Home » E-Book-Handel

„DRM fesselt E-Books. Die Blockchain ‚führt‘ E-Books, so wie in ‚Buchführung'“ — Alexander Weinmann (lyrx Books) im Interview

29 Feb 2016 3 Kommentare

blockchain-technologie-fuer-die-buchbrancheE-Books verleihen, gebraucht verkaufen, oder seitenweise vermarkten — und das alles ohne DRM-Overkill? Die von der virtuellen Bitcoin-Währung her bekannte Blockchain verspricht eine Peer-to-Peer-Alternative für den Handel mit elektronischen Büchern, ohne teure Infrastruktur, ohne zentrale Instanz. Was noch ein bisschen nach Science-Fiction klingt, hat aber schon fast die Praxisphase erreicht: das Schweizer Startup „lyrx Books“ stellt sich als erstes Unternehmen im deutschsprachigen Raum als Blockchain-Spezialist für die Buchbranche auf. Gegründet wurde lyrx von Diplom-Mathematiker & Softwareentwickler Alexander Weinmann und Wirtschaftsinformatiker Josia Sackmann — wir sprachen mit Alexander Weinmann über die Unterschiede zwischen Blockchain-Technologie und klassischem DRM, das Potential an Benutzerfreundlichkeit und wollten nicht zuletzt wissen: kommen mit der Blockchain auch Bitcoins als Zahlungsmittel für E-Books?

E-Book-News: Bisher konnte man ja schlecht für den Weiterverkauf von „gebrauchten“ E-Books argumentieren, wenn man gleichzeitig gegen DRM war — die Blockchain-Technologie scheint diesen gordischen Knoten nun zu durchschlagen. Wie schafft sie das?

Alexander Weinmann: Indem Sie das Urheberrecht und das Eigentumsrecht (und den Verkauf) anders regelt, als bei harter DRM. Im Internet geht es auf technischer Ebene beim Handel immer um Verschlüsselung, also um Kryptographie. Genau wie bei DRM ist auch in der Blockchain die Kryptographie das entscheidende Werkzeug. Allerdings setzt die Blockchain Kryptographie auf eine viel elegantere und flexiblere Weise ein, als das mit DRM je denkbar wäre. DRM behindert Handel. Die Blockchain ermöglicht Handel, damit auch Weiterverkauf. Kurz zurück zur harten DRM: Hier wird das eBook immer verschlüsselt. Die Entschlüsselung ist nur mit einem bestimmten Lesegerät oder einer bestimmten Software möglich, und an einen Leser gebunden. Entschlüsseln kann der Leser nicht frei, wie ihm das gefällt. Er hat nicht das Recht dazu. Das Buch gehört ihm nicht. Er kann nicht darüber verfügen.

In der Blockchain ist das ganz anders: Eine Transaktion in der Blockchain überträgt ein Lese- oder Besitzrecht für ein Buch von einem Leser/Besitzer zu einem anderen. Die Blockchain ist ja nichts anderes als eine Liste solcher Transaktionen, unabhängig von einer Firma oder einer Institution. Deshalb ist so beweisbar, wer das Urheberrecht an einem Buch hat, wer das Leserecht oder ein beliebigtes anderes Recht besitzt, sobald das Buch in einer solchen Transaktion enthalten ist.

Die Weitergabe des entschlüsselen E-Books lässt sich auf diese Weise aber nicht verhindern?

