DRM-frei als politisches Statement: Marina Weisband veröffentlicht E-Book ohne Kopierschutz

Marina Weisband hat zwar zwecks Studienabschluss ihren Job als Bundesgeschäftsführerin der Piratenpartei aufgegeben, populär ist sie aber immer noch. Nur so lässt sich wohl der Nachrichtenwert einer kurzen Meldung erklären: die 25jährige Psychologie-Studentin will im März 2013 ein Buch veröffentlichen, dessen E-Book-Version keinen Kopierschutz enthalten soll. Mehr ist im Moment nicht bekannt – weder der Inhalt noch der Titel. Trotzdem schaffte es die Nachricht in den aktuellen Spiegel sowie als Vorankündigung zu SPOL, und von da aus auch in die Schlagzeilen zahlreicher Online-Gazetten. Laut Spiegel soll „jeder Käufer das Buch im Internet unbeschränkt weiterverbreiten dürfen, etwa auf Plattformen wie Dropbox“. Dafür habe Weisband auf einen Teil des Vorschusses verzichtet. Stimmt gar nicht, wurde SPOL prompt von der Süddeutschen entgegnet: Verzicht auf DRM bedeute doch wohl nur, dass der Konsument „entkriminalisiert“ werde, wenn er das E-Book auf verschiedenen Geräten lesen möchte.

„Bücher? WTF?“

Für genügend kostenlose Publicity dürfte nun auf jeden Fall gesorgt sein. Doch warum wird hier zur Nachricht, was vielerorts bereits praktiziert wird? Und zwar nicht nur von Bestseller-Autorinnen wie J K Rowling, sondern auch von virtuellen Vitalienbrüdern: Bereits im Sommer 2012 erschien der DRM-freie Piraten-Bestseller „Das Betriebssystem erneuern. Alles über die Piratenpartei“, darin u.a. ein Aufsatz von Marina Weisband. Ein medialer Scoop wurde allerdings nicht daraus – was wohl auch etwas mit der medialen Ausrichtung der aktuellen Copyright-Debatte zu tun hat. Bücher? WTF? Für die Cyberfreibeuter mag zwar die Reform des Urheberrechts zu den besonders dringlichen Topics gehören. Doch der Kalte Krieg zwischen Unterhaltungsindustrie und Filesharing-Bewegung – wichtiger Grund für die Politisierung der Nerds – drehte sich bisher eher um Musikfiles oder gerippte DVD-Blockbuster. Insofern dürfte der neueste Twist auch für viele Piraten überraschend sein. Plötzlich geht es nicht um das zukünftige Betriebssytem der Liquid Democracy, sondern um das in den Scharnieren quietschende Zunftsystem der 500 Jahre alten Gutenberg-Galaxis!

Von „Klick mich“ über Dropbox zum Shitstorm

Den Anfang machte letzte Woche „Klick Mich“, das brandneue Bekenntnis-Buch von Julia Schramm, Piraten-Politikerin aus NRW. Die selbsternannte „Internet-Exhibitionistin“ zählt sich zur Generation, die „aus dem Internet kommt“, dort, wo man alles sein kann, vom Mafiaboss über Barbie bis zum kleinen grünen Krokodil, und gibt zu: „Am Computer bin ich Gott“. Gegenüber einem Verlag ist aber selbst Gott nur Urheber, und muss sich normalerweise den Gepflogenheiten der Branche beugen. Es gibt zwar einen Vorschuss (in diesem Fall angeblich 100.000 Euro) und anschließend Tantiemen, aber nach Vertragsabschluss (in diesem Fall mit Knaus Verlag/Random House) sind die Verwertungsrechte futsch – inklusive der Marketing-Konditionen. Als die eigentlich DRM-geschützte E-Book-Version von „Klick mich“ plötzlich frei im Netz zirkulierte, griff der Verlag zu Rechtsmitteln, und ließ die betreffenden Dateien löschen. Julia Schramm verwies zwar darauf, es habe keine klassischen Abmahnungen mit Kostennote gegeben. Doch der „Shitstorm“ gegenüber der erklärten Gegnerin geistigen Eigentums (übrigens nicht: des Urheberrechts) war bereits in vollem Gange.

Kein Kopierschutz heißt nicht kostenlos!

So erklärt sich wohl auch der plötzliche Hype um das bisher noch namenlose Buchprojekt von Marina Weisband – bot sich doch an, die angebliche E-Book-Umverteilerin der (laut BILD) „Gier-Piratin“ Schramm gegenüberzustellen. Eine Grundlage für diese Seifenoper gibt es aber nicht. Denn auf ihrem Blog „Marinas Lied“ stellte Weisband noch einmal unmissverständlich klar: „Ohne Kopierschutz heißt nicht, dass es kostenlos sein wird. Es bedeutet lediglich, dass das gekaufte Ebook nicht kopiergeschützt ist.“ Selbst das sei gar nicht so einfach zu erreichen gewesen: „Ich habe zwar allen Verlagen, mit denen ich telefoniert habe, angeboten, dafür auf einen Teil Vorschuss zu verzichten. Es hieß aber oft, dass das nicht machbar sei. Erst nach langer Suche wurde ich mit etwas Glück fündig, weil der Tropen-Verlag einfach cool genug war, sich darauf einzulassen.“ Bleibt natürlich die Frage, warum Weisband ihre Online- wie Offline-Populärität nicht genutzt hat, um auf Self-Publishing zu setzen. Ging es am Ende ganz einfach um Waffengleichheit mit prominenten Berufspolitikern, bei denen üppige Verlagsvorschüsse zu beliebten Einnahmequellen zählen? Der Titel von Weisbands Aufsatz im Piraten-Sampler aus dem Sommer 2012 lautet jedenfalls schon mal: „Auf Wiedersehen im Bundestag“.

Abb.: bastianhaas/Flickr

Veröffentlicht von

Ansgar Warner

Ansgar Warner arbeitet als freier Autor im Medienbüro Mitte (Berlin). Neben diversen Brotarbeiten für Presse & Rundfunk bloggt er hier rund um's Thema Elektronisches Lesen. Die spannende (Vor-)Geschichte der elektronischen Bücher erzählt Ansgar in "Vom Buch zum Byte". Praktische Infos für Autoren, Verleger & alle E-Reading-Interessierten vermittelt das "e-book & e-reader abc".

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