[e-book-review] „Drei starke Frauen“: Marie NDiayes Roman über das Leben und Leiden zwischen Afrika & Europa

drei-starke-frauen-ndiaye-marie-e-bookSpätestens seit Marie NDiaye 2009 den Prix Goncourt gewann, war die französische Autorin auch in Deutschland keine Unbekannte mehr. Mittlerweile ist ihr preisgekrönter Roman „Drei starke Frauen“ bei Suhrkamp auf deutsch erschienen – und auch als E-Book zu haben. Drei locker zusammenhängende Biographien zwischen dem Senegal und Frankreich werden darin erzählt, oder besser gesagt: drei Lebenstragödien, die sich vor und hinter dem Grenzzaun abspielen, der Afrika von der Festung Europa trennt, und dessen Existenz so gerne verdrängt wird. Nicht nur deswegen ein E-Book, das man lesen muss, findet unsere Rezensentin Heide Reinhäckel.

Vom literarischen Frühstart zum Prix Goncourt

Marie NDiayes Roman „Drei starke Frauen“ (frz.: Trois femmes puissantes) berauscht und verstört zugleich. Berauschend ist seine sprachliche Eleganz, die Akkuratesse und Verdichtung, mit der ein Halbsatz eine Lebenstragödie entrollen kann. Verstörend ist Drei starke Frauen aber zugleich auch durch die Bitterkeit der erzählten Lebensgeschichten von drei Frauen zwischen Europa und Afrika. Die französische Autorin mit senegalesischem Vater steht in Frankreich schon seit den Achtziger Jahren im Rampenlicht. Mit 18 veröffentlicht sie ihren ersten Roman im berühmten Pariser Verlag Edition de Minuit. Lernt durch einen begeisterten Leserbrief ihren späteren Mann, den Schriftsteller Jean-Yves Cendrey kennen, verfasst zahlreiche Romane, Drehbücher und Theatertexte. Sie erhält für Drei starke Frauen 2009 mit dem Prix Goncourt den höchsten französischen Literaturpreis. Das reale Preisgeld beträgt nur zehn Euro, doch das symbolische Kapital akkumuliert sich erheblich. In diesem Jahr erhielt die 43jährige Autorin zusammen mit der Übersetzerin Claudia Kalscheuer für die deutsche Übersetzung den vom Berliner Haus der Kulturen ausgelobten Internationalen Literaturpreis. Die Anreise zur Entgegenahme des Preises konnte Ndiaye sich sparen: seit 2007 lebt sie aus Protest gegen Nicolas Sarkozys Politik mit ihrem Ehemann und drei Kindern in der deutschen Hauptstadt.

Das Herz der Finsternis

Drei starke Frauen ist NDiayes erstes Buch, das sich literarisch mit dem Heimatland ihres Vaters auseinandersetzt. Dieser verließ die Familie, als sie noch ein Kleinkind war und ging in den Senegal zurück. Dennoch ist das Buch kein Roman, der das Thema Afrika plakativ vor sich her trägt – denn im Vordergrund stehen Biographien und Familiengeschichten. Das schützt allerdings nicht vor Erschütterungen. Denn die drei Frauenleben zwischen Frankreich und dem Senegal sind voller Verrat, Gewalt, Verdrängung und Verzweiflung, die auf den ersten Blick den Romantitel in Frage stellen. Den drei Geschichten des Romans ist eins gemeinsam: sie beginnen dort, wo die Lebensbilanz bereits die Verlustseite betont. Die Vergangenheit ist ein Abgrund, die Protagonisten meiden die Erinnerung an sie so lange, bis ein Rückblick unvermeidlich wird. Dabei sind es vor allem Familienbeziehungen, die die Figuren belasten, monströse Beziehungen zwischen Eltern und Kind, die nicht versiegende Sehnsucht nach Heilung und Liebe.