Nein, das geht nicht. Diebstahl wird es immer geben. Was sich aber ändert durch die Blockchain, ist folgendes: Für jedes einzelne eBook auf der Welt kann verifiziert werden, wer welche Rechte darauf hat: Urheber, Verleger, Leser, Entleiher, was auch immer. Das ist möglich, sobald das eBook über Blockchain-Transaktionen geführt wird, und es ist eben unabhängig von einem Verlag oder einem eBook-Shop möglich.
Wie soll das funktionieren, wenn das eBook nicht notwendig verschlüsselt ist? — Wiederum über Kryptographie! Jede Datei lässt sich mit einer kryptographische Prüfsumme eindeutig kennzeichen (Hash, oder beim eBook erfüllt ein Wasserzeichen den selben Zweck) . Diese Prüfsumme wiederum kann kryptographisch signiert werden, was nichts anderes bedeutet, als dass Sie einem Eigentümer/Urheber oder Leser zugeordnet wird. Sobald diese signierte Prüfsumme nun Teil einer Blockchain-Transaktion ist, wird das eBook handelbar, wie ein physisches Gut. Spätestens jetzt wird klar, dass die Details kompliziert sind. Aber die Details sind für den normalen Leser unwichtig! Er wird den Unterschied merken, wenn es umgesetzt ist, wenn es die Handelsplatform tatsächlich gibt, und wenn er seine erste echte eigene digitale Bibliothek aufbauen kann.

Kunden möchten ihre E-Books auf möglichst vielen Endgeräten lesen
können, Backups machen, vielleicht auch den Titel in der Familie oder
unter Freunden weitergeben. Ist das konkrete Handling einer E-Book-Datei
beim Einsatz der Blockchain-Technologie so flexibel wie z.B. bei E-Books
mit digitalem Wasserzeichen?

Ganz klar ja! Blockchain-Technologie ermöglicht nur den Handel von eBooks. Weder
werden die eBook-Dateien selbst in der Blockchain abgelegt, noch über die Blockchain verteilt. Dafür ist die Blockchain nämlich nicht geeignet. Das Herunterladen muss also nach wie vor über den Server eines Shops erfolgen. Der Shop kann nach wie vor DRM einsetzen, auch Wasserzeichen, wenn er möchte. Die Gründe, das zu tun, sind aber deutlich weniger, denn der Shop kann nun über die Blockchain seinen Kunden authentifizieren, und kann im Prinzip sogar jedes einzelne Buch tracken.
Sobald jemand ein bestimmtes eBook auf der Festplatte hat, muss es in der Blockchain eine Transaktion geben, die ihm und dem Buch zuzuordnen sind. Sonst hat er eine illegale Kopie. Das Handling aber, die Verteilung, die Abspeicherung, die Nutzung von Lesegeräten, all das bleibt davon (zunächst) unberührt. Was die Weitergabe eines Buchs an Freunde oder an die Familie angeht:
Dahinter steckt letztlich die Frage, welches Recht ein Leser an einem eBook erworben hat. Wenn er das Recht hat, das Buch an Freunde weiter zugeben, ohne eine dazugehörige Transaktion in der Blockchain erfassen zu müssen, dann ist das eben so. Jede Buchhaltung hat ihre Grenzen, und die Blockchain ist letztlich auch nur eine Buchhaltung.

Schon jetzt gibt es verschiedene E-Book-Formate wie auch verschiedene Kopierschutz-Standards, was viele Kunden verwirrt und verärgert. Wenn man zukünftig den Verleih oder Verkauf von E-Books via Blockchain organisiert — wie lässt sich verhindern, dass es am Ende dann zwei und mehr Blockchains gibt, so wie es jetzt ja auch schon verschiedene Krypto-Währungen nebeneinander existieren?

