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DRM-freie Flatrate & Bitcoin-Zahlung: Liebe Buchhändler, kopiert endlich die Piraten!

28 Jan 2014 Ansgar Warner 9 Kommentare

Der Umbruch in der Warez-Szene geht weiter: nach dem Shutdown von boox.to Ende 2013 hat die bis dahin wichtigste deutsche E-Book-Piratenplattform offenbar unter der Adresse boox.bz ein neues Zuhause gefunden. Noch interessanter scheint momentan jedoch ein anderes Projekt zu sein, das bereits Mitte Dezember online ging: lul.to – was soviel wie “Lesen & Lauschen” bedeutet. Während viele E-Books wohl aus dem vor einigen Monaten geleakten “Torboox”-Archiv stammen, erklärt das nicht die erstaunliche Größe des Datenbestands, den die lul.to-Macher mit 3 Terabyte angeben. Die einfache Erklärung: zweites Standbein sind tatsächlich Audiobooks, die natürlich deutlich mehr Kilobytes auf die Waage bringen als E-Books. Dazu kommen dann noch zahlreiche E-Comics & E-Papers.

Optik & Marketing an Branchenstandards orientiert

Das Frontend von lul.to ist weitaus bunter und aufwändiger, als man es von Torboox kennt – die Coverbasierten Rankinglisten orientieren sich stark an den kommerziellen Buchportalen (“Neueste Einträge”, “Downloadrangliste”, “Unsere Empfehlungen”). Einen Sinn für Online-Marketing verrät auch der angegliederte “Corporate”-Blog, mit dem die Download-Community bei Laune gehalten wird, inklusive Gewinnspiele & Preisrätsel. Kern des lul.to-Konzeptes ist eine Art Flatrate mit Volumenbegrenzung, für einen Euro lassen sich ca. hundert Titel herunterladen. Das Angebot enthält neben 1-Cent-E-Books bzw. Audiobooks auch kostenlose Titel. Bei der Gewinnung von Neukunden orientieren sich die lul.to-Macher gleichfalls an Branchenstandards: Wer neue User wirbt, bekommt 10 Prozent der jeweiligen Ersteinzahlung gutgeschrieben.

Kopierwürdig: Kopplung von Flatrate & Bitcoins

Besonders bemerkenswert finde ich aber: Nicht nur mit der flexiblen Flatrate sind die Buchpiraten von lul.to dem legalen Zweig der Buchbranche weit voraus, mit der Kopplung an fortschrittliche Zahlungsoptionen setzen sie ebenfalls neue Maßstäbe: neben “Paysafecards” werden nämlich ganz selbstverständlich auch Bitcoins akzeptiert. Für die deutsche Buchbranche ist die Bezahlung mit der hippen Kryptowährung ein absolutes Novum – und macht mehrfach Sinn. So entfallen nicht nur Transaktionsgebühren, die Bezahlung verläuft zudem praktisch anonym, fast wie mit Bargeld, und Mißbrauch (etwa wie im Fall von Kreditkarten-Daten) ist ausgeschlossen. So bieten ausgerechnet die Buchpiraten aus Kundensicht das datenschutztechnische Optimum: DRM-freie E-Books plus anonymen Einkauf. Da kann man nur sagen: Liebe Buchhändler, kopiert endlich die Buchpiraten! In der Post-Snowden-Ära dürfen potentielle NSA-Kollaborateure wie Adobe oder PayPal im Buchhandel nichts mehr zu suchen haben.

9 Kommentare »

  • Lysander von LuL.to schrieb:

    Echte Sachkenntnis und journalistische Objektivität zeichnen Ihren Artikel aus lieber Herr Warner. Und ein kleiner Schalk sitzt da doch auch auf Ihrer Schulter, wenn Sie die Buchhändler zum (raub?)kopieren unseres kunden- und serviceorientierten Konzeptes aufrufen…!

    Wobei ich persönlich nicht glaube, daß der (stationäre) Buchhandel die “Kurve” noch kriegt. LuL.to glaubt ja mehr an und hofft auf die (kleinen innovativen) Verlage. Und an visionäre Autoren. Eine handvoll hat sich schon an uns gewandt. Die denken, es ist besser auf einer Piratenplattform billig angeboten (und dann auch wirklich geladen und gelesen) als von Amazon ausgebeutet zu werden…

    Gestatten Sie mir, noch einen Hinweis zu Ihrem Artikel: Unser Datenbestand ist in der Tat größer als beim untergegangenen boox.to, das liegt aber nicht nur an den a-books (Audio/Hörbücher und Hörspiele) sondern auch an den e-papers und e-comics die wir in großer Zahl anbieten (die brauchen auch viel mehr Platz als e-books).

