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E-Book ohne DRM, Preis nach Wunsch: Nachwuchs-Autor Ivo Victoria wagt das große Experiment

18 Dez 2009

ivo victoria e-book digitales wasserzeichen bestseller.jpgDer niederländische Autor Ivo Victoria wagt ein doppeltes Experiment: die E-Book-Version seines Debut-Romans kommt ohne Adobes DRM aus, und den Preis dürfen die Käufer selbst bestimmen. Voreingestellt ist im E-Store von Ebooks.nl der Preis von einem Euro. Damit „Wie ich niemals die Tour de France für Minderjährige gewann“ nicht über Download-Portale verbreitet wird, ist es mit einem Digitalen Wasserzeichen versehen. Von der gedruckten Version wurden in drei Monaten bereits 10.000 Exemplare verkauft.

„Von heute ab stelle ich mein Buch als E-Book ohne DRM zur Verfügung“


Ivo Victorias Debutroman hat einen langen Titel. „Wie ich niemals die Tour de France für Unter-Zwölfjährige gewann“ („Hoe ik nimmer de Ronde van Frankrijk voor min-twaalfjarigen won“), liest man auf dem Cover, und darunter sogar noch den Zusatz: „Und dass es mir leid tut“ („En dat het me spijt“). Manche mögen bereits das für einen Anfängerfehler halten. Doch das autobiografisch geprägte Buch, in dem Victoria seine 80-Jahre-Jugend im flandrischen Dorf Edegem beschreibt, verkauft sich prächtig. Vielleicht wird es einmal in einer Reihe stehen mit „Populärmusik aus Vittula“ von Mikael Niemi oder Rocko Schamonis „Dorfpunks“. Wer weiß – doch wenn es so kommt, dürfte das sehr viel mit zwei anderen vermeintlichen „Anfängerfehlern“ zu tun haben: Nachdem er von seinem Erstlingswerk in wenigen Monaten zehntausend gedruckte Exemplare verkaufen konnte, entschied sich der in Amsterdam lebende Autor zu einem radikalen Schritt: „Von heute an stelle ich mein Buch als E-Book zur Verfügung, und zwar exklusiv bei Ebook.nl, ohne DRM-Kopierschutz“, war am 17. Dezember in seinem Blog zu lesen. Doch nicht nur das: über den Preis sollen die Leser selbst entscheiden.

„Ha, Ivo Victoria, findest du etwa dass alles umsonst sein muss?“

Etwaige Bedenken nimmt der Nachwuchsautor auf seinem Blog gleich selbst vorweg:
– Ha, Ivo Victoria, findest du etwa, dass alles umsonst sein muss und dass die Leute das Buch einfach massenhaft kopieren und weitergeben sollen?
– Nee, finde ich nicht.
Nach dieser kurzen Klarstellung geht Victoria argumentativ in die Vollen: „Sollen E-Books massenhaft kopiert und weiterverbreitet werden, so wie das mit Musikfiles passiert? In den Niederlanden sind etwa 20.000 E-Reader im Umlauf, nach dem Weihnachtsgeschäft werden es noch viel mehr sein“, stellt er zunächst fest. Mit dem harten Kopierschutz komme man aber gerade nicht weiter: „DRM schränkt den Gebrauchswert und den Spaß am Lesen stark ein, es bevormundet und frustriert gerade die ehrlichen Leser, die bereit wären, für ein gutes Buch auch eine gute Summe zu bezahlen.“ Gesagt, getan. Auf der Produktseite von Ebook.nl kann man deswegen lesen: „Dies ist eine epub-Datei, die mit einem Wasserzeichen versehen wurde.“ Damit sei das E-Book auf allen Geräten lesbar, die epub-Dateien öffnen können, also etwa eReader, iPhones, Mac- oder Windows-Computer.“ Das ganze ist ein Experiment – bisher ist „Wie ich niemals…“ bei Ebook.nl das einzige Buch mit „sozialem“ Kopierschutz. Einzigartig ist aber auch die Bezahlfunktion: „Geben Sie so viel für das Buch, wie sie wollen – setzen Sie den Betrag ein“, werden die Käufer aufgefordert. Dann können sie per Mausklick zum „Winkelwagen“, also dem digitalen Einkaufswagen gehen und auschecken.

„Kauft mein Buch, teilt es mit anderen, wenn ihr es gut findet“

„So naiv das klingen mag – ich habe großes Vertrauen in die Leser“, so Ivo Victoria. „Kauft mein Buch, teilt es mit anderen, wenn ihr es gut findet. Ich glaube nicht das es einfach nur massenhaft kopiert wird, ich glaube aber, dass auf diese Weise mehr Menschen mit dem Werk in Kontakt kommen, und am Ende auch mehr Exemplare verkauft werden, ob nun in Papierform oder als E-Book. Die digitale Welt macht es eben einfacher, die Begeisterung über ein Produkt weiterzutragen.“ Ganz alleine steht Victoria mit seiner Initiative allerdings nicht – denn kostenlos oder fast kostenlos kann die Reichweite von digitalen Produkten enorm steigern. Wired-Chefredakteur Chris Anderson hat sein Buch „Free – the Future of a Radical Price“ mit einer kostenlosen Audiobuch-Version in kurzer Zeit auf die Bestseller-Liste der New York Times gebracht. Matt Mason lässt die Käufer der E-Book-Version von „The Pirates Dilemma“ bis heute selbst entscheiden, wieviel Geld sie ausgeben möchten. Die Print-Version verkauft sich derweil auch weiterhin phantastisch. Nun sind Anderson und Mason dem Lesepublikum ohnehin keine Unbekannten mehr. Ivo Victoria dagegen konnte sich mit dem Prinzip radikaler Offenheit sogar als bisher unbeschriebenes Blatt die Aufmerksamkeit der literarischen Öffentlichkeit sichern. Im Buch mag es um die nostalgische Rückschau eines Mittdreißigers auf verpasste Gelegenheiten gehen – doch in der Gegenwart weiß der Autor seine Chancen bestens zu nutzen.

(via ebook.nl)