Das wird sich kaum verhindern lassen, und die Frage, ob es passieren wird, ist auch völlig offen. Natürlich wird das in der Szene momentan heiss diskutiert. Viele sind unzufrieden mit der bereits stattfindenden Zersplitterung. Es gibt ständig neue Projekte mit völlig neuen Ansätzen.
So wird zum Beispiel bei Ethereum ein Ansatz verfolgt, der über »smart contracts« alles noch einmal auf ein weitaus abstrakteres Niveau hebt.
Auch IBM und Microsoft brauen gerade ihr eigenes Süppchen. Auf diesem Gebiet ist momentan unglaublich viel Kreativität und Intelligenz am Werk. Ich bin immer wieder erstaunt, wenn ich entsprechende Meetings und Veranstaltungen besuche, wie vielen ausserordentlich klugen Menschen ich dort begegne. Das ganze Gebiet
arbeitet wie ein grosser Thinktank. Konkurrenz und unterschiedliche Ansichten bereichern das zusätzlich. Deshalb kann das Ergebnis gar nicht einheitlich sein.
Am Ende aber ist Blockchain eine Basistechnologie. Es wird bestimmt möglich sein, verschiedene technologische Grundlagen vor dem Endbenutzer zu verbergen, indem es einheitliche Benutzerschnittstellen gibt. Was auch immer geschehen wird, es wird bestimmt viel besser sein, als das, was wir momentan haben.

Als direktes Bezahlverfahren haben sich Bitcoins & Co. bisher weder im
Online-Handel allgemein noch in der Buchbranche durchsetzen können.
Inwieweit könnte die Nutzung von Blockchain-Technologien im Buchhandel
zugleich auch die Akzeptanz für Krypto-Währungen verbessern?

Ganz klares Nein. Ob Kryptowährungen sich durchsetzen oder nicht, das wird bestimmt nicht vom Buchhandel abhängen. Es wird vor allem davon abhängen, in wie weit sich Kryptowährungen im Bankenbereich durchsetzen. Ausserdem sind Währungen immer vom Staat reguliert. Vielleicht wird es eines Tages spannend werden, wenn der Euro in eine richtig tiefe Krise gerät. Wenn den klassischen Währungen nicht mehr vertraut wird, was geschieht dann mit den Kryptowährungen?
Natürlich bietet es sich an, eBooks, die in der Blockchain gehandelt werden, über Kryptowährungen zu bezahlen, da diese ja ebenfalls über die Blockchain laufen. Es ist aber nicht zwingend notwendig. Wie genau das aussehen soll und wird, das will ich gerade heraus finden. Es wird darauf ankommen, was die Shops und Verlage wollen, wo sie der Schuh drückt, und wo konkret Kryptowährungen da helfen können. Wir von der lyrx GmbH suchen Ansprechpartner aus der Branche, die uns genau das sagen können.

Abb.: Namecoin/Flickr (cc-0/gemeinfrei)

3 Kommentare »

  • Joseph schrieb:

    Au weia! Ich hab ne Weile gebraucht, bis ich verstanden habe, was Herr Weinmann da zum Besten gibt. Aber ja doch, er hat Recht, es könnte gehen. Das ist doch ähnlich wie in der Musikbrache, oder nicht? DRM ist tot, toter könnte sie doch nicht sein. Und wenn das jetzt mehr ist, als nur eine Blase, diese Blockchain, dann können wir ja bald unsere eBooks quasi bei uns zuhause ins Regal stellen. Super Sache, Gratulation Herr Weinmann.

  • Leser schrieb:

    Blöd ist bloß das das Problem Ereader geklaut > Books tauchen im Inet auf > Abmahnung an mich als eingetragener Besitzer nicht gelöst ist.

  • Joseph schrieb:

    Das stimmt so nicht, was „Leser“ schreibt.

    Einmal können über die Blockchain Bücher in Prinzip Bücher ja auch anonym gekauft werden, und trotzdem geschützt. Die eigene Blockchain-Adresse reicht aus, um das Buch legal herunterzuladen.

    Ausserdem kann man Bücher so auch schützen, wenn sie gar kein Wasserzeichen enthalten. In dem Fall wäre die Datei selbst ohne jeden Kopierschutz, aber der kryptografische Schlüssel (Hash) der Dateil wäre in der Blockchain registriert. Im Fall des gestohlenen Readers wäre dann überprüfbar, dass der neue „Besitzer“ des Readers das eBook nicht legal besitzt, aber es wäre dann natürlich nicht nachzuprüfen, woher das eBook kommt, wer es also ursprünglich legal heruntergeladen hat.