Home » E-Book-Handel, E-Book-Reader

Vom Tablet zur Konsole: Ist das E-Book der Zukunft nicht nur multimedial, sondern interaktiv?

26 Aug 2010

gamescom-e-book-der-zukunft-multimedial-interaktivDas wichtigste Experimentierfeld für das E-Book der Zukunft sind momentan Multimedia-Tablets. Vooks präsentieren sich dort als intelligente Kombination aus Buch und Video. Amazon testet audiovisuell aufgepeppte E-Book-Versionen für die Kindle-App. Wie die GamesCom in Köln gezeigt hat, bieten aber auch Spielekonsolen interessante Möglichkeiten, die Grenzen von elektronischer Literatur auszuloten. Der narrative Hintergrund von Videospielen wird immer komplexer, zugleich ermöglichen Sensoren wie Microsofts Kinect oder Sony Move den direkten Eingriff in die Handlung durch Gesten und Sprache.

Mehr als nur Multimedia: Das E-Book emanzipiert sich

Beim Thema E-Books denken viele Verlage recht eindimensional – nämlich an die digitale Kopie der Papierversion, und vielleicht noch an eine Hörbuch-Fassung. Auf dem iPad haben die Bilder in den Büchern allerdings längst laufen gelernt. E-Books konnten damit in kurzer Zeit zu den Seh- und Lesegewohnheiten der Webkultur aufschließen. Die wirklich spannende Frage bleibt natürlich, ob die mit Audio- und Videoelementen angereicherten E-Books sich noch weiter vom Print-Buch emanzipieren, etwa durch interaktive Elemente oder die Auflösung der linearen Erzählweise. Wird es vielleicht die multimediale Variante des Hypertext-Romans geben? Oder eher eine Mischung aus Buch und Video-Spiel? Aktuelle E-Book-Apps für das iPhone, wie etwa die interaktive Teen-Novel “Cathy’s Book” scheinen tatsächlich in diese Richtung zu weisen. Aus Richtung der Games-Branche wiederum haben sich etwa Point-and-Click-Adventures an traditionelle Techniken des Storytellings angenähert. Auf der diesjährigen GamesCom in Köln konnten aufmerksame Betrachter den nächsten Schritt der Konversion von Gamesbranche und Verlagsbranche erahnen.

Aktion & Narration: Auf dem Weg zum „Interactive Drama Video Game“

Aktuelle Programme für die Playstation 3 wie etwa das „interactive drama video game“ Heavy Rain haben bereits eine äußerst komplexe Handlung. Vorbild ist in diesem Fall ein Thriller im Stil des Film Noir – vier Protagonisten ermitteln im Verlauf des Plots in einem Kriminalfall, der um den „Origami Killer“ kreist, einer der in Hollywoods Drehbüchern so beliebten Serienmörder. Brandneue Steuerungstechnik eröffnet dem Anwender dabei auch völlig neue Möglichkeiten, in die Handlung einzugreifen. Im Falle von Sony wird das durch den „Move“-Adapter ermöglicht, einem drahtlosen Bewegungssensor („Motion Controller“) mit LED-Leuchte, dessen Lichtstrahlen von einer Kamera registriert werden, dem „PlayStation Eye“. Das ganze sieht ehrlich gesagt ein bisschen so aus wie eine TV-Fernsteuerung, auf die man eine Energiesparlampe geschraubt hat. Die spielerische Wirkung ist allerdings erstaunlich – Bewegungen im dreidimensionalen Raum können jetzt nahtlos in die Spielwirklichkeit übertragen werden. Man bewegt sich also tatsächlich als Person durch einen Plot. Die Konkurrenz von Microsoft, der Kinect-Adapter für die Xbox 360, erlaubt neben der Erkennung von Körpergesten zudem auch die Steuerung durch Sprachbefehle.

Der E-Book-Autor der Zukunft wird durch ein Team von Technikern und Medienkünstlern ergänzt

Momentan haben beide Ansätze noch einen gewissen Science-Fiction-Appeal, und es gibt bis dato kaum Spiele, die das Motion Controlling voll ausnutzen. Denkt man die neuen Interaktionsmöglichkeiten konsequent weiter, könnte sich so etwas wie der umgekehrte „Purple Rose of Cairo“-Effekt ergeben – wir werden zu Leinwandhelden, die mit Sprache und Bewegung in die Handlung eingreifen. Werden auch E-Books auf dieser Grundlage zu einer narrativen Spielwiese? Immerhin nannte ja bereits Musil den Roman eine Möglichkeitsform, und aus der einen Möglichkeit kann theoretisch auch eine Multiple Choice aus verschiedenen Parallelaktionen werden. Der technische Aufwand für interaktive E-Books nimmt dabei natürlich deutlich zu. Ähnlich dem Drehbuchschreiber oder dem Opern-Librettisten könnte der E-Book-Autor der Zukunft auf dem Weg zum fertigen Produkt somit durch ein Team von Technikern und Medienkünstlern ergänzt werden. In der Verlagsbranche scheint man sich schon die ersten Gedanken über neue Formen der Zusammenarbeit zu machen. So schreibt etwa Paul Rhodes, Digital Head des Verlags Walker Books, zum Thema Konvergenzpotentiale auf Futurebooks.net: „Es liegt ja auf der Hand: Die Verlagsindustrie kann der Gamesbranche in punkto Narration und Kreativität unter die Arme greifen, während wir von ihnen lernen können, wie man die neuen Technologien nutzt, um unsere Geschichten zu erzählen.“