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E-Book-Flatrates: ausgerechnet Piraten machen vor, wie’s geht

19 Mrz 2013 4 Kommentare

Das E-Book-Geschäft in Deutschland wächst weiter dreistellig – und knackte 2012 erstmals die 100 Millionen-Euro-Marke. Vom E-Lese-Boom profitieren allerdings nicht nur Verlage und Buchhändler, sondern auch E-Book-Piraten. Besser als jeder normale Wettbewerber es vermag, besetzen sie Nischen, die auf legale Weise bisher nicht ausgefüllt werden – der aktuelle Piraterie-Studie „Gutenberg 3.3“ zufolge stellen die digitalen Freibeuter sogar umfassende Flatrate auf die Beine, gegen Bezahlung, versteht sich. Als Beispiel führt der im Auftrag von Lisheennageeha Consulting Ltd. erstellte Report die Website booksonline an: „Für knapp 40€ im Monat hat man unbegrenzten Zugriff auf Hundertausende Ebooks, zumeist (sehr teure) Fachbücher. (…) Ideal ist dieses Angebot für Studenten und finanzschwache Bildungseinrichtungen oder einfach nur für User, die sich in kürzester Zeit eine eigene digitale Bibliothek zu bestimmten Fachthemen aufbauen wollen“.

„Frei von Werbung und schnell navigierbar“

Klingt fast schon nach einem Businessplan für ein legales Angebot – das es gerade für die von booksonline angebotene Fachliteratur in diesem Umfang jedoch noch nicht gibt. Die Aufzählung der Vorteile des Portals macht sehr schön deutlich, was die Buchbranche bisher versäumt hat:

– Der Shop ist komplett frei von Werbung und schnell navigierbar
– Die Performance (Bandbreite) der Downloads ist hoch
– Die Anzahl der parallelen Downloads ist nicht beschränkt (was sehr praktisch ist, wenn sich ganze Studenten-WGs einen Zugang teilen).

Außerdem sind die illegalen Flatrate-Fachbücher natürlich DRM-frei – und somit weitaus einfacher zu nutzen als offizielle Versionen.

Ein besonderes Problem ist aus Sicht des „Gutenberg 3.3“-Reports die Außenwirkung des Flatrate-Konzepts: „Vielen Nutzern, die womöglich Piraterie gar nicht unterstützen wollen, erscheinen diese Angebote legal, denn man zahlt ja dafür“, so die Autoren. Von einem ähnlichen Effekt profitiert offenbar die Plattform ebookoid – hier werden die Raubkopien en detail zu besonders niedrigen Schwellenpreisen (99 Cent etc.) verkauft, bezahlt wird mit virtuellen Währungen wie Bitcoins oder Webmoney, und ironischerweise mit Amazon-Giftcards. Das Einloggen läuft sehr komfortabel über Facebook.

Schaut die Buchbranche absichtlich weg?

Angesichts so kommerziell orientierter Flatrate-Piraten wundern sich die Autoren der Studie, dass die Buchbranche immer noch wegschaut: „Offenbar wollen oder können es die Rechteinhaber nicht zur Kenntnis nehmen, dass ihnen gerade jenes Geschäftsmodell, dass die Musikindustrie erfolgreich zur Rettung ihrer Umsätze einsetzt [d.h. Flatrate-Angebote], aus der Hand genommen wird. Bisher erfolgten keinerlei Maßnahmen, sei es nun durch eigene attraktive Angebote oder sei es durch Schließung dieser kriminellen Seiten.“

Gerade das Aufspüren und Sperren illegaler Angebote ist wohlgemerkt das Spezialgebiet der in Irland ansässigen Lisheennageeha Consulting – insofern darf man sich auch nicht wundern, dass auch in diesem Report die Bedrohung der Gutenberg-Galaxis wieder sehr dramatisch dargestellt wird. So werden etwa die Traffic-Daten von Portalen wie ebooks.de(ehm. Libri.de), pageplace oder libreka mit dem in Deutschland besonders beliebten Download-Portal boerse.bz verglichen: „Wie man unschwer erkennen kann, sind die Trafficwerte legaler Ebook-Angebote in Deutschland ein bis zwei Größenordnungen geringer als die der führenden Tauschplattform“, mahnen die Autoren.

Größtes Problem der Buchbranche bleibt Amazon

Nimmt man jedoch die Traffic-Werte von Thalia und Weltbild, ist der Abstand schon weitaus geringer. In den Schatten gestellt werden aber letztlich sämtliche deutschen Buchhandels-Plattformen ebenso wie sämtliche Piraten-Websites von Amazon.de, und das um den Faktor 50 bis 100 (!). Das ist wohl die eigentlich interessante Botschaft: das größte Problem der Branche stellt nicht die Piraterie dar, sondern Amazon. Mit dem Festhalten am DRM hat man dazu auch noch selbst beigetragen – denn gerade der Kopierschutz sorgt schließlich dafür, dass Amazon-Kunden nicht zurückgewonnen werden können.

Abb.: flickr/Timothy Valentine

4 Kommentare »

  • HerrGünni schrieb:

    Das allergrösste Problem ist und bleibt DRM und als wenn das nicht unter windows oder mac schon kompliziert genug wäre,wird man als Linux (Ubuntu) User gleich komplett ausgeschlossen.

    Wenn ich also,wie so oft ein Buch nur DRM geschützt finde,muss ich meinen Rechner mit Windows starten das Buch kaufen, dann von der Windowspartition irgendwie in Verwaltungssoftware (Calibre) auf die Linuxpartition bringen ,Ubuntu wieder hochfahren mit dem Reader syncronisieren und dann hoffen das es auch läuft…

    oder ich google einmal lade mir die .rar (illegal) runter entpacke,syncronisiere und lese dann.

    Ohne DRM könnte ich die Bücher direkt bei den Verlagen kaufen so das die Zwischenhändler wegfallen würden und somit mehr Geld bei den Verlagen bleiben würde.
    Ob die das allerdings jemals verstehen werden?

  • aviess schrieb:

    Nicht alles, was hinkt, ist ein Vergleich. Ich würde ja legale Flatrate-Angebote von Verlagsseite auch sehr begrüßen, aber bei booksonline von „fast einem Businessplan für ein legales Angebot“ zu sprechen, ist geradezu absurd.

    Wer sich auch nur ein kleines bißchen mit komplexen Fragen wie Lizensierungen auskennt, weiß, dass sich genau dort die wirklichen Probleme und Kosten eines solchen verlagsübergreifenden „sell all“-Ansatzes verbergen. Oder andersrum: Das Geschäftsmodell von booksonline ist deswegen so simpel, weil es all das weglässt, was es legal machen würde.

  • geheim schrieb:

    Die Trafficzahlenvergleiche hinken extrem – die Boerse bietet ja neben eBooks auch eine ganze Reihe anderer Dinge wie Spiele, Filme, Serien oder Apps an. Das mit Buchseiten zu vergleichen, ist methodisch falsch.

    Generell sehe ich wenn ich mit Leuten über eBooks rede eine große Skepsis gegenüber dem DRM und der Preisgestaltung. Die Leute wollen Bücher auch an Freunde verleihen und DRM blockiert das. Raubkopien schickt man problemlos per Mail rüber. Und die Preisgestaltung ist auch nicht zu vermitteln – die meisten erwarten halt, dass die wegfallende Buchhändlermarge und die fehlenden Druckkosten weitergegeben werden.

  • E-Book-Flatrates: ausgerechnet Piraten machen vor, wie’s geht - Netzpiloten.de schrieb:

    […] Dieser Beitrag ist zuerst erschienen auf e-book-news.com. […]