E-Book-Projekt „Über Morgen“: Vier Sci-Fi-Autoren erkunden für Intel die Technik der Zukunft

ueber-morgen-e-book-intel-scifiScience-Fiction-Stories im Auftrag von High-Tech-Unternehmen? Die Idee erinnert entfernt an eine Zeit, als PR-Abteilungen noch „Literarische Büros“ hießen. Doch Intel meint es ernst – das Projekt „Über Morgen“ nutzt Fakten und Fiktion, um Sci-Fi-Prototypen von Zukunfts-Anwendungen aus Bereichen wie Photonik oder intelligenter Sensorik zu entwerfen. Eine Sammlung futuristischen Fallstudien aus der Feder renommierter AutorInnen wie Scarlett Thomas oder Markus Heitz kann man nun kostenlos als E-Book lesen oder als Podcast anhören.

Science-Fiction als literarisches Designwerkzeug

Literatur ist eine Möglichkeitsform, ein Ort, um Dinge auszuprobieren. Nicht nur Boy-meets-Girl-Geschichten, sondern auch technische Visionen. Wenn ein High-Tech-Unternehmen wie Intel das Science-Fiction-Genre zur Exploration von Zukunftstechniken nutzt, ist das allerdings eher ungewöhnlich. Doch die jetzt als E-Book und Hörbuch erschienene Anthologie „Über Morgen“ verfolgt offenbar genau diesen Zweck – mal abgesehen vom PR-Effekt natürlich. Das Projekt begann mit einem Vortrag, den der Futurist & Intel-Mitarbeiter Brian David Johnson vor einigen Jahren auf einer Konferenz zum Thema „Intelligent Environment“ gehalten hat: „Darin schlug ich vor, dass wir Science Fiction als Designwerkzeug für die Entwicklung von Technologien und neuen Produkten nutzen könnten. Die Idee war, Science Fiction-Storys auf Basis wissenschaftlicher Fakten zu schreiben, um deren Auswirkungen auf Mensch und Kultur zu untersuchen“.

„Die Zukunft handelt von Menschen“

Aus dieser Konzept-Idee wurde schließlich ein 90-seitiges E-Book, mit Beiträgen von Zukunftsforscher Ray Hammond und den renommierten AutorInnen Douglas Rushkoff („Cyberpunk“), Scarlett Thomas („PopCo“ & „Troposphere“) & Markus Heitz. Letzterer ist deutschen Lesern etwa durch den Fantasy-Roman „Die Legenden der Albae“ bekannt. Im Vorwort schreibt Brian David Johnson zum Konzept von „Über Morgen“: „Alle vier Geschichten in dieser Sammlung beruhen auf Technologien, die wir derzeit in den Intel Labs entwickeln. Und was daran besonders bemerkenswert ist: Auch wenn es Science Fiction-Geschichten sind, sind es vor allem Geschichten über Menschen. Jede Geschichte vermittelt eine einzigartige Vision, ein greifbares Bild vom Leben in der Zukunft, doch jede schildert auch auf höchst anschauliche Weise die menschlichen Dramen der Zukunft.“

Photonik, Robotik, Telematik als konkrete Utopie

Die angewandte Methode – nämlich aus Fiktion und Fakten eine Art „Science-Fiction“-Prototypen eines Produkts zu entwickeln, hat aber nicht nur den Zweck, das geneigte Publikum zu unterhalten. „Über Morgen“ und ähnliche literarische Experimente soll Intel helfen, die Realisierung von Zukunftstechnologien zu erleichtern. Interessant sind die Stories aber auch im Hinblick auf die Gegenwart – man erfährt schließlich indirekt etwas über die Spannbreite aktueller Intel-Forschungsgebiete, wie etwa Photonik, Robotik, Telematik oder intelligenter Sensorik. Schon die Bezeichnungen klingen ja fast wie aus einem Roman von Stanislaw Lem gesprungen. Ob die körperliche Arbeit tatsächlich bald verschwindet, Verkehrsströme europaweit demnächst automatisch durch die Gegend gelenkt werden oder die SMS per Gedankenkraft bis zur Serienreife gelangt, ist natürlich eine ganz andere Frage. Allerdings ist ja ein via Internet verbreitetes Sci-Fi-E-Book im Auftrag des weltgrößten Halbleiter-Herstellers auch schon eine Art konkreter Utopie.

Veröffentlicht von

Ansgar Warner

Ansgar Warner arbeitet als freier Autor im Medienbüro Mitte (Berlin). Neben diversen Brotarbeiten für Presse & Rundfunk bloggt er hier rund um's Thema Elektronisches Lesen. Die spannende (Vor-)Geschichte der elektronischen Bücher erzählt Ansgar in "Vom Buch zum Byte". Praktische Infos für Autoren, Verleger & alle E-Reading-Interessierten vermittelt das "e-book & e-reader abc".