsland erlebten DDR vor: „Das Kryptierte wird nicht der Schmerz, wie in den Generationen vor ihnen, sondern die DDR fungiert als Heilland, als Märchen. Sie wird zur innerpsychischen hellen, reinen Kammer, unantastbar, ihr Imaginationsraum.“ Die Journalistin Rennefanz zeigte sich zu Recht verwundert über diesen Angriff auf die sogenannte 3. Generation Ost, denn in dieser Pauschalität trifft er nicht zu. Vielmehr wäre zu fragen, wie die Erfahrungen der Generation Mauer mit der „Härtesubstanz der DDR“ an eine Generation zu vermitteln wäre, die die DDR größtenteils als unpolitischen Kindheitsraum erlebte. „Generation Mauer“ bietet sich dabei dank narrativem Drive, atmosphärischer Dichte und schonungsloser Präzision schon selbst als Teil der Lösung an.

Ines Geipel,
Generation Mauer. Ein Porträt.
Klett-Cotta 2014, 288 S., Hardcover 19,95 Euro
E-Book: epub / Kindle 15,99 Euro

Cover-Bild: Klett Cotta Verlag (c)

Veröffentlicht von

Heide Reinhäckel

Die Literaturwissenschaftlerin und Journalistin Heide Reinhäckel hat über das Thema Nine Eleven in der deutschsprachigen Erzählliteratur promoviert. Zur Zeit arbeitet sie freiberuflich als Lektorin & schreibt u.a. für die taz.