Dutschke reloaded: Online-Medienarchiv soll Rolle der Springer-Presse im Umfeld von 1968 ins rechte Licht rücken

dutschke-reloaded-axel-springer-ag-online-medienarchiv68-pdfSpringer & 1968 – das bleibt eine explosive Mischung, auch wenn längst keine publizistischen Molotow-Cocktails mehr fliegen. Nach missglückten Versuchen, mit Zeitzeugen zu diskutieren setzt der Verlag nun auf Glasnost per Internet: über das gerade freigeschaltete Portal Medienarchiv68.de kann man in zeitgenössischen BILD, B.Z. oder Welt-Ausgaben blättern und sich selbst ein Urteil bilden.

„Wir haben genau gesehen, wer da geschossen hat…“

„Drei Kugeln auf Rudi Dutschke, ein blutiges Attentat. Wir haben genau gesehen, wer da geschossen hat“, klampfte Wolf Biermann 1968 nach dem Attentat auf den legendären Westberliner „Studentenführer“. Und wer hatte nun geschossen? „Die Kugel Nummer eins kam aus Springers Zeitungswald“. Mit seiner Analyse stand der Liedermacher damals nicht allein – unisono warfen die politisierten Studenten konservativen Konzern-Blättern wie Morgenpost, Welt, Bild und B.Z. die Manipulation der Öffentlichkeit vor. Gewaltsam versuchte man, die Auslieferung der Zeitungen zu verhindern, skandierte „Enteignet Springer“ und organisierte eine Mischung aus Hearing und Tribunal, um die publizistischen Auswüchse der kapitalistischen Monopolpresse öffentlich abzuurteilen. Das ist nun allerdings auch schon mehr als vierzig Jahre her – rund um das Axel Springer Haus an der, nun ja, Rudi-Dutschke-Straße, nur einen Steinwurf vom Gebäude der alternativen Tageszeitung taz entfernt ist Ruhe eingekehrt. Oder jedenfalls beinahe…

Im Medienarchiv schlummern rund 5.900 Beiträge, Kommentare, Leserbriefe, Reportagen, Glossen und Interviews

DokuGekämpft wird – wenn nicht um Straßennamen (Dutschke) oder Fassadenskulpturen (Diekmann) – um das eigene Bild in den Geschichtsbüchern. Dafür bemüht man bei Springer jetzt sogar das Internet: mit dem Online-Portal medienarchiv68.de will man laut Ankündigungstext „jedem den unkomplizierten Zugriff auf die Originalquellen ermöglichen, um sich selbst ein Bild zu machen“. Rund 5.900 Beiträge, Kommentare, Leserbriefe, Karikaturen, Reportagen, Glossen und Interviews aus der Zeit zwischen 1966 bis 1968 zeigen, wie die Konzernpresse damals über die studentische Protestbewegung berichtet hat. Gibt man Begriffe wie „Ohnesorg“, „Schah“ oder „Terror“ in die Suchmaske ein, wird man tatsächlich schnell fündig. Einzelne Artikel lassen sich als PDF herunterladen – es handelt sich dabei um eingescannte Original-Artikel. Volltextsuche ist nicht möglich, erfasst wurde nämlich neben den Überschriften nur eine „redaktionell bearbeitete Inhaltsangabe“. Einen kleinen Blick über den Tellerrand ermöglicht das Archiv übrigens auch: enthalten sind nämlich auch ausgewählte Artikel des Tagesspiegel als „eine repräsentative bürgerlich-liberale Stimme“ sowie des heute in Vergessenheit geratenen „Telegraf“ als ein „eher sozialdemokratisch orientiertes Berliner Blatt“.

