[E-Book-Review] Er hat uns vollgeschleimt (Sarah Khan, Der Horrorpilz)

Potz Rhizom & Mycel – Pilze sind doch immer für eine schöne Verschwörungstheorie gut. Das wissen die Conspiracy-Fans nicht erst seit der legendären X-Akten-Folge „Field Trip“. Tatsächlich diskutieren ja Wissenschaftler schon lange, wer bei der Symbiose zwischen den Reichen der Animalia, Fungi sowie Planten & Blomen eigentlich wen steuert – der Pils brauende Mensch den Schwammerl, oder der Pilz seinen durch festes Hefebrot, flüssiges Hefeweizen und eine Prise Aztekischen Kahlkopf angefixten Menschenpark. Der Gegner, das merkt rasch auch der Leser von Sarah Khans E-Book-Shortie „Der Horrorpilz“, ist im Zweifelsfall nicht Amazon (wo’s den Text als eins der ersten Kindle-Singles made in BRD gibt), nicht der Verfassungsschutz, und auch nicht die psychopathische Ex (by the way: warum heißen die eigentlich immer „Yvonne“?).

Ohnehin darf Khan ja als Expertin für Übersinnliches gelten, siehe den möglicherweise ernst gemeinten Reportageband „Die Gespenster von Berlin“, gerade in einer ergänzten Neuauflage erschienen. Im Horrorpilz ist möglicherweise alles nur Fiktion, selbst innerhalb der Fiktion. Das hat den Funghi-Flavor von Arjounis „Chez Max“, gemixt mit Georg Kleins „Barbar Rosa“ plus einer Prise von Kafkas „Landarzt“. Mit dem Horrorpilz-Helden Victor Gips fragt man sich schon nach wenigen Page-Refreshs: wenn Pilze zum König des Contents in Büchern, Mikrochips und Neocortex werden, Buchstaben im Auge wie modrige Pilze zerfallen, wem kann man dann eigentlich noch trauen? Just one hint: Vielleicht ja Lehgasthänickern…

Nicht umsonst ist dem Text eine Warnung vorangestellt: „Diese Geschichte muss mündlich weitergegeben werden, und bitte, sprechen Sie leise. Aber für den entsetzlichen Fall, dass Ihnen die Geschichte in gedruckter, handgeschriebener oder digitaler Form vorliegt, appelliere ich an Ihre Verantwortung: Bitte zerstören Sie das Dokument.“ Daran hat sich aber offenbar schon Khans Verlag nicht gehalten – das Berliner Kurzstrecken-Label Mikrotext bietet den Text sogar DRM-frei an. Nehmen die etwa auch Pilze?

Sarah Khan, Der Horrorpilz.
Eine unbefriedigte Geschichte.
Mikrotext (epub & Kindle, DRM-frei)
Preis: 1,99 Euro

Veröffentlicht von

Ansgar Warner

Ansgar Warner arbeitet als freier Autor im Medienbüro Mitte (Berlin). Neben diversen Brotarbeiten für Presse & Rundfunk bloggt er hier rund um's Thema Elektronisches Lesen. Die spannende (Vor-)Geschichte der elektronischen Bücher erzählt Ansgar in "Vom Buch zum Byte". Praktische Infos für Autoren, Verleger & alle E-Reading-Interessierten vermittelt das "e-book & e-reader abc".

Ein Gedanke zu „[E-Book-Review] Er hat uns vollgeschleimt (Sarah Khan, Der Horrorpilz)“

  1. lieber Ansgar Warner, deine Rezension meines Horrorpilzes hat mich sehr amüsiert.

    Ich möchte aber kurz auf deine Frage eingehen, warum psychopathische Ex-Freundinnen „immer Yvonne“ heißen. Bezieht sich das auf die literarische Welt oder dein weltliches, soziales Erleben – vermutlich beides? Und vermutlich hast du recht, Psychopathinnen heißen immer Yvonne. Es liegt daran, dass sie ursprünglich anders heißen sollten, sich ihre Mütter aber nicht durchsetzen konnten. In meinem Fall war genau das der Fall. Yvonne sollte eigentlich „Igerne“ heißen. Das ist ein mittelalterlicher, französischer Name, auch als Igraine in den englischen Abwandlung bekannt. Igerne! Bekannt vor allem aus der Artus-Sage. Aber meine Mikrotext-Verlegerin Nikola Richter mochte den Namen Igerne vehement nicht und so landete man bei Yvonne. Eigentlich verwunderlich – Igerne wäre doch der perfekte Name für die Iphone-Gerneration: Iphone, Ipod, Ipad, Igerne.
    Die durch wenig zu erklärende Abwehr der Ebook-Verlegerin Richter lud den Namen Yvonne anscheinend mit jener Kompromisshaftig und Verzagtheit auf, die sich mit der psychopathische Struktur derjenigen Yvonnes decken mag, die dir bekannt sind. Wenn man das mal weiterspinnt: Die Generation Ebook wird dann vermutlich die Namen Eberhard, Edward und Elena ablehnen. Traurig.

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