Besuch beim Schläfer im Flammenbaum

In der ersten Geschichte besucht Norah, eine erfolgreiche Pariser Anwältin, ihren sengalesichen Vater in Dakar. Das Wiedersehen nach Jahrzehnten reißt die Tragik der Familiengeschichte wieder auf. Bereits der erste Satz enthüllt die Ambivalenzen der Vater-Tochter-Beziehungen:

Und der, der sie empfing oder wie durch Zufall auf der Schwelle seines großen Betonhauses auftauchte, in einem schlagartig so starken Licht, daß es von seinem hellgekleideten Körper auszugehen und sich von dort zu verbreiten schien, dieser Mann, der klein und schwerfällig dastand und ein weißes Strahlen aussandte wie eine Neonleuchte, dieser plötzlich auf der Schwelle seines übertrieben großen Hauses erschienene Mann hatte, so sagte sich Norah sofort, nichts mehr von seinem Hochmut, von seiner Statur, von seiner früher auf geheimnisvolle Weise gleichbleibenden und dadurch unvergänglichen Jugendlichkeit.

Der ehemals herschsüchtige und unnahbare Vater hat sich in einen hinfälligen Mann verwandelt, der nachts in den Ästen eines Flammenbaums schläft. Die Familie liegt in Trümmern. Eine Frau wurde getötet, Norahs Bruder darbt im Gefängnis. Es ist an Norah, das Rätsel zu entwirren. Fanta, die Frau in der zweiten Geschichte, erschließt sich den Lesern dagegen nur durch die Perspektive ihres Mannes Rudy. Sie folgte ihrem Mann aus dem Senegal in die französische Provinz. Der ehemalige Lehrer und jetzige frustrierte Küchenverkäufer durchlebt einen heißen Sommertag, der eine kathartische Wirkung entfaltet – lange verschüttete Erinnerungen an ein Verbrechen im Senegal werden geweckt. Im Konflikt mit einer dominanten Mutter und der eigenen Frau, die sich immer mehr zurückzieht, muss Rudy sich auf sein eigenes Ich beziehen.

Festung Europa, oder: Tod am Grenzzaun

Khady Demba, die Heldin der dritten Geschichte, ist ganz auf sich allein gestellt. Die junge afrikanische Witwe lebt bei der Familie ihres verstorbenen Mannes, die sie lieblos als Arbeitskraft duldet. Khady Demba hat keine familialen Verbindungen mehr, an denen die anderen Protagonisten leiden, keine Kinder, obwohl sie von einem großen Kinderwunsch erfüllt war. Geblieben ist aber ein starkes Bewusstsein für ihre Individualität, ihre menschliche Würde. Als ihre Famile ihres Mannes sie an einem Schlepper übergibt, der sie nach Europa bringen soll, beginnt für Khady Demba eine Oyssee des Leidens, die schließlich am Grenzzaun nach Europa tödlich endet. Durch die Innenperspektive der Analphabetin Khady, die nur weiß, was sie selbst erlebt hat, erlebt man die Hoffnungslosigkeit der Flüchtlinge ebenso unvermittelt wie die Trostlosigkeit der Durchgangslager und das Zwangsystem der Prostitution. In Europa verschließt man diesen Dingen gegenüber gern beide Augen. Weil Drei starke Frauen ganz bewusst die afrikanischen Flüchtlingsströme, das Ertrinken im Meer oder den Tod am europäischen Grenzzaun thematisiert, ist es auch ein eminent politisches Buch. Und zugleich ein Buch der französischen Gegenwartsliteratur, das gelesen werden muss.

Autorin&Copyright: Heide Reinhäckel

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Marie NDiaye, Drei starke Frauen
(Okt./Nov. 2010)
E-Book (epub/PDF) 19,99 Euro
Hardcover (Suhrkamp) 22,90 Euro

Veröffentlicht von

Heide Reinhäckel

Die Literaturwissenschaftlerin und Journalistin Heide Reinhäckel hat über das Thema Nine Eleven in der deutschsprachigen Erzählliteratur promoviert. Zur Zeit arbeitet sie freiberuflich als Lektorin & schreibt u.a. für die taz.