Von „Stoppt den Terror der Jung-Roten jetzt“ bis „Millionen bangen um Dutschke“

Zu den ersten Testern gehörte Springer-Vorstandschef Döpfner. Der stellte in einem Editorial fest: „Wenn man genauer hinschaut, ergibt sich ein  differenziertes Bild. Die These, das Haus Axel Springer  sei eine zentral gelenkte Meinungsmaschine gewesen, welche  die Studentenbewegung verhindern wollte, bestätigt sich jedenfalls nicht.“ So habe es zwar die gerne zitierten Schlagzeilen gegeben wie „Stoppt den Terror der Jung-Roten jetzt“ oder „Wer Terror produziert, muss Härte in Kauf nehmen.“ Anderes sei jedoch in Vergessenheit geraten. Wer wisse zum Beispiel noch, dass BILD nach dem Attentat auf Rudi Dutschke titelte „Millionen bangen mit“? Tatsächlich finden sich sogar durchaus ausgewogene, ja verständnisvolle Artikel über die Lage der Studierenden. „Was ist faul an unseren Universitäten“, fragt da etwa die BamS Ende 1966, und kommt zum Schluss: „Politische Krawalle verschleiern die wirkliche Situation unserer Studierenden: Sie dürfen nicht länger die Sorgenkinder der Nation sein.“ Allgemein machte damals in Bezug auf das Bildungswesen übrigens das Wort vom „Entwicklungsland Bundesrepublik“ die Runde. Auf dem Höhepunkt der Proteste verschärft sich allerdings der Ton. Da bemühte man zeitlose Unworte wie „Terror“, und nicht nur in Leserbriefen, sondern auch in Kommentaren und Karrikaturen werden die „studentischen Horden“ mit der SA von 1933 verglichen. Der generationelle Kurzschluss war damals übrigens so allgegenwärtig, dass die Trefferzahl beim Suchwort „SA“ ungleich höher ist als bei „Terror“.

Die digitale Schnippsel-Sammlung könnte zur Versachlichung der Debatte beitragen: man weiß nun wieder, worüber man eigentlich spricht

Beendet wird der Streit um die historische Rolle der Springerpresse wohl auch mit dem Medienarchiv nicht – zumindest nicht unter den damals Beteiligten. Die Alt-68er werden den Alt-Anti-68ern u.a. auch weiterhin vorhalten können, dass sowohl der Ohnesorg- wie der Dutschke-Attentäter ihre nicht sehr klugen Köpfe schließlich gerne hinter die BILD-Zeitung steckten. Die Law-and-Order-Fraktion hat sich zwischenzeitlich sogar noch weiter aufmunitionieren können: waren es nicht am Ende Neo-Nazi-Netzwerke oder die Stasi, die den Finger mit am Abzug hatten? Verfolgen wird man diese Debatte auch in Zukunft dort, wo sie wohl auch hingehört: in den Feuilletons von Morgenpost, WELT und natürlich der taz. Doch immerhin dürfte die digitale Schnippsel-Sammlung zur weiteren Versachlichung der Debatte anregen – denn soweit muss man Springer-Chef Döpfner natürlich rechtgeben: man weiß in Zukunft wieder genauer, worüber man überhaupt spricht. Anders als früher wird man den Lesern von BILD, B.Z. oder Welt im Sinne von Wolf Biermanns „Drei Kugeln“ nicht mal hinterherrufen können: „Ihr habt dem Mann die Groschen / dafür auch noch bezahlt“. Trotz Blut und Tränen ist es nämlich nicht mehr das alte Lied: anders als früher ist zumindest in Springers Medienarchiv alles umsonst.

Veröffentlicht von

Ansgar Warner

Ansgar Warner arbeitet als freier Autor im Medienbüro Mitte (Berlin). Neben diversen Brotarbeiten für Presse & Rundfunk bloggt er hier rund um's Thema Elektronisches Lesen. Die spannende (Vor-)Geschichte der elektronischen Bücher erzählt Ansgar in "Vom Buch zum Byte". Praktische Infos für Autoren, Verleger & alle E-Reading-Interessierten vermittelt das "e-book & e-reader abc".