    Wir sind gerne bereit LuL.to-Testgutscheine für die Buchhändler auszugeben. Dann können die kostenlos testen, ob das Konzept LuL.to für sie geeignet ist!

    Danke für Ihre faire Berichterstattung
    und piratische, darum freundliche Grüße von
    Lysander im Namen des gesamten LuL.to-Team

  • Ansgar Warner (author) schrieb:

    Naja, Ironie hin oder her, was Flatrates, Abkehr von DRM und anonyme Zahlungsoptionen à la Bitcoin betrift, hoffe ich auch weiterhin auf “Copycats” im Buchhandel, zumindest bei den unabhängigen Buchhändlern. Weltbild oder Thalia werden sicherlich (so lange sie noch am Markt sind) vormachen, wie man’s besser nicht macht. Aber kleinere Player – z.B. Ocelot – könnten ja z.B. sehr leicht Bitcoin-Zahlungen unterstützen, in dem sie das Bitpay-Plugin implementieren. Der Arbeitsaufwand ist nicht größer als bei der Implementierung von PayPal…

  • Mäxchen schrieb:

    Super Artikel und beste Werbung, endlich mal ein gelungener Beitrag.

    Fakt ist: lul.to ist von allen Piratenseiten die mit Abstand kriminellste, sie klauen sich alles zusammen, was sowieso schon im Netz rumfliegt und pappen einen Preis dran, der deutlichst unter den tatsächlichen liegt.

    Wie bitte schön sollen Buchhändler das kopieren können? Sollen sie den gleichen hoch kriminellen Weg gehen, vorbei an jeder Wertschöpfungskette und erst Recht vorbei an den Kreativen?

    Da liest sich der Kommentar des Machers noch viel unverschämter, welcher Autor möchte sich mit 10ct pro Buch abspeisen lassen? Amazon beutet Selfpublisher aus? Bei bis zu 70% Erlös vom Verkaufspreis ist von Ausbeutung wohl keine Rede. Abgesehen davon glaub ich von der Nummer kein Wort.

    Das Einzige, was sich die gesamte Buchbranche angewöhnen sollte ist, endlich mal auf den Kunden zu hören, und ja, dazu gehören auch andere Zahlungsmöglichkeiten.

    Das ändert aber nichts daran, dass ein Ebook aber natürlich teurer bei einem Händler ist, als ein von lul.to geklautes.

  • Christoph Kaufmann schrieb:

    Es gibt durchaus legale Alternativen. Auf beam-ebooks.de verkaufen wir schon seit fast 10 Jahren DRM-freie eBooks und unsere Leser sind recht zufrieden damit soweit ich weiß.

    Paysafecard hatte wir auch als Zahlungsmöglichkeit. Die verlangen aber unverschämte Gebühren (damals ca 15%)
    Bitcoin hatte ich auch schon überlegt einzuführen. Bin aber nicht so sicher wie sich das mit der Buchpreisbindung verträgt.

    Da haben es die Illegalen Anbiete natürlich viel leichter. Trotzdem ein recht fragwürdiges Vorbild. Es wäre vielleicht sinnvoller die legalen Anbieten zu unterstützen, die sich um kundenfreundliche Lösungen bemühen.

  • Ansgar Warner (author) schrieb:

    Kopieren könnten die Buchbranche eine ganze Menge. Flatrates (inklusive niedrigerer E-Book-Preise) etwa sind ja auch auf legalem Wege möglich, und existieren z.T. schon, nur nicht so umfangreich wie bei den Piratenplattformen, die natürlich auch nicht mit den Verlagen verhandeln müssen.

    Und die Privatsphäre der Nutzer muss man in Zukunft besser schützen, etwa mit anonymen Bezahlmethoden (schließlich kann man gedruckte Bücher auch anonym bezahlen) und Verzicht auf DRM, das ja nicht nur umständlich ist, sondern sehr individuelle Datensammlungen auf Adobes bzw. Amazons Servern entstehen lässt.

    Früher wurden private Bücherregale nur von der Stasi fotografiert. Warum müssen jetzt irgendwo in den USA Abbilder meiner E-Bibliothek herumliegen? Für die US-Staatssicherheit? Nur damit sich ein paar digitale Immigranten in Verlagsstuben besser fühlen? Aber ohne dass sich sonst irgendwas ändert?

  • Nucknuck schrieb:

    Mir missfällt auch, das dieser Artikel LUL mehr Aufmerksamkeit bringt aber die Aussagen von Herrn Warner werden dadurch nicht unrichtiger.
    Denn Kopf in den Sand stecken bringt auch keine Verbesserung.
    TB hat gezeigt, das ein anonymes Buchshop-Modell erfolgreich sein kann (und auch war).
    Ich vermute mal bei 9,99 – 12,99 €/Monat sagen wir mal 8 – 10 Bücher zum Download, ohne DRM (also weitergebbar in der Familie und kein Stress mit ADE .)), das ganze zahlbar mit PSC`s oder ähnlichen (ohne feste Vertragslaufzeit)und Anmeldung mit Pseudonym würde ein voller Erfolg werden (und der Albtraum der niedergelassenen Buchhändler, aber die haben auch Chancen zu überleben).

  • Andreas schrieb:

    Übers Wochenende haben wir mal wieder ein eBook veröffentlicht. Preis der gedruckten Ausgabe: 15,95 € – Preis fürs eBook 9,95 €. Wir denken das ist extrem fair. Keine DRM Beschränkungen um den ehrlichen Kunden zu gängeln oder sonstige Einschränkungen. Am Montag ist es über den Distributor veröffentlicht worden. Am gleichen Tag taucht es bei lul.to auf, für 10 Cent…
    Was sind die Folgen? Nun, wir werden Strafanzeige erstellen, auch wegen weiteren Büchern die auf dieser Plattform illegal veröffentlicht wurden. Aber wenn da nix weiter passiert – dann werden wir als erstes DRM einführen müssen. Der ist bekanntermaßen extrem leicht auszuhebeln – also werden wir irgendwann keine eBooks mehr veröffentlichen, gehen die Umsätze zu stark zurück – dann wohl gar keine Bücher mehr…
    Dann können all die Konsumenten von Raubkopien sich ihre Bücher ja selber schreiben.
    Ja, da ist extrem viel Frust dabei. Aber als kleiner Verlag, der in gedruckten Auflagen von 1.000 Stk. rechnet ist so ein Verhalten mehr als nur geschäftsschädigend, es ist der Untergang. Nicht mehr und nicht weniger.

  • Andreas schrieb:

    Noch eine Kleinigkeit zur Preisbildung:

    Wir haben eine Angestellte -> ~2.500 € Kosten im Monat
    Wir haben ein Büro -> 700 € im Monat
    Die Autorin, von erwähntem Buch, hat auch eine Familie mit 2 Kindern…
    Wir selber, kleine Familie, müssen auch von etwas leben…

    Ein eBook im VK von 9,95 €:
    davon bekommen wir nach Verkauf 5,97 € (und das ist mehr wie viele andere Verlage, die meisten bekommen 5,47 € oder weniger)

    Und jetzt mal ausrechnen wie viele Bücher verkauft werden müssen, nur damit es eine Nullnummer wird… nur mit den genannten Zahlen…

    Irgendwelche Nebenkosten, wie die Erstellung des eBooks, Lektorat, Strom, Telefon, Marketing etc. sind da noch gar nicht erwähnt…

    Nein, lul.to und co sind keine sinnigen Beispiele. Genauso wenig wie eine Flatrate. Das funktioniert im Musikbereich schon eher schlecht wie Recht (fragt mal Musiker wie viel die verdienen, bei sagen wir mal 5.000 mal angehört in einem Flatrate-Modell). Und dann hört man Musik andauernd, nebenbei. Ein Buch liest man aber nicht andauernd und immer wieder, sprich es wird extremst seltener konsumiert, selbst ein Bestseller nicht. Und bei 1-2 Euro für ein Buch, sorry Leute, aber das ist zu wenig. Das geht vielleicht bei Selbstverlegern in Genres die extrem oft gelesen werden, Liebesromane, Erotikromane, Krimis (wobei selbst da habe ich meine Bedenken). Aber genau diese Bereich finanzieren die anderen Bereiche. Und wenn die keinen Überschuss mehr einbringen, dann können die anderen Bücher nicht mehr hergestellt werden.
    Natürlich macht man extrem viel aus Leidenschaft – aber am Tag 10-12 Stunden arbeiten und nicht von Leben können, das kann es auch nicht sein. Vor allem dann nicht, wenn es nicht am unternehmerischen Risiko liegt, sondern daran das einfach nicht genug Geld reinkommen kann, weil es selbst für Erfolgsbücher kaum mehr etwas gibt. Und es hat schon seinen Grund, warum immer mehr Verlage kaputt gehen oder Bereiche schließen…

  • Dragoon schrieb:

    Ich hätte da mal eine Frage zu boox.bz: wie kann ich dort meinen Account wieder löschen